Queerer Meilenstein

30 Jahre deutsche Erstausgabe: „Das Unbehagen der Geschlechter“ von Judith Butler

29. Okt. 2021 Muri Darida, Mike Laufenberg, Patsy l'Amour laLove
Bild: Suhrkamp Verlag
Judith Butler

Zum 30-jährigen Jubiläum der deutschen Fassung des queertheoretischen Standardwerks „Gender Trouble" („Das Unbehagen der Geschlechter“) von Judith Butler kommentieren Muri Darida, Mike Laufenberg und Patsy l‘Amour laLove

Im Jahr 1990 erschien mit „Gender Trouble“ von Judith Butler eine der wichtigsten Schriften der Queer Theory. Mit der deutschen Übersetzung „Das Unbehagen der Geschlechter“ vom Oktober 1991 kamen die Diskurse und Butlers Thesen auch vermehrt an deutschen Universitäten an, bevor sie von dort aus ihren Weg in den Alltag der LGBTIQ*-Communitys nahmen. Queeres Leben von heute ist ohne die philosophischen Thesen in „Das Unbehagen der Geschlechter“ kaum denkbar.

Written in a Gay Bar

Bereits bei seinem Erscheinen sorgte „Gender Trouble“ für geteilte Meinungen – auch innerhalb der LGBTIQ*-Communitys. Mike Laufenberg fasst die Rezeption dieses Meilensteins der Queer Theory zusammen und erklärt, warum die Erhaltung queerer Räume als Orte der geschützten Gegenöffentlichkeit – ein wesentliches Thema in Butlers Buch – ein brandaktuelles Anliegen sein muss

Bereits als ich Ende der 1990er-Jahre zum ersten Mal „Gender Trouble“ las, gingen die Ansichten über das Buch weit auseinander. Während es von einigen als theoretischer Rahmen für eine neue queerfeministische Solidarität gefeiert wurde, sahen andere es als postmodernen Sargnagel der Frauenbewegung an. Diese widersprüchlichen, noch heute aktuellen Lesarten basieren nicht einfach auf Missverständnissen, die durch eine genauere Lektüre ausgeräumt werden könnten. Tatsächlich stehen sich hier kon- träre Versionen (und Visionen) von Feminismus und von lesbischer/schwuler Politik gegenüber. Als Intervention in innerfeministische Debatten verfolgte „Gender Trouble“ (dt. „Das Unbehagen der Geschlechter“) seinerzeit zwei zentrale Ziele: eine Kritik des Heterosexismus in der feministischen Theorie sowie den Entwurf einer queeren Theorie von Gender. Queer war dieser Entwurf, weil er die Frage, was männlich und was weiblich ist, aus dem Korsett der Heterosexualität befreite. Butler argumentierte, dass Mann und Frau erst durch die heterosexuelle Norm als sich wechselseitig ergänzende Geschlechter erscheinen. Ohne die Vorstellung von einer natürlichen Heterosexualität sei die Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gebe, hingegen nicht länger plausibel. Diese These berief sich auf neue Ausdrucksformen von Geschlecht in queeren Subkulturen, ohne die das Buch in dieser Form nicht vorstellbar gewesen wäre.

So erwähnte Butler einmal, dass „Gender Trouble“ in einer Gay Bar geschrieben wurde. Das mag teilweise wortwörtlich der Fall gewesen sein, es handelte sich aber vor allem um eine sinnbildliche Aussage. Die Lesben- und Schwulenbar ist ein Raum, der ganz andere Möglichkeiten des Geschlechtererlebens eröffnet als die heterosexuelle Lebensform, die bis heute den Hauptbezugspunkt feministischer Theorien bildet. Sie ist ein Archiv der glücklichen wie tragischen Geschichten, ein Archiv von Körperästhetiken, Beziehungen und Sexpraktiken, die nicht um Heterosexualität zentriert sind; sie ist ein Archiv der kleinen und der großen Kämpfe, solche, die gewonnen, und solche, die verloren wurden. Queere Räume sind Gegenöffentlichkeiten, in denen Geschlechternormen als veränderlich erlebt werden können – und in denen Veränderlichkeit als etwas Befreiendes und Lustvolles erfahrbar werden kann.

„Butler setzt der Politik der Identitätspolizei hier eine Vision von Feminismus und queerer Politik entgegen."

„Gender Trouble“ handelt einerseits von diesem Eigenwillen, sich sexuellen und geschlechtlichen Normen nicht einfach zu fügen, selbst wenn das bedeutet, dafür bestraft, pathologisiert und beschämt zu werden. Das Buch legt aber zugleich Zeugnis darüber ab, dass der Widerstand gegen Geschlechternormen Grenzen hat, da sie tief in den gesellschaftlichen Institutionen (Staat, Recht, Medizin, Familie etc.) verankert sind und im Alltag ständig reproduziert werden. Männlichkeit und Weiblichkeit haftet daher immer etwas Fremdbestimmtes an, etwas, das uns von außen übergeholfen wird, dem wir uns aber zugleich nicht völlig entziehen können. Die grammatikalische Konvention, von „meinem“ Geschlecht zu sprechen, führt deshalb für Butler in die Irre. Sie täuscht uns darüber hinweg, dass wir uns Konstrukte wie „Frau“ und „Mann“ nie gänzlich zu eigen machen und in unser „Ich“ integrieren können. Butler kritisiert vor diesem Hintergrund, wenn soziale Bewegungen der Illusion einer solchen Verfügbarmachung von Identität erliegen und sich zur Polizei aufschwingen, die die Grenzen „ihrer“ Identität bewacht. Der Ausschluss von trans Frauen und nicht binären Personen aus feministischen Zusammenhängen ist hierfür ein Beispiel. Das identitäre Beharren darauf, was es heißt, schwul zu sein (z. B. ein Coming-out zu haben und nicht zu feminin zu sein), ist ein anderes. Die Gesellschaft steht nicht still und Identitäten bleiben davon nicht unberührt. Butler setzt der Politik der Identitätspolizei hier eine Vision von Feminismus und queerer Politik entgegen, die den Wandel und die Ausdifferenzierung von Geschlecht weder abfeiert noch leugnet. Sie sind einfach Realität, und die Aufgabe emanzipatorischer Bewegungen besteht darin, für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen, in der diese Realität so gestaltet wird, dass darin alle gut leben können und die Chance auf eine Zukunft haben. So viel steht fest: Die Gay Bars von morgen werden andere sein. Wir werden sie brauchen.

Mike Laufenberg ist Soziologe, Geschlechterforscher und u. a. Mitglied der Gruppe kitchen politics

G-Wort und Faschos

Kritik an „Gender Trouble“ und Judith Butler gab und gibt es genug. Obwohl einige von Butlers jüngeren Thesen durchaus nicht unkritisch zu sehen sind, verbirgt sich hinter der negativen Fixierung auf die* Philosoph*in mehr, wie Muri Darida findet

Ein Professor betonte einst: Was Judith Butler in erster Linie gelungen ist, sei, die eigentlichen Poststrukturalisten ins Englische zu übersetzen. Denn Butlers Vordenker*innen – Luce Irigaray, Monique Wittig, Jacques Lacan, Michel Foucault – hätten auf Französisch geschrieben. Da die Akademia nun mal von der englischen Sprache dominiert sei, habe Butler die Ideen der Poststrukturalist*innen und Psychoanalytiker*innen so für ein wesentlich größeres Publikum zugänglich gemacht. Anschließend hätten eifrige Feministinnen sich Butlers Werk für ihren Aktivismus unter die Nägel gerissen. Lassen wir das vorerst so stehen mit der spitzen Randbemerkung, dass es sich bei dem Professor um einen heterosexuellen Mann handelte. Es ist davon auszugehen, dass Butler mehr geleistet hat, als ein paar Philosoph*innen fehlerfrei zu übersetzen. Butler ist fachlich gut in Philosophie, was so viel heißt wie: Die Argumente sind logisch, sauber, fundiert und originell. Zumindest in Arbeiten wie „Gender Trouble“, an anderen Stellen wird die Argumentation teilweise schräg. An Butler gibt es genug Kritik, von der sicherlich auch viel gerechtfertigt ist. Gleichzeitig liefert Butler als queere*r, jüdische*r, feministische*r, linke*r Philosoph*in eine grandiose Angriffsfläche für heterosexuelle Professoren und homosexuelle Reaktionäre, die in Butlers Arbeit nichts als fleißiges Übersetzen oder Luxusprovokation sehen wollen.

Was an Butlers Texten tatsächlich auffällt, ist, dass sie sich in verschiedene Kontexte übersetzen lassen. Es ist möglich, „Gender Trouble“ rein sprachphilosophisch zu betrachten. Aber es war und ist genauso möglich, Butlers Ansätze für politischen Widerstand einzusetzen. Interessanterweise können sowohl manche trans* Philosoph*innen gut mit Butlers Thesen arbeiten, während einige cis Feministinnen sie als Beweis vorhalten, dass Geschlecht keine Rolle spiele und trans* Personen sich mal nicht so aufführen sollten. Denn Geschlecht sei performativ, sozial konstruiert und sollte von daher kein relevanter Faktor sein. Als ob. Die Begriffe Performanz und Performativität können so ziemlich alles bedeuten, aber nicht, dass irgendetwas irrelevant ist. Butler selbst hat rechtlich anerkennen lassen, nicht binär zu sein, aber das nur am Rande. Es fällt auf, dass dieser Aspekt bei aller Aufmerksamkeit, die Butler nach wie vor zukommt, gern ausgelassen wird. Dabei ist das Performanz. Es geht mir nicht darum, zu klären, ob wir Judith Butler und die dazugehörige Anhänger*innenschaft prima oder böse finden. Oder eine Pro-Kontra-Liste aus bahnbrechenden und fragwürdigen Thesen Butlers aufzuzählen, um dann zu einem eindeutigen Fazit zu kommen.

„Butler versteht nicht nur etwas von Gender, sondern sehr viel von Macht, Gewalt und Widerstand."

Von daher abschließend zwei Beobachtungen: Butler gilt einerseits als extrem theoretisch und hat dennoch einen Einfluss auf die Gesellschaft wie wenig weitere Philosoph*innen. Das ist bemerkenswert, sollte aber nicht vergessen lassen, dass es auch andere Denker*innen gibt, zum Beispiel Susan Stryker oder Donna J. Haraway, Oyeronke Oyewumi, die Liste ist lang. Butler kommt aus einer sehr konkreten Tradition, wie der eingangs genannte Professor bemerkt hat und diese Tradition ist nicht universal. So viel zur Kritik. Die zweite Beobachtung: Im September veröffentlichte der Guardian ein Interview mit Butler und entfernte im Nachhinein den Absatz, in dem Butler transfeindliche selbst ernannte Feminist*innen mit Faschist*innen verglich. Zugegeben, mit dem Begriff Faschismus werfen so einige um sich. Judith Butler kennt die verschiedenen Definitionen wahrscheinlich besser als viele andere. Und hey, schauen wir uns doch kurz die Vertreter*innen an, die öffentliche Räume einnehmen, um vor trans* Personen und anderen entrechteten Gruppen zu warnen. Vielleicht werfen wir sogar einen kurzen Blick in die Wahlprogramme und überprüfen, welche davon trans* Personen erniedrigen, negieren und dämonisieren. Mit welchem Selbstbewusstsein Menschen, die mehr oder weniger zur Dominanzgesellschaft zählen, „Meinungen“ und „Sorge“ verkünden und damit die eigene Brutalität verwässern.

Butler versteht nicht nur etwas von Gender, sondern sehr viel von Macht, Gewalt und Widerstand. Vielleicht ist genau das der Grund, dass „Gender Trouble“ die akademische Blase verlassen hat, und auch der, dass so viele Reaktionäre immer noch das große Grauen kriegen, wenn sie das böse G-Wort hören, um das sich viele von uns mittlerweile gar nicht mehr kümmern, sondern einfach machen.

Bild: Lee Thieler
Muri Darida ist Autor*in und publiziert seit 2014 regelmäßig für verschiedene Medien wie ZEIT Online, ARD, ze.tt oder jetzt.de

Umdenken erwünscht

Mit „Das Unbehagen der Geschlechter“ (Original: „Gender Trouble“) legte Judith Butler einen Grundstein für die Verbreitung von „Queer“ in den Gender Studies – ein Begriff, der in der deutschen Uni- und Aktivismuslandschaft in den 2000ern Erfolge feiern sollte. Die Mitbegründer*in der Queer Theory blieb später in puncto intellektueller Schärfe allerdings weit hinter ihren eigenen frühen Ansätzen zurück, findet Patsy l’Amour laLove

Hat man in den 2000ern, als der Studiengang so langsam ins Angebot aufgenommen wurde, an einer deutschen Universität Gender Studies zu studieren begonnen, lernte man die Begriffe Queer und Butler in einem Atemzug. Untrennbar vereint durch die Gründungsschrift der Queer Theory, so sagt man: „Gender Trouble“. Eine Übersicht zu ihrer Entwicklung hat Benedikt Wolf im Jahrbuch Sexualitäten 2019 verfasst.

Dekonstruktion wurde von einer Generation Studierender als Befreiungsschlag verstanden gegen rigide Geschlechterrollen – ja mehr noch gegen Identität. Ebenso wie für Wissenschaftler*innen, die, dem Poststrukturalismus zugewandt, sich danach sehnten, alte Autoritäten abzuschütteln.

Butler griff Diskussionen ihres akademischen Umfelds auf. Feministische Studien seit den 70ern, eine linke Lektüre Freuds und Foucaults, die Gay & Lesbian Studies prägten die Kritik an starren Vorstellungen von Geschlecht. Mit ihrem Schwerpunkt auf Zuschreibungen minoritärer Identitäten, die innerhalb der heterosexuellen Matrix zum schlechteren anderen degradiert würden, brachte Butler das gemeinsame Neue auf den Punkt. Die Travestie stelle laut Butler die Zwangsbinarität aus und verdeutliche spielerisch das Dilemma der Identität: Der Verzicht auf die Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht, den die Heteronormativität einfordere, könne nicht betrauert werden – was zu Melancholie führe.

Besonders an „Gender Trouble“ ist sein Einfluss auf das Denken queerer Aktivist*innen. Wenn auch vorrangig als Chiffre für Dekonstruktion und weniger im Sinne dessen, was wirklich im Buch steht. Im queeren Aktivismus wurden Queens und Kings als an sich subversive Figuren gedeutet. Man beraubte dabei den Drag zunehmend seines Feuers, indem es nur noch um eine damit verbunden geglaubte Radikalität gehen sollte. So stand bald das Abklopfen kultureller Phänomene auf ihr irgendwie subversives Potenzial im Vordergrund.

„Man kann die Auffassung ablegen, Butlers Äußerungen zu Hamas und Burka hingen nicht mit ihrem früheren Werk zusammen."

Butler indes mischt mit. So mit ihrer Schülerin Sabine Hark für die Zeit, als sie meinen queerkritischen Band „Beißreflexe“ als Trumpism in die rechte Ecke schiebt, ohne mit Bezug auf den Inhalt des Buches zu argumentieren. Als Professorin. Kritik an Queer sei queerfeindlich, diskriminierend – was die eigene Position immunisiert und moralische Erpressung für alle möglichen Kritiker*innen der Zukunft darstellt.

Man kann die Auffassung ablegen, Butlers Äußerungen zu Hamas und Burka hingen nicht mit ihrem früheren Werk zusammen. Die Inschutznahme Bin Ladens oder die Fürsprache für die Verschleierung von Frauen (dann doch recht binär!) als Zeichen der Bescheidenheit inspiriert queere Theorien, die als Rassismus für den gehobenen Bedarf bezeichnet werden können. Gesten also, die sich progressiv gebenden Wissenschaftler*innen dazu dienen, Kritik an Unterdrückung als westlich abzuqualifizieren und sich damit gegen die Gleichberechtigung andernorts auszusprechen, die man für sich selbst einfordert. Der Sammelband „Freiheit ist keine Metapher“ widmet der Kritik an diesem Einfluss Butlers eine eigene Sektion. Von der Heroisierung von Selbstmordattentätern bei Jasbir Puar bis zur Forderung Daniela Hrzáns, man solle Genitalverstümmelung – um nicht rassistisch zu wirken – lieber Genital Cutting nennen.

Solche Ansätze, die sich als Rassismuskritik verkaufen, fußen auf einer kulturrelativistischen Lesart von Queer. Emanzipation tritt hier für den Versuch in den Hintergrund, empowernd rüberzukommen. Kein Wunder, dass der Queerfeminismus aus Angst, zu viel Islamkritik zu üben, auch nichts Substanzielles zur Übernahme Afghanistans durch die Taliban und die damit einhergehende Verfolgung von Frauen und LGBTIQ* beizutragen hat.

Zu hoffen, dass bald Theoretikerinnen wie Silvia Bovenschen, Jessica Benjamin, Luce Irigaray oder die Autorinnen der Schwarzen Botin als Ikonen gefeiert werden mit ihren Kritiken der Identität und Geschlechterverhältnisse. Das forderte ein Umdenken ein, die Suche nach dem Subversiven und einfachen Antworten à la marginalisiert vs. privilegiert ad acta zu legen. Wünschenswert wäre es ja!

Bild: Dragan Simicevic Visual Arts
Patsy l‘Amour laLove beschreibt sich selbst als „eine sehr attraktive Berliner Polit-Tunte, die Gender Studies studiert und darin ihre Doktorinnenwürde erlangt hat“

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