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Kritik am BVG-Plakat: „Ich hätte der Kampagne mehr Kreativität zugetraut“

7. Aug. 2016
Sharleen Voyage (li.) und Doris Belmont (c) BVG / Berliner Verkehrsbetriebe

Die Berlinerin Sharleen Voyage ist eine von den beiden Dragqueens auf dem neuen Plakat der BVG. Im SIEGESSÄULE-Interview erzählt sie, warum sie an dem Motiv und dem dazugehörigen Spruch Kritik übt

Im bekannten BVG-Clip „Is mir egal“ soll auf ironische Weise gezeigt werden, dass jeder und jede in den Bahnen des Verkehrsunternehmens willkommen ist. Kurz dabei sind auch die Berliner Drags Sharleen Voyage (u. a. bekannt von der Partyreihe „Tunten aus der Gruft“) und Doris Belmont zu sehen. Ein neues Plakatmotiv, das aus diesem Clip stammt, wirbt nun mit dem Slogan „Wer schwarz fahren will, muss Eier haben“ – und ist für Sharleen Anlass, im Interview mit SIEGESSÄULE.de deutliche Kritik an der BVG zu üben.

Sharleen, wie kam es überhaupt dazu, dass du Teil der BVG-Kampagne bist? Wir erfuhren über eine Freundin, dass die BVG einen Werbespot plant und zwei Drag-Darstellerinnen benötigt. Da sie uns mitteilte, dass wir ganz gute Chancen hätten, beschlossen wir daran teilzunehmen. Wir wollten ein wenig Extrageld verdienen, und zwar gerne auch als Sharleen Voyage und Doris Belmont. Deswegen hielten wir die Aktion für eine gute Idee.

Wie ging es dann weiter? Wir haben beide einen Vertrag unterschrieben, bei dem wir jede Form von Rechten an unserem Bild- und Videomaterial abgetreten haben. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse, und auch, dass die Fotos für Poster und digitale Medien verwendet werden. Nur, weder meine Freundin noch ich wussten, dass wir in den zwei sichtbaren Filmsekunden lediglich finster in die Kamera blicken sollten. Ganz zu schweigen von dem Eierspruch auf den aktuellen Postern.

Wie war dann der Dreh bzw. das Shooting?
Naja, wir wussten ja, dass uns falsche Bärte aufgeklebt werden. Als wir aus der Maske kamen, waren wir gemeinsam mit Grufties, einem Stripteasetänzer und zwei schwulen Lederkerlen einen ganzen Tag lang zum Dreh in der U-Bahn unterwegs. Insgesamt gab es anscheinend fünf Drehtage, wir wurden allerdings gemeinsam mit den anderen „Exotischen“ abgefertigt.

Das klingt so, als ob du insgesamt nicht besonders glücklich über die ganze Geschichte bist … Ja, das stimmt schon. Es gibt hier einfach mehrere Ebenen, auf denen ich mich über die Aktion ärgere. Denn ja, mir war klar, dass ich sämtliche Bildrechte abtrete, das wurde durchaus transparent kommuniziert. Den fertigen „Is mir egal“-Clip fand ich dann allerdings eher so mittelmäßig. Er war gut gemeint, aber zu reißerisch umgesetzt. Man hat sich lieber auf Plakatives mit bärtigen Transen, blassen Grufties und eine ausgeflippte Partyszenerie gestürzt, also all das, was man im alltäglichen BVG-Leben fast nie zu Gesicht bekommt. Es wurde mit Klischees gespielt, um die BVG als offen darzustellen, wobei es ja leider tatsächlich so ist, dass man sich als aufgefummelter Transvestit eigentlich gar nicht gefahrlos in die BVG setzen kann.

Unter dem neuen Kampagnen-Foto steht jetzt der Slogan „Wer schwarz fährt, muss Eier haben“. Wie findest du den Spruch? Ich denke, der Spruch ist auf jeden Fall ein bisschen schambehaftet und es liegt ja auch auf der Hand, dass diese ganze Marketing-Kampagne einfach reißerisch klingen soll. So nach dem Motto „Wir wollen auf uns aufmerksam machen. Und deshalb setzen wir da eben mal zwei Travestie-Künstlerinnen hin, die man dann auch noch mit Bärten à la Conchita Wurst beklebt.“ Der Spruch dazu löst für mich vor allem ein „Really?!“ aus. Ich finde, dass man aufpassen muss, welche Begrifflichkeiten man verwendet. Das man sensibel mit Sprache umgeht, ist für mich schon sehr wichtig. Davon abgesehen hätte ich der Kampagne bei der Wahl des Spruchs etwas mehr Kreativität zugetraut.

Würdest du dich nach diesen Erfahrungen auf so ein Projekt noch einmal einlassen? Also wenn ich mir überlege, wie viel Geld wir für diesen ganzen durchaus anstrengenden Drehtag bekommen haben, dann war mir das schon zu viel Arbeit. Und auch das mit dem Abtreten von Bildrechten würden weder ich noch meine Freundin Doris in dieser Form nochmal machen.

Interview: Daniel Segal

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Sharleen Voyage und Doris Belmont