Bewegungsmelder

Donalds Schwuchtel

23. Feb. 2017
Dirk Ludigs © Tanja Schnitzler

Der trans*phobe schwule Populist Milo Yiannopoulos stürzt – im selben Moment unterschreibt Präsident Donald Trump ein Dekret, mit dem er die von Obama eingeräumten Rechte für Trans*menschen aufhebt. Das erzählt viel über den Stand der Trump-Revolution in den USA und über den Irrglauben rechter Schwuler, sie könnten eine Rolle darin spielen

Viel im Amerika unserer Tage erinnert an dystopische Science-Fiction-Romane aus den Siebziger- und Achtzigerjahren: Im Rampenlicht ein aufgeblasener halbseidener Geschäftsmann als Präsident, hinter ihm das versammelte Schreckenskabinett einer untergehenden Zeit: Öl-Magnaten, kriegslüsterne Generäle in den Händen von Rüstungsfirmen und eine weltfremde Milliardärin als Volksbildungsministerin. Das perfekte Setting für einen Roman von John Brunner, beispielsweise, der sich zu lesen lohnt, wenn man von George Orwell schon alles gelesen hat.

Zu den schillerndsten und vielleicht am wenigsten verstandenen Phänomenen dieses Endzeit-Amerika, das wir gerade alle irgendwie kopfschüttelnd miterleben dürfen, gehört die Alt-Right-Bewegung. Die „Alternativen Rechten“ formierten sich in den letzten Jahren vor allem im Netz, auf Plattformen wie reddit, auf Messageboards wie 4chan und fanden unter der Führung von Stephen Bannon mit Breitbart News eine einflussreiche publizistische Heimat. Der ehemalige Goldman-Sachs-Manager und heutige Chefstratege im Weißen Hauses nahm 2015 auch den jungen schwulen Milo Yiannopoulos als leitenden Redakteur bei Breitbart unter seine Fittiche.

Milo hatte sich zuvor seine ersten rechten Sporen im sogenannten „Gamergate“ verdient, einem sehr unappetitlichen Mobbing-Skandal in der Welt der Videospiele um das Jahr 2014, in der er, kurz gefasst, für die These berühmt wurde, bösartige feministische Spiele-Entwicklerinnen würden mit ihrem totalitären Weltverbesserungsanspruch eine bisher von jungen, wütenden Männern dominierte Welt zusehends weg-gendern und zerstören.

Milo wurde schnell zum Popstar dieser neuen rechten Szene, die in Europa vielleicht am ehesten mit der identitären Bewegung zu vergleichen ist. Beide übernehmen ehemals als links geltende Codes in Aussehen, Auftreten und Widerstandsformen, beide haben eine Anti-Establishment-Haltung und kämpfen gegen einen als links empfundenen Mainstream aus Globalisierung und Political Correctness, den sie als egalitär, kulturzerstörend und anti-weiß verachten. Ein junger, passabel aussehender, noch dazu mit britischem Akzent sprechender Schwuler, der dem ganzen Political-Correctness-Establishment einen mit Pailletten besetzten Fehdehandschuh zuwirft, der Trump seinen Daddy nennt, Frauen, Schwarze, dicke Menschen beleidigt und Transgender als psychisch Kranke diffamiert, die auf Damentoiletten Mädchen missbrauchen – das kriegte bei der Alt-Right-Bewegung schnell Kultcharakter. Vor allem bei seinen Vorträgen an Universitäten, wo sich in den Augen der Alt-Rights alles versammelte, was den Untergang ihrer weißen Männerwelt vorantrieb: politisch korrekte Millennials in ihren Safe Spaces.

Milos „Dangerous Faggot Tour“ (Gefährliche-Schwuchtel-Tour) durch die amerikanischen Universitäten zeigte vor allem eines: wie wenig die universitäre Linke auf einen wie ihn vorbereitet war. Hier war einer, der provozierte um der Provokation willen. Hier war einer, der durch seine schiere Existenz zu beweisen schien, dass es mit der Alt-Right ja nicht so schlimm sein könne, wenn exzentrische Schwule wie Milo dort Karriere machten. Hier war einer, der die Energie jedes Angriffs gegen seine menschenverachtenden Tiraden aufzusaugen schien wie ein Alien, das durch die Laserkanonen seiner Gegner nur größer und schillernder wird. Denn kann es einen schöneren Beweis dafür geben, dass Milo Yiannopoulos Recht mit der These von der linken Meinungsdiktatur hat, wenn Linke gegen ihn demonstrieren, wenn seine Auftritte verboten werden, wenn Steine und Molotow-Cocktails fliegen? Und Milo, der schillernde Popstar, genoss den Rummel um seine Person so offensichtlich, wie es nur eine „gefährliche Schwuchtel“ tun kann. Sogar der moderate New Yorker Verlag Simon&Schuster machte einen hunderttausende Dollar schweren Buch-Deal mit ihm, sehr zum Chagrin des progressiven Amerika, so hoch standen seine Aktien: welch ein Aufschrei im linken Mainstream, welch eine Schmach, welch eine Genugtuung!

Mit dem überraschenden Sieg Donald Trumps im November wurde aus dem Spaß der Bewegung plötzlich Ernst. Milos Mentor, Stephen Bannon, saß nun als Chefstratege im Weißen Haus und viele in der Alt-Right-Bewegung sahen sich mit ihren Aktivitäten als die eigentlichen Sieger – auch gegen das konservative Establishment der Republikanischen Partei. Sie verstanden „Alt-Right“, wenn Trump von der „Revolution“ und der „Bewegung“ sprach, die ihn ins Amt gespült habe. Und auch das konservative Establishment, die Reagan-Ökonomen, die Evangelikalen, die National-Konservativen waren verunsichert, fragten sich, wie viel von diesen Cyber-Braunhemden sie nun nach Washington wohl mitnehmen müssten, um den republikanischen Sieg zu sichern. Und was sie wohl tun könnten, um diese Geister zu besänftigen und einzubinden, die dank Trump und Bannon nun plötzlich mit am Tisch saßen. Auf einmal schien es sogar opportun, einen wie Milo in ihre heiligen Hallen zu laden, zum Beispiel zu ihrer Conservative Political Action Conference (CPAC).

So weit kam es aber dann doch nicht mehr. Eine ziemlich obskure konservative Gruppe, die sich selbst das „Reagan-Battalion“ nennt, veröffentlichte zum richtigen Zeitpunkt ein Video, in dem Milo über seinen eigenen Missbrauch durch einen katholischen Pfarrer räsoniert, dem er vor allem dankbar dafür sei, das er durch ihn so gut blasen gelernt habe. Dann schiebt er ein paar weitere flapsige Bemerkungen über Sex mit Dreizehnjährigen hinterher. Der Rest ist bekannt. Am Montag folgte Milos Ausladung von der CPAC und die Absage seines Buch-Deals. Am Dienstag erklärte ein überraschend ernster Milo im dunklen Anzug seinen Rücktritt als leitender Redakteur bei Breitbart.

Viele mögen Genugtuung empfinden, dass der selbst ernannte Free-Speech-Warrior Milo Yiannopoulos nun endlich über sein loses Maul stolpert und damit die geistige Leere seiner Thesen offenbart. Doch es waren nicht die Linken, die das erreichten, es war ein gezielter Schlag des konservativen Establishments gegen die schwächste Flanke einer Bewegung, die ihnen zutiefst fremd und zunehmend gefährlich erscheint. Ein Schuss vor einen Bug, auf dem eine rechte Schwuchtel als Galionsfigur saß und Perlenketten drehte.

Milo Yiannopoulos war offensichtlich unterhaltsam und nützlich genug, so lange er gegen Transgender hetzte oder gegen Schwarze oder Dicke. Doch jetzt wird er lästig, er passt nicht zu dem, was nun kommen soll, der Wiederherstellung der republikanischen Macht nicht durch sondern trotz Trump. Sein Sturz ist auch ein Zeichen an eine Bewegung, die er repräsentierte wie kaum ein anderer. Die Alt-Right, schreibt Bloggerin Laurie Penny zu Recht, muss gerade entdecken, dass sie nicht die Spieler in diesem Schachspiel sind, sondern die Bauern. Der Machtkampf in Washington hat gerade erst begonnen.

Milos Absturz ist auch ein Lehrstück über den Kreuzzug rechter und libertärer Kreise gegen das, was sie abwertend „political correctness“ schimpfen oder positiv ihren Kampf für „Free Speech“. Denn beim Pädo-Thema hörte der Spaß der Free-Speech-Warrior mit einem Mal auf. Und mal ganz ehrlich: wieso eigentlich? Was Milo zu diesem Thema zu sagen hat, sind in erster Linie seine eigenen Erfahrungen. Das ist auf viele Arten entsetzlich, aber auch wiederum nicht entsetzlicher als das, was er seit Jahren über Frauen oder Transgender von sich gibt. Eher harmloser. Sein Abschuss entlarvt, wie sehr der Kampf gegen die linke „Political Correctness“ von jeher ein Scheingefecht der Rechten war. Weil, wie Arwa Mahdawi jüngst im Guardian schrieb, die gleichen großen Verfechter der Redefreiheit selber wie die Mimosen reagieren, wenn ihre eigenen heiligen Kühe angepisst werden, wenn die Starbucks-Weihnachtstasse nicht christmassy genug ist oder ein Football-Star der Fahne die gebührende Ehre nicht erweist. Milo Yiannopoulos war das Symptom eines gelungenen rechten Framings ehemals linker Ideen, er selbst ein Anti-Hofnarr, der eben nicht den Mächtigen den Spiegel vorhält, sondern den Machtlosen.

Es gehört zum Framing von rechts, so zu tun, als seien ein paar linke Professoren und ihre Studenten das Establishment, während das eigentliche Establishment in Form von korrupten Milliardären, der Öl-Industrie und dem Militär gerade die Macht übernimmt. Free Speech ist aber ein Recht des Individuums gegenüber dem Staat. Nicht gegenüber Twitter, Facebook, oder der Bäckerei von nebenan. Darum geht der Streit um Worte nicht um Freiheitsrechte, sondern um die Achtung oder eben Missachtung von Menschenwürde und in einem politischen Sinn um Empathie.

Im Unterschied zu Milo und anderen rechten Schwulen, auch in Deutschland, haben progressive LGBT-Aktivisten die Ursachen der historischen Diskriminierung ihrer Minderheit verstanden und wissen deshalb, auf welch dünnes argumentatives Eis sich Milo begab, als er Transgender-Menschen als psychisch krank denunzierte. Er aber wollte lieber auf einer Welle reiten. Nun hat sie ihn überrollt. Furchtbarerweise zur selben Zeit, da die Trump-Regierung erste Anti-Diskriminierungsmaßnahmen für Transgender-Menschen aus Obamas Tagen zurücknimmt.

Das alles ist auch eine klare Warnung an die neurechten schwulen Männer hierzulande: Macht euch nichts vor, niemand in den Kreisen, zu denen ihr so gerne gehören wollt, glaubt wirklich, dass ihr dazugehört! Ihr seid nützliche Idioten, die gebraucht werden, bis der Tag kommt, an dem ihr eben eine Last werdet. Und dann: Tschüss!