Berlin

Rita Süssmuth im Interview: „Der Kampf darf nicht aufhören!“

8. Apr. 2016
Beim Frühjahrsempfang der Deutschen Aids-Hilfe erhielt Prof. Dr. Rita Süssmuth die Ehrenmitgliedschaft © Brigitte Dummer

Ein bewegender Abend für Rita Süssmuth: Die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft durch die Deutsche AIDS-Hilfe wurde zu einem gelungenen Rückblick auf ihr mutiges Handeln als Politikerin

Gestern Abend wurde Prof. Dr. Rita Süssmuth, ehemalige Bundesgesundheitsministerin und langjährige Präsidentin des Deutschen Bundestags, beim Frühjahrsempfang die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen AIDS-Hilfe verliehen. Süssmuth, die ihr Ministeramt von 1985 bis 1988 und damit inmitten der Aids-Krise innehatte, wurde für ihren Kampf gegen Diskriminierung, Stigmatisierung und für Prävention ausgezeichnet. „Die Einteilung in gut und böse, in Sündige und Heilige, das passte einfach nicht in mein Menschenbild“, erinnert sich die CDU-Polikerin im Interview mit SIEGESSÄULE.de am Rande der Feierlichkeiten

Frau Süssmuth, heute Abend wurde immer wieder Ihr besonnenes Handeln als Gesundheitsministerin während der Aids-Krise in den 80er-Jahren betont. Welche Rolle spielte der Mensch Rita Süssmuth jenseits des Amts dabei, dass Sie sich den teils menschenverachtenden Forderungen – gerade in Ihrer eigenen Partei – so konsequent widersetzt haben?
Die Gründe, die dazu führten, dass ich so gehandelt habe, hängen zunächst mit meinem allgemeinen Menschenverstand und meinem anthropologischen Hintergrund zusammen. Ein weiter Aspekt ist mein Glaube. Als Christin konnte ich mir einfach nicht vorstellen, was mit den erkrankten Menschen passieren soll. Die Einteilung in ,gut' und ,böse', in ,Sündige' und ,Heilige', das passte einfach nicht in mein Menschenbild. Von daher war eines für mich klar: Ja, ich kann mich irren, weil wir im Fachwissen Lücken haben, aber wie auch immer es kommen mag, ich werde mich mit allen Mitteln einer Ausgrenzung widersetzen. Es war für mich letztlich eine ethische Grundüberzeugung, die hinter meinem Handeln stand. Wir müssen in der Politik sehr oft handeln, ohne alle Fakten zu kennen und dann kommt es sehr darauf an, welche Einstellung wir generell zur Gesellschaft und insbesondere zu Menschen haben, die anders sind als wir selbst.

Sie haben sich heute auch abseits der Themen HIV und Aids sehr politisch geäußert, etwa zur Flüchtlingsfrage und zu einem wahrnehmbaren Rechtsruck. Denken Sie, dass den Aids-Hilfen heute eine größere politische Rolle zukommt, auch abseits von HIV? 
Auf jeden Fall. Die Aufgabe ist mittlerweile breiter angelegt als in den Anfangszeiten, als der Fokus auf einer damals verheerenden Epidemie lag. Heute geht es zum Beispiel darum, welche Rolle die Aids-Hilfen im Abbau von Gewalt, in Bezug auf ein behutsames und achtsames Sexualverhalten oder den Umgang mit anderen sexuellen Orientierungen einnehmen. Für mich geht diese erweiterte Rolle aber noch weiter, nämlich auch bis zum Umgang mit Migranten und Flüchtlingen. Ich betrachte den Menschen nicht von seiner ethnischen Herkunft oder seiner Religion her, sondern gucke mir an, was für einen Menschen ich vor mir habe. Ausgrenzung ist meiner Meinung nach das Schlimmste, was Menschen widerfahren kann. Denn ohne Zugehörigkeit können wir uns nicht entwickeln und lernen. Insofern kommt in unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation einschließlich des demokratischen Erhalts den Aids-Hilfen eine sehr wichtige Bedeutung zu, die ich nicht begrenzen kann auf Prävention zur Vermeidung von Infektionen.

Denken Sie, dass HIV-Positive Menschen heute offen mit ihrer Infektion umgehen können oder sind Betroffene noch immer mit Diskriminierung und Stigmatisierung konfrontiert? 
Ich sehe das so: Es gibt eine gewisse erreichte Offenheit, aber eben auch immer noch das verdeckte alte Denken. Und wir müssen aufpassen, dass dieses nicht an die Regierung kommt, sonst sind Diffamierung und Ausgrenzung ganz schnell wieder offen da. Der Kampf darf also nicht aufhören, sondern muss weitergeführt werden.

Interview: Daniel Segal