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Schutzräume für queere jugendliche Geflüchtete

11. Mai 2016
Andreas Schröder (mittig) mit Jugendlichen, die von dem Projekt Queer Leben betreut werden

Das Berliner Projekt Queer Leben hat eine betreute Jugend-WG gegründet, um minderjährigen Geflüchteten ein neues Zuhause zu bieten

WGs als Schutzräume anzubieten, in denen queere Jugendliche ein positives Selbstwertgefühl entwickeln können – das ist eines der zentralen Anliegen von Queer Leben. Seit Juni 2010 existiert das Berliner Projekt beim Jugendhilfeträger Trialog e. V. und betreut vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 21 Jahren. Zum Jahresbeginn hat man im Prenzlauer Berg eine neue WG mit vier Plätzen für minderjährige unbegleitete queere Geflüchtete eröffnet. „Das sogenannte Flüchtlingsthema war zu diesem Zeitpunkt gerade auf einem Höhepunkt“, erzählt Projektleiter Andreas Schröder, „der Vermieter war daher für die Idee einer solchen WG sehr zugänglich.“

Die geflüchteten Jugendlichen, die bei Queer Leben betreut werden, kommen zur Zeit unter anderem aus der Türkei, aus Syrien, dem Irak oder Pakistan. Hauptsächlich handelt es sich um schwule CIS-Jungs und einige Trans*frauen. Wobei es für manche schwierig ist, ihre Identität bereits so klar zu definieren: „Fast alle Jugendliche haben die Erfahrung gemacht, dass ihr Schwul-, Lesbisch- oder Trans-Sein in ihren Familien und Herkunftsländern abgelehnt wurde oder wird“, betont Andreas. „Nicht selten haben sie dies internalisiert. Daher fällt es dem Einen oder der Anderen schwer, sich im Spektrum der Möglichkeiten geschlechtlicher Identität eindeutig zu verorten. Unsere WG ist daher auch ein Raum, in dem die Jugendlichen mit geschlechtlicher Identität experimentieren können.“



Überhaupt mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten und sie in ihrer Lebenssituation abzuholen, war ein langwieriger und schwieriger Prozess. Bürgerinitiativen und Netzwerke wie Berlin hilft oder Moabit hilft!, in denen es Arbeitsgemeinschaften gibt, die sich direkt an queere Geflüchtete wenden, haben dabei geholfen. Auch wurden Flyer auf Deutsch, Englisch, Farsi und Hocharabisch in Umlauf gebracht, die über das Angebot des Projekts informieren. Allerdings stellte sich das als problematisch heraus, da es zum Beispiel im Farsi fast unmöglich ist, wertschätzende Begriffe für „lesbisch“ oder „schwul“ zu finden.

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete werden durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft in Obhut genommen und unter anderem in Hostels untergebracht. In Clearing-Verfahren wird geklärt, welchen Bedarf die Jugendlichen haben und welchen Einrichtungen sie zugeführt werden sollen. Doch in diesem Rahmen die eigenen Bedürfnisse klar zu artikulieren, setzt ein Selbstbewusstsein voraus, über das die meisten queeren Jugendlichen aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen nicht verfügen.

Laut Andreas wird das Gefühl, sich mit einem Outing besser zurückzuhalten, durch die Situation in den Hostels eher verstärkt: „Das Zusammenleben auf engstem Raum und eine dadurch eingeschränkte Privatsphäre kann keinen Schutz vor Homophobie bieten. Wir sind daher mit den Kolleg*innen, die bei Trialog e.V. im Bereich Zuflucht arbeiten, immer im Austausch, wie mögliche queere Jugendliche erkannt und wie ihnen Brücken gebaut werden können, sich gegenüber den Betreuer*innen in den Hostels zu outen. So kann der Clearing-Prozess gleich mit der Frage nach einer entsprechenden Unterbringung angegangen werden.“

In den WGs bietet sich den Jugendlichen erstmals die Chance, zur Ruhe zu kommen. Gleichzeitig werden sie aber auch mit neuen Problemen konfrontiert. So überfordert es viele, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden, es gibt sprachliche Schwierigkeiten. Die Traumatisierungen durch die Flucht, die Sehnsucht nach der Familie können dabei eine ebenso entscheidende Rolle spielen. „Geduld, Zuhören und Eingehen auf Signale der Jugendlichen ist angesagt“, so Andreas. Hinzukommen die bürokratischen Hürden wie Asylantrag, Duldung oder Vormundschaft und damit die Frage, ob sie ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten. „Doch mit Jugendlichen über diese Sachfragen in Kontakt zu kommen, kann Schritt für Schritt ein Vertrauensverhältnis aufbauen, das später auch ,härteren‘ Themen standhält.“

Andreas Scholz

trialog-berlin.de

queer-leben.de