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Mr. Gay Syria im Interview: „Wenn wir jetzt nicht sprechen, werden wir für immer verloren sein“

31. März 2016
Hussein, gewann im Februar die Wahl zum Mr. Gay Syria

Am 19. April beginnt die Wahl zum Mr. Gay World, die diesmal in Malta stattfindet. Zum ersten Mal soll mit Hussein auch ein Teilnehmer aus Syrien antreten. SIEGESSÄULE hat mit ihm gesprochen

Mitte Februar fand in Istanbul die Wahl zum Mr. Gay Syria statt. Organisiert  wurde sie von dem Journalisten Mahmoud Hassino, der 2014 selbst als Refugee nach Deutschland kam und mittlerweile bei der Berliner Schwulenberatung arbeitet. Ihm ging es darum zu zeigen, dass es schwule Syrer immer noch gibt und sie „nicht bloß die Leichen in den Videos der IS“ sind, wie er vor ein paar Monaten im Interview mit der SIEGESSÄULE erzählte. Er vermittelte uns ein Gespräch mit Hussein, dem Gewinner der Wahl, der aus seiner Heimatstadt Aleppo floh und zur Zeit in Istanbul lebt. Am 19. April soll er bei der Wahl des Mr. Gay World Syrien vertreten. Wir haben mit ihm über den Wettbewerb und seine Situation als Refugee in der Türkei gesprochen.

Hussein, was war deine Motivation an der Wahl zum Mr. Gay Syria teilzunehmen? Meine Hauptmotivation ist die Situation der Community und speziell der LGBT-Refugees in der Türkei. Es gibt dort jede Menge homophober Übergriffe. Polizei und die Regierung unternehmen nichts dagegen. Es ist bereits für türkische LGBTs schwierig, aber für queere syrische Geflüchtete ist es besonders schlimm, weil sie null durch irgendwelche Gesetze geschützt werden. Ich wurde auch attackiert und zusammengeschlagen. Daraufhin bin ich zur Polizei gegangen, aber sie haben mir nicht geholfen. Ich bin zum Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gegangen und sie haben mich abgewiesen. Dieser Wettbewerb scheint mir die ideale Plattform, um geflüchteten LGBTs aus Syrien eine Stimme zu geben. Wenn wir jetzt nicht sprechen, werden wir für immer verloren sein.

Wie hast du überhaupt von der Wahl erfahren?
 Eine Gruppe syrischer LGBTs, die in der Türkei leben, begannen im März letzten Jahres wöchentliche Treffen zu organisieren, unterstützt von LAMBDA Istanbul. Mahmoud Hassino, der die Wahl zum Mr. Gay Syria organisierte, hatte Kontakt zu ihnen und kam dann zu einem der Meetings, um den Wettbewerb anzukündigen. Daraufhin habe ich mich angemeldet.

Wie lief denn die Wahl ab? Es war großartig und toll organisert, auch wenn ich die ganze Zeit mit meiner Nervosität zu kämpfen hatte. Viele syrische LGBTs waren anwesend und der Raum komplett gefüllt. Wenn man bedenkt, wie wenig Support es für solche Events gibt, war es einfach nur perfekt.

Zu den Aufgaben der Teilnehmer gehörte es, eine Art Kamapagne für die syrische LGBT-Community vorzustellen. Wie sah deine aus?  Ich will auf die Probleme der syrischen und anderer LGBT-Refugees in der Türkei und weiteren Ländern der Region aufmerksam machen. Wir haben keine Rechte. Manche von uns brauchen und wollen eine Ausbildung und bekommen sie nicht. Andere wollen Arbeit und einfach ein normales Leben führen, aber das ist nicht möglich. Wir müssen vor allem versuchen uns gegenseitig zu unterstützen, auch wenn aufgrund der aktuellen, völlig untauglichen Flüchtlingsrichtlinien nur wenig getan werden kann.

Gibt es überhaupt noch eine LGBT-Community in Syrien? Ich weiß es nicht. Bevor ich Syrien verließ und nach Istanbul flüchtete, hatte ich keine Kontakte zu LGBTs. Als ich 18 wurde, begannen in Syrien die Unruhen und der Krieg und ich wurde zum Militär eingezogen.

Warum bist du in die Türkei geflohen? Ich bin geflohen, um dem Militärdienst zu entgehen. All meine Träume sind damals einfach zusammengebrochen. Ich will nichts mit dem Krieg und dem Töten zu tun haben. Deswegen habe ich die erste Chance zur Flucht ergriffen.

Wie ist es jetzt für dich dort zu leben, gerade vor dem Hintergrund der erstarkten islamisch-konservativen Kräfte in der Türkei? Für mich ist es schrecklich hier. LGBTs in der Türkei sind beständig mit Diskriminierung konfrontiert. Ich arbeite als Frisör in Taksim, Istanbul und höre ständig von homophoben Übergriffen. Ich selbst habe viel Gewalt erlebt. Viele meiner Kunden sind schwul, drei davon Türken, die vor ihren Familien geflohen sind und jetzt in Istanbul leben. Als sie entschieden haben, sich zu outen und ein offenes schwules Leben zu führen, hat ihnen niemand mehr einen Job gegeben. Hinzukommt, dass die Regierung ein starkes Zeichen gegen die Community gesetzt hat, als sie beim Istanbul-Pride im letzten Jahr unter anderem mit Wasserwerfern auf die Demonstranten losing.

Als Mr. Gay Syria wirst du im April in Malta auch an der Wahl zum Mr. Gay World teilnehmen. Was erhoffst du dir davon? Ich möchte dort über die Probleme der LGBT-Refugees sprechen und wünsche mir für mein Anliegen Support zu finden. 

Und was sind deine Pläne für die Zukunft? Ich möchte gern zusammen mit Mahmoud eine Kampagne entwicklen, die sich auf LGBT-Refugees aus Syrien und den Irak konzentriert. Das muss allerdings noch warten. Jetzt geht es darum, die ganzen bürokratischen Hürden zu nehmen, damit ich an der Wahl zum Mr. Gay World teilnehmen kann. Es ist auch noch offen, ob ich überhaupt ein Visum bekomme. Mahmoud sagt, ich soll mir darum keine Sorgen machen und mich auf den Wettbewerb fokussieren. Aber mir setzt diese Situation schon ordentlich zu, zumal die Syrier gerade von allen sehr schlecht behandelt werden. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass wir alles verloren haben und in der härtesten vorstellbaren Form neu anfangen müssen. 

Interview: Andreas Scholz

Wahl zum Mr. Gay World 2016, 19.-23.04., Malta, mrgayworld.com

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