Maria Tischbier von der Berliner Polizei im Interview

Homo- und transphobe Gewalt in Berlin: „Es werden viele Täter sanktioniert"

22. Jan. 2017
Maria Tischbier (c) Tanja Schnitzler

Maria Tischbier ist Ansprechpartnerin für LSBTI* bei der Berliner Polizei. Im SIEGESSÄULE-Interview spricht sie über homo- und transphobe Gewalt, Aufklärungsquoten und die Zusammenarbeit mit der Szene

Noch gibt es für 2016 keine endgültigen Zahlen – aber nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden bis September letzten Jahres bundesweit mehr als 200 Fälle von Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung erfasst. 2015 waren im gleichen Zeitraum deutschlandweit rund 170 derartige Übergriffe registriert worden. Doch ist die Zahl von homo- und transphoben Gewalttaten damit tatsächlich gestiegen und welche Gegenden in Berlin sind besonders betroffen? Siegessäule-Autor Andreas Marschner hat Kriminaloberkommissarin Maria Tischbier gefragt. Sie ist Ansprechpartnerin für LSBTI* bei der Berliner Polizei

Frau Tischbier, wie ist die aktuelle Bilanz für Berlin? In den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres hatten wir in der Stadt 113 Fälle von homo- und transphober Gewalt. Die Zahlen werden aber noch schwanken, denn das ist erstmal eine vorläufige Statistik. Das heißt, man prüft im Laufe der Ermittlungen, ob es tatsächlich homo- oder transphobe Übergriffe waren. Es kann ja auch sein, dass sich herausstellt, dass das gar nicht der Hintergrund war. Mit wirklich validen Zahlen rechnen wird deshalb erst im Februar oder März. Bisher gab es in Berlin pro Jahr um die 100 Fälle.

Die Tendenz deutet auf einen Anstieg hin … Wenn man daraus schließen will, die Zahlen steigen, also passiert auch mehr – das würde ich für Berlin so nicht behaupten. Ich denke zum einen, die polizeiliche Erkennung und Bearbeitung dieser Delikte spielt da eine große Rolle. Je mehr erkannt wird, desto höher ist ihre Anzahl. Die zweite Hoffnung ist, dass mehr Menschen zu uns gekommen sind und angezeigt haben. Um das herauszufinden, müsste es allerdings mehr Dunkelfeldforschung durch entsprechende Studien geben. Grundsätzlich entwarne ich immer: Ich persönlich „freue“ mich über den Anstieg der Zahlen, was erstmal absurd klingt. Aber ich gehe eben nicht davon aus, dass mehr passiert ist, sondern dass einfach nur mehr ans Licht gekommen ist.

Wer wird überfallen? Betroffen sind Schwule, Lesben, Transpersonen aber auch heterosexuelle Menschen, die zum Beispiel für schwul gehalten werden. Es sind Situationen, in denen LSBTI-Menschen sichtbar werden, wenn sie Händchen halten, sich auf der Straße küssen oder aus Tätersicht, bestimmten Klischeevorstellungen entsprechen. In dem Moment, wo schwules, lesbisches oder trans-Leben sichtbar wird, besteht eben immer auch die Möglichkeit, dass es attackiert wird.

Gibt es Kieze oder Gegenden, die besonders betroffen sind? Schwerpunkt ist seit Jahren Schöneberg. Wir denken, dass das mit der Dichte an entsprechenden Bars und Kneipen zu tun hat. Täter wissen auch, dass das ein Treffpunkt ist. Mitte ist betroffen, was aber auch daran liegt, dass dort viele Knotenpunkte von S-Bahn, U-Bahn und Straßenbahn sind. Was viele nutzen, um durch die Stadt zu fahren und zu Partys und Veranstaltungen zu kommen.

Nicht alle Übergriffe werden angezeigt. Wie schätzen Sie die Dunkelziffer der Fälle ein? Es gibt Untersuchungen für Deutschland und Europa, die zeigen, dass das Dunkelfeld der Straftaten bei etwa 80 bis 90 Prozent liegt, in Abhängigkeit von der Deliktschwere. Bei Beleidigungen werden nach Erkenntnissen des schwulen Anti-Gewalt-Projekts Maneo im Schnitt etwa 97 Prozent nicht angezeigt. Aber auch bei Körperverletzungen liegt das Dunkelfeld teilweise noch bei bis zu 40 Prozent, die nicht angezeigt werden. Aus dieser Range bildet man dann das Mittel und kommt so auf die 80 bis 90 Prozent.

Wie hoch ist die Aufklärungsquote in Berlin? 2015 lag sie bei 48 Prozent, im vergangenen Jahr bei 45 Prozent. Das ist deutlich höher als zum Beispiel beim Fahrraddiebstahl. Es werden also relativ viele Täter festgestellt und auch entsprechend sanktioniert. Den Fahrraddiebstahl zeigt man an, die homophobe Beleidigung eher nicht. Irgendwie unlogisch.

Was lässt sich über die Täter sagen? Es sind meistens Männer oder männliche Jugendliche, die nach unserer Statistik dann aber häufig schon jenseits der 21, also Erwachsene sind. Ob Einzeltäter oder Gruppen, das kommt auf die Situation an.

Welche Strategien gibt es, dieser Gewalt zu begegnen? Es gibt die repressive Seite, also die Verfolgung von Straftaten durch die Polizei, auch durch zivile Kräfte, die man nicht immer unbedingt wahrnimmt. Und es gibt präventive Maßnahmen. Wir geben bestimmte Verhaltenstipps zum Beispiel in Bezug auf K.o.-Tropfentaten, Eigentumsdelikte oder Hinweise dazu, wie man eine Konfliktsituation vermeiden kann.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Szene aus? Wir als Ansprechpersonen gehen in die Community rein oder machen zum Beispiel Informationsstände bei schwul-lesbischen Festen oder Veranstaltungen. Es gibt runde Tische, Arbeitstreffen in die wir eingebunden sind. Einige Vereine suchen auch regelmäßig das Gespräch mit unserem Präsidenten, wo wir dann auch dabei sind. Es gibt Kooperationen wie etwa das Bündnis gegen Homophobie vom LSVD, wo die Polizei Berlin Gründungsmitglied ist. Wir als Ansprechpersonen versuchen, die Brücke zu schlagen zwischen Polizei und LSBTI*-Community, um Vertrauen aufzubauen. Geschichtlich betrachtet hat sich die Polizei in bestimmten politischen Systemen da ja nicht immer mit Ruhm bekleckert. Nehmen wir nur den Paragraphen 175. Wichtig ist, dass wir im Gespräch bleiben und letztendlich die Leute animieren, bei Übergriffen Anzeige zu erstatten. Ansprechpersonen für die LSBTI*-Community gibt es nicht mehr nur im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke in Tempelhof, sondern inzwischen auch in den sechs Berliner Polizeidirektionen und der Direktion Einsatz. Geplant sind weitere AnsprechpartnerInnen in den einzelnen Polizeiabschnitten.
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