Jubiläum

Die queeren Sisters of Mercy: 25 Jahre Schwestern der Perpetuellen Indulgenz

2. Sept. 2016
Daphne (li.) und Suzette (re.) vom Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz

Sie sind ehrenamtlich im Namen der Liebe unterwegs, klären auf, sammeln Spenden und sind bekannt für ihre abgefahrenen Outfits – die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz

Sie sehen sich als queere Nonnen des 21. Jahrhunderts. Ihre erste Gemeinschaft entstand 1979 in San Francisco. Der deutsche Ableger wurde 1991 in Heidelberg gegründet. Seit 1993 gibt es den Berliner Orden. SIEGESSÄULE-Autor Andreas Marschner sprach mit Schwester Suzette und Schwester Daphne über ihre Grundsätze, Aufgaben und das in diesen Tagen in Berlin stattfindende Konklave

Perpetuell ist lateinisch und bedeutet ewig, Indulgenz bedeutet Straferlass. Inwieweit haben diese Wörter etwas mit eurer Arbeit zu tun? Daphne:
Wir verbreiten universelle Freude und wollen verinnerlichte Schuldgefühle tilgen. Denn es gibt immer irgendjemanden irgendwo auf der Welt, der mit dem Finger auf dich zeigt und sagt, du bist scheiße, weil … zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu schwarz, zu weiß, zu lesbisch, zu schwul, zu trans oder was auch immer. Es gibt 1000 Gründe, warum dich Menschen blöd finden. Und wir sagen, lass dich von anderen nicht fertig machen und lass dir nicht einreden, dass du schlecht bist. Suzette: Wir sind viel mit Leuten im Gespräch, sind sozusagen ein immerwährendes offenes Ohr. Wir halten Händchen, trocknen Tränen, aber wir lachen auch gemeinsam mit den Menschen. Außerdem klären wir auf über HIV, Aids und andere sexuell übertragbare Infektionen. Wir verteilen kostenlos Safer-Sex-Material und sammeln Spenden für Menschen, die von HIV und Aids betroffen sind.

Ihr bezeichnet euch selbst als spirituell und nicht als religiös. Warum habt ihr ausgerechnet die Figur der Nonne für euch gewählt? Daphne:
Im Prinzip ist das durch einen puren Zufall passiert. Eine der vier Gründungsschwestern, Sister Vicious PHB, hatte sich von einem katholischen Konvent in Cedar Rapids (Iowa) Schwestern-Habits ausgeliehen, bevor sie nach San Francisco zog. Ursprünglich wollte sie mit einer schwulen Theater-Gruppe „The Sound of Music“ aufführen. Dazu kam es aber nie und die Habits hat sie auch nie zurückgegeben. Stattdessen wurden diese Habits an Karsamstag 1979 zum ersten Mal von den Gründerinnen getragen. Suzette: Das Ganze hatte einen so großen Effekt, dass man einfach dabei geblieben ist und sich den Namen „Sisters of Perpetual Indulgence“ gab.

Ihr Berliner Schwestern tragt als Haube einen ausgestopften BH und schminkt euch sehr aufwendig. Weshalb diese auffälligen Outfits? Suzette: Das sogenannte white face diente anfangs als Maske, denn viele der ersten Schwestern wollten nicht erkannt werden. Aber im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass unser Aussehen einen hohen Wiedererkennungswert hat. Unsere Farben haben auch eine Symbolik: Das Weiß steht für den Tod. In den 1980er Jahren ging es dabei vor allem um den Tod an Aids. Heute geht es mehr um Ausgrenzung, also den sozialen Tod. Die ganze Farbe und der Glitzer ist dagegen Ausdruck der Lebensfreude, die wir dem Tod mit unserer Arbeit entgegensetzen.

Wo seid ihr im Einsatz? Daphne:
Motzstraße rauf und runter in allen möglichen Kneipen wie Scheune, Woof, Heile Welt, Hafen usw. Wir sind auch viel auf Partys unterwegs, mal im SchwuZ, mal bei Girlstown. Und in den Sommermonaten sind quer durch die Republik auf den verschiedenen CSDs. Suzette: Von vielen CDS-Veranstaltern werden wir direkt eingeladen, weil wir auch zu mehr Sichtbarkeit beitragen, vor allem bei kleineren CSDs, was wir sehr unterstützen.

Wer unterstützt euch denn? Suzette: Wir sind Mitglied der Deutschen AIDS-Hilfe und die Kondome, die wir kostenlos verteilen, sind die, die auch die Kampagne „Ich weiß, was ich tu“ benutzt. Daphne: Und wir haben auch Fördermitglieder, unsere Seligen, die uns finanziell unterstützen. Das sind derzeit 16. Es gibt auch das tolle Projekt die Homo Schmuddel Nudeln – ja, klingt ein bisschen schräg – (lacht), das uns seit drei Jahren unterstützt. Die schreiben Bücher, die sie zu unseren Gunsten verkaufen. Außerdem bekommen wir ab und an Spenden von großartigen Menschen.

Gerade veranstaltet ihr das „sisters conclave 2016“. Was passiert da? Daphne: Etwa 80 Schwestern aus aller Welt kommen vom 1. bis 11. September zu uns nach Berlin. Mit dabei ist auch eine der Gründerinnen von 1979, Sister Missionary Position. Das ist absolut großartig. Am Samstag steigt unsere 25-Jahres-Party im Club Untertage am Mehringdamm. Von Montag bis Freitag gibt es dann Workshops, Seminare und natürlich viel Austausch. Am Mittwoch sind wir übrigens alle in der Stadt unterwegs und ziehen vom Breitscheidplatz zum Alex. Am Samstag sind wir alle bei Folsom Europe mit dabei.

Interview: Andreas Marschner

Party „25 Jahre Perpetuelle Indulgenz in Deutschland“, 03.09., 23:00, Club „Unter Tage“, Mehringdamm 32, Eintritt frei, Spenden erbeten

Alle Jubiläums-Termine unter
www.indulgenz.de