Homosexuelle und Kirche

„Wir sind Kirche, wir lassen uns nicht ausgrenzen“

10. Okt. 2016 as

Wir sprachen mit dem Sprecher der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) über die Gründung eines neuen Netzwerks christlicher Regenbogengruppen

In den letzten Tagen wetterten obere katholische Vertreter mal wieder gegen Homosexuelle. Kardinal Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, hatte laut FAZ in dem Interviewband „Die Botschaft der Hoffnung“ die Genderideologie und die sündigen Lebensverhältnisse von Schwulen und Lesben als pervers bezeichnet. Papst Franziskus beklagte auf seiner Georgien-Reise einen Weltkrieg gegen die heterosexuelle Ehe, die mit ideologischer Kolonialisierung geführt werde. Anfang Oktober haben aber auch sieben christliche LGBT-Gruppen mit dem Regenbogenforum eine neue Vertretung gegründet, um die Gleichberechtigung aller LGBTI-ChristInnen einzufordern. Wir haben mit dem Sprecher der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, Markus Gutfleisch, über die scharfe Rhetorik des Pastes und das neue Netzwerk gesprochen

Der Papst hat während seiner Georgien-Reise von einem Weltkrieg gegen die Ehe gesprochen und als deren größten Feind die Gender-Theorie benannt. Wie schätzt du solche Aussagen ein und warum werden sie gerade zu diesem Zeitpunkt getätigt?
Sie werden ja nicht nur jetzt getätigt. Papst Franziskus hat schon bei mehreren Auslandsreisen gegen die Homo-Ehe gewettert. Er gehört dem Jesuitenorden an, genauso wie Pater Klaus Mertes, der sich sehr engagiert für die Rechte von LGBT einsetzt und dafür klare Worte findet. Bei Franziskus ist es anders. Er liebt das Geschichtenerzählen, erinnert sich an seine Begegnungen mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*-Menschen. Und er sieht uns als Mitmenschen vor Gott; die Kirche soll uns die Tür öffnen. Aber irgendwie haben wir dann doch nicht gleiche Rechte. Sünde ist Sünde, sagt er dann. Dieser Satz ist unerträglich! Er zeigt uns, dass die meisten katholischen Kirchenführer ein eklatantes Defizit in Sachen zeitgemäßer Theologie und Dialogfähigkeit haben. Kurzfristig muss diese Rhetorik aufhören.

Liegt in der sehr aggressiv und martialisch gewählten Rhetorik eine neue Qualität?
Der Papst und eine große Mehrheit der Bischöfe, die ihn bei der Familiensynode beraten haben, erliegen einem einseitigen Verständnis der Gendertheorie. Ich unterstelle, dass sie Dinge absichtlich verdrehen. LSBTI sind keine Bedrohung für die Menschheit. Das Aufbrechen starrer Geschlechterbilder, das zu Vielfalt und Akzeptanz und Gerechtigkeit führt, auch nicht. Da sind die deutschen Bischöfe etwas weiter. Sie haben vor einem Jahr einen ziemlich guten Flyer zur Genderdebatte veröffentlicht. Ein Bischof aus Bayern hat zwar aufs Heftigste gegen die Aussagen protestiert, aber ansonsten hat sich hierzulande die Haltung durchgesetzt, dass wir uns als katholische Kirche nicht wegducken in dieser Debatte.

Wie geht ihr als LGBTIs in der Kirche mit solchen Aussagen um, wie begegnet ihr ihnen?
Wir haben mit einigen Bischöfen gesprochen und wollen, dass diese Dialoge weiterlaufen. Bisher hat der Papst die Bischöfe ermutigt, neue Wege zu gehen. Wenn er das weiterdenkt, muss die Kirche sich für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*-Menschen öffnen. Wir sind Kirche, wir lassen uns nicht ausgrenzen. Einige sind von den homophoben Tönen der Bischöfe genervt. Andere arbeiten konsequent daran, die seit mehr als 40 Jahren bekannten theologischen Argumente für echte Akzeptanz in die Kirche zu transportieren. Natürlich wächst unsere Ungeduld. Manche unserer evangelischen und altkatholischen Geschwister verstehen nicht mehr, was in der römisch-katholischen Kirche läuft. Dabei ist auch in diesen Kirchen der Weg zur Akzeptanz von LSBTI nicht einfach. Alles musste erkämpft werden: Die Ordination von Pfarrerinnen, gleiche Rechte für LSBT als kirchliche MitarbeiterInnen, die Trauung. Es liegt an uns. Wir haben die besseren Argumente, Phantasie und Kreativität.

Ihr habt mit dem Regenbogenforum eine neue Vertretung für die christlichen LGBTI-Gruppen aus Deutschland gegründet. Welche Ziele verfolgt ihr?
Wir sind überzeugt, dass wir gemeinsam vieles besser schaffen, als starke Vertretung nach außen für sieben Netzwerke und Gruppen, die konsequent in Kirche und Gesellschaft auftritt. Wir werden mit einer kräftigen Stimme sprechen, damit Geschlechtergerechtigkeit entsteht, damit unterschiedliche Lebensformen respektiert werden, damit LSBTTIQ, die heiraten oder in kirchlichen Berufen und Einrichtungen arbeiten, alle Rechte haben.

Warum hat es so lange gedauert, eine solche Form der Vernetzung zu schaffen?
Wir christliche Regenbogengruppen haben uns dafür so viel Zeit genommen wie wir brauchten! Die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Frauen und Männern ist in unserem Regenbogenforum wichtig, aber sie war nicht immer selbstverständlich. Bisher sind wir getrennte Wege gegangen. Dabei hat jede Gruppe eine eigene Identität entwickelt, was sehr wertvoll ist. In den letzten elf Jahren ist viel Vertrauen entstanden; das ist unsere Arbeitsgrundlage.

Von den sieben Gruppen, die ihr vertretet, sind immerhin vier lesbische Gruppen. Wie erklärt sich, dass gerade Lesben hier federführend waren?
Wir möchten das Schubladen-Denken überwinden! Es sind vier Lesben-Netzwerke (Labrystheia Netzwerk lesbischer Theologinnen und theologisch interessierter Lesben, Maria und Martha Netzwerk, Netzwerk katholischer Lesben, Ökumenische Arbeitsgemeinschaft Lesben und Kirche,) dabei, zwei bunt gemischte Gruppen (LesBiSchwule Gottesdienstgemeinschaften und HuK) sowie die AG Schwule Theologie. In unserem Leitbild haben wir vereinbart, dass sich die Vertretung gleichberechtigt zusammensetzt. Lesben sind genauso federführend wie Trans* und Schwule und andere. Die vier Lesbennetzwerke haben sich untereinander schon frühzeitig vernetzt. Da waren sie einen Schritt voraus. Um als Frauen in den Kirchen etwas durchzusetzen, war schon immer Strategie und Kooperation notwendig. Das sehen nun alle sieben Gruppen so.

Markus Gutfleisch von der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, die zu den sieben christlichen LGBTI-Gruppen gehört, die das Regenbogenforum gegründet haben



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