Kultur

Alles Liebe! Zum 20. Todestag von Rio Reiser

16. Aug. 2016
Rio Reiser

Am 20. August jährt sich der Tod des schwulen Musikers zum 20. Mal. Ein Gespräch mit seinem Bruder Gert Möbius, der im Juni eine Rio-Biografie veröffentlichte

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Junimond“ oder „Sie ham mir ein Gefühl geklaut“ – egal ob mit seiner Agitrockband Ton Steine Scherben, der schwulen Theatergruppe Brühwarm oder solo, Rio Reiser prägte die deutsche Rockmusik wie kaum ein anderer. Am 20. August jährt sich sein früher Tod zum zwanzigsten Mal. Wir sprachen mit seinem Bruder Gert Möbius, der im Juni mit „Halt dich an deiner Liebe fest“ eine Rio-Biografie veröffentlichte, über Liebe und Leid des Ausnahmekünstlers

Gert, die Kindheit von euch drei Möbius-Brüdern – Ralph (Rio), Peter und dir – war geprägt von ständigen Umzügen der Familie von Stadt zu Stadt. Welchen Einfluss hatte das auf eure Entwicklung? Wenn man immer neu ankommen muss, in Schulen, Klassen und nicht nur dort, dann ist man immer fremd in der Fremde. Wir sind deshalb mehr zusammengerückt, haben über alles gemeinsam diskutieren und reden können. Positiv war daran, dass wir viel mehr Freiheit gehabt haben, als es sie vielleicht in anderen Familien gab.

Du beschreibst Rios Coming-out 1968, ein Jahr nachdem ihr nach Berlin gezogen seid, in deinem Buch entsprechend lapidar. Er sagte dir, dass er schwul ist, und deine Antwort war: „Lieber Ralph, ich freue mich heute echt unheimlich, einen Bruder zu haben, der schwul ist!“ Ich habe damit nie ein Problem gehabt. Das ist für mich ganz normal.

Die Gesellschaft war damals aber eine andere. Der Paragraf 175 war bis 1969 in der Nazi-Version in Kraft, und auch die linke Szene war Anfang der 70er, wie Rio in seinem Tagebuch beschreibt, recht heteronormativ geprägt. War euch klar, wie sehr er damals unter seiner Einsamkeit als schwuler Mann gelitten hat? Das habe ich erst mitbekommen, als ich seine Tagebücher gelesen habe. Ich bin mir auch nicht sicher, ob damals alle aus seiner Band Ton Steine Scherben gewusst haben, dass Rio schwul war. Viele haben dem wenig Beachtung geschenkt. Er fühlte sich alleine damit und beschreibt, dass er sich vorkäme, als ob er krank sei. Er wusste aber, dass er nicht krank war, er war selbstbewusst schwul. Aber er fühlte sich ausgeschlossen. Auf Tourneen mit den Scherben hat er sich in Jungs verliebt, aber das klappte immer nicht. Viele hatten Angst, weil die Gesellschaft eben noch nicht so offen war, selbst wenn sie es vielleicht gewollt hätten. Wäre das anders gewesen, hätten die wahrscheinlich auch mit ihm Sex gehabt.

Du hast dich entschieden, große Passagen aus Rios Tagebuch von ‘73/’74 in dein Buch zu übernehmen. Ein Satz, der mir dabei besonders in Erinnerung geblieben ist, lautet: „Es ist nicht meine Krankheit, dass ich Männer liebe. Die Angst, das ist meine Krankheit, und die ist lebensgefährlich.“ Wovor hatte Rio Angst? Es war eben, dass er sich verliebt hatte in ein paar Jungs, aber daraus wurde immer nichts. Er wusste nicht, wo er hin soll mit seinem Gefühl. Du verliebst dich in einen Menschen und der tut so, als ob er das annehmen würde, und dann haut er ab oder sonst was.

Also geht es um die Furcht, nicht zurückgeliebt zu werden? Er schreibt, dass er kurz vorm Selbstmord war. So dramatisch war das. Das hat mir sehr zu denken gegeben. Ich hätte nicht gedacht, dass das bei ihm so weit ging. Man hat das von außen nicht gemerkt. Aber man muss dazu bei Rio auch feststellen, dass Leiden gleichfalls eine bemerkenswerte Kreativität erzeugen kann.

Hast du dir deshalb später Vorwürfe gemacht? Ein bisschen schon, ich wollte ihn schon früher als Kind beschützen. Ich hätte aber eh nichts machen können. Ich greife nicht gerne in andere Leben ein. Ich habe aber immer Angst um ihn gehabt. Wir haben ja lange Zeit in Kreuzberg zusammengewohnt. Immer, wenn er nachts auf ‘nem Trip oder so weggegangen ist, konnte ich nicht schlafen. Ich bin dann wach geblieben, bis er nach Hause kam.

Rios erste Kontakte zur schwulen Szene kamen in Frankfurt zustande. Er war nicht so wahnsinnig begeistert. Was war das Problem, das er mit der schwulen Szene hatte? Er wollte dieses Bürokratische nicht. Einen Verein der Schwulen oder irgend so was. Vereine interessierten ihn generell nicht. Dass er später in die PDS eingetreten ist, war mehr ein Scherz. Er wollte sein Schwulsein nicht raushängen lassen. Das war nicht seine Art.

Das gesamte Interview gibt es in der aktuellen August-Ausgabe der SIEGESSÄULE

Interview: Jan Noll

Rio Reiser zum 20. Todestag mit Musikern von Ton Steine Scherben, Patsy l’Amour laLove u. a., 20.08., 14:00, Friedhofskapelle Alter St.-Matthäus-Kirchhof

Gert Möbius: „Halt dich an deiner Liebe fest. Rio Reiser“, Aufbau Verlag, 351 Seiten, 22,95 Euro

Rio Reiser: Alles und noch viel mehr (Sony Music), ab dem 19.08. erhältlich