Orlando

„Was sich durch das Attentat in Orlando verändert hat, ist der Zusammenhalt"

9. Okt. 2016

Welche Folgen hatte der Anschlag im Szene-Club Pulse auf die Community in Orlando? Wie wird den Opfern geholfen? Wir haben mit Lu Müller-Kaul, Präsidentin der lokalen LGBT-Handelskammer, gesprochen

Die aus der Nähe von Frankfurt stammende Lu Müller-Kaul lebt seit einigen Jahren in Orlando, Florida. Unter anderem ist sie Präsidentin der lokalen LGBT-Handelskammer. Im Interview mit SiS-Online beschreibt sie die Auswirkungen des Attentats im Szene-Club Pulse am 12. Juni mit 49 Toten und 53 Verletzten und wie dieser Tag alles veränderte

Lu, wie hast Du die Zeit nach dem Attentat in Orlando erlebt? Zuerst einmal muss ich sagen, dass mein Orlando nicht die Stadt von Disney World und den Touristen ist. Wir leben quasi auf der anderen Seite von Orlando, einer typisch amerikanischen Stadt, die zwar auch vom Tourismus lebt, dadurch aber vielleicht besonders liberal ist. Gerade für LGBT gab es schon vor der Eröffnung des Pulse viele Angebote und Möglichkeiten. Was sich aber durch das Attentat verändert hat, ist der Zusammenhalt. Die Netzwerke sind enger zusammengerückt, es wird nicht mehr nebeneinander sondern miteinander gearbeitet.

Woran machst Du das fest?
Gleich am nächsten Tag gab es erste runde Tische und Telefonkonferenzen, bei denen Organisationen, die bislang nie etwas zusammen gemacht hatten, gemeinsam überlegten, wer welche Ressourcen hat und wie diese koordiniert werden können. Auch unsere Handelskammer arbeitet seither viel enger mit Unternehmen und Organisationen zusammen, die den Opfern ganz praktisch zur Seite stehen. Außerdem scheint der Umgang mit Trauer hier ein anderer als in Deutschland zu sein. Die Menschen hatten und haben immer noch das Gefühl, etwas tun zu müssen. Es wird also nicht nur still getrauert, sondern es wird einfach unglaublich viel gemacht und organisiert. Zum Beispiel wurden für die Opfer insgesamt fast 30 Millionen Dollar an Spenden gesammelt, eine kaum vorstellbare Summe. Die 299 Personen, die vom FBI als Opfer geführt werden, oder ihre Hinterbliebenen, können so zwischen 35.000 und 350.000 Dollar an finanzieller Unterstützung bekommen. Das macht die Ereignisse nicht ungeschehen, hilft aber Lohnausfall und Behandlungskosten wenigstens teilweise zu decken.

Gibt es auch den Ruf nach schärferen Waffengesetzen? Ich glaube, es geht den meisten darum, dass nicht jeder ohne Überprüfung der Personalien und Strafregister, einfach Waffen kaufen kann. Gruppen, die sich für eine schärfere Waffenkontrolle einsetzen, haben inzwischen auch neuen Zulauf aus der gay community. Der Journalist J. Bryan Lowder beschrieb aber neulich in einem Artikel für Slate ganz treffend eine Reaktion, die er auf die Forderung aus der Community für schärfere Waffen bekam. ‚Bist Du ernsthaft dafür, einer verfolgten Gruppe die Mittel zur eigenen Verteidigung abzunehmen?’ Er antwortete wie wohl viele hier denken: ‚Nein, aber ich möchte mich eigentlich nicht bewaffnen müssen, um auf eine Happy Hour gehen zu können.’

Wie ist die Stimmung jetzt, so kurz vor den Präsidentschaftswahlen?
Was mir und vielen hier wirklich Sorge bereitet, sind die Weltuntergangsszenarien, die auf beiden Seiten entworfen werden. Was geschieht, wenn der jeweils andere gewinnt... Auch wenn sicher schwierige Zeiten für Einwanderer und Muslime anbrechen würden, sollte Trump tatsächlich gewinnen. Momentan sieht es ja eher nicht danach aus, aber die amerikanische Gesellschaft ist einfach sehr gespalten und Florida ist einer der Staaten, in dem sich die Wahl am Ende entscheiden kann.

Sonya Winterberg

http://mbaorlando.org

http://pulseoforlando.org

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