Szene

Utopie Schutzraum? Zur aktuellen Türpolitik in Berlin

14. Apr. 2017
SIEGESSÄULE-Chefredakteur Jan Noll (2. v. r.) diskutierte im KitKatClub mit (v. r. n. l.) Marcel Weber (SchwuZ/Clubcommission), Gary und Oliver Mohns ( „Revolver“ und „Beast“) sowie Sascha Disselkamp (Sage/1. Vorsitzender der Clubcommission) © Galya Feierman

Kann eine antirassistische Türpolitik gelingen? Eine der Fragen beim runden Tisch der SIEGESSÄULE mit Berliner Clubbetreibern und Partymachern

Im Zusammenhang mit „Refugees Welcome“-Konzepten wurde in den letzten Monaten viel über die Türpolitik von Clubs diskutiert, vor allem seit mit dem Conne Island in Leipzig kürzlich zum ersten Mal ein linkes Zentrum seine Open-Door-Strategie öffentlich für gescheitert erklärte. Doch wie bewahrt man einen Club als Schutzraum? Und wie kann eine antirassistische Türpolitik gelingen? SIEGESSÄULE bat Berliner Clubbetreiber und Partymacher zum runden Tisch

Zum Einstieg eine simple Frage: Wer kommt bei euren Partys rein und wer nicht? Gary: Wir haben eine Open-Door-Policy. Wir lassen jeden rein, der reinpasst, der open-minded ist.

Was sind denn die No-Gos? Oliver: Wenn Leute auf gewissen Drogen sind wie GHB. Das ist schlecht für den Clubbesitzer und für die anderen Gäste. Das sind Leute, die rausfliegen und am Abend auch nicht mehr reinkommen. Wenn Gäste kollabieren, päppeln wir sie wieder auf, aber danach müssen sie gehen.

Marcel, wie ist das im SchwuZ? Marcel: Wir sprechen alle Gäste am Abend direkt an, fragen sie, wie es ihnen geht. Da bekommt man schon mal einen ersten Eindruck. Wenn sie bereits stark angetrunken sind oder sonst sichtbar respektlos auftreten, dann lassen wir sie nicht rein. Natürlich schauen wir sehr genau bei größeren Gruppen hin, die können die Dynamik in einem Raum schon sprengen. Ansonsten gibt es keine klaren Ausschlusskriterien wie Kleidung oder Aussehen.

Geht es an den Berliner Türen also nur darum, besoffene oder verdrogte Leute auszusieben? Mein Eindruck ist da ein anderer …
Sascha: Die Clubszene in Berlin steht für Multikulti, offene Türpolitik, Niedrigschwelligkeit. Trotzdem hat man bei einigen großen Clubs das Gefühl, dass die Tür kalt, hartherzig und arrogant ist. Das finde ich bedauerlich. Das liegt oft daran, dass diese Läden nur ihre Security da stehen haben und niemanden, der sich um den Empfang kümmert. O: Wir haben dafür Maria Psycho. Als Dragperformer und Host fällt sie auf, dadurch werden bereits Leute gefiltert. Wenn sie mit ihr ein Problem haben, dann passen sie nicht auf unsere Party.  

Bei Türpolitik geht es immer um Selektion. Kann so was überhaupt inklusiv und diskriminierungsfrei laufen? M: Gute Frage. Wir beschäftigen uns seit Jahren intensiv damit. Auch weil wir in einem linken Spektrum verortet werden, schauen Leute viel genauer hin und geben uns Feedback. Man scheitert oft an den
gesellschaftlichen Verhältnissen und den Leuten, die die Masse ausmachen. Clubs können versuchen, möglichst inklusiv zu sein, aber wer mir sagt, dass er komplett rassismusfrei sei, liegt falsch.

Ganz platt: Sinn der Türpolitik ist ja, Arschlöcher fernzuhalten. Wie kann man entscheiden, wer ein Arschloch ist, ohne dabei Gefahr zu laufen, lookistisch, sexistisch oder rassistisch zu handeln? G: Indem man den Gästen an der Tür gezielt Fragen stellt. M: Manche Arschlöcher machen es einem leicht, die geben sich schon im Erstgespräch zu erkennen. Andere entpuppen sich aber erst im Laufe des Abends als Arschlöcher, weil sie Alkohol trinken oder ihre Grenze nicht kennen und dann sexistisch, rassistisch oder sonstwie übergriffig werden. Da sind wir darauf angewiesen, dass Gäste wissen, an wen sie sich wenden können: Barpersonal, Garderobe, Türleute. Leider ist es oft so, dass erst eine Handlung stattgefunden haben muss. Wir können Leute nicht nur aufgrund eines Verdachts rausschmeißen.

Das gesellschaftliche Klima ist gerade sensibel. Was macht man, wenn das Arschloch ausgerechnet ein Mensch mit Migrations- oder Fluchthintergrund ist? M: Dann lässt man sich erst mal als Rassist beschimpfen und schmeißt die Person trotzdem raus. Das passiert uns tatsächlich gelegentlich. Manche Leute instrumentalisieren das in der Situation, unterstelle ich jetzt mal. Sie fliegen allerdings nicht raus, weil sie eine bestimmte Herkunft haben, sondern weil sie rotzbesoffen sind und jemandem zum Beispiel ungewollt zwischen die Beine gefasst haben. Da sind wir ganz klar: Du hast dich nicht an die Spielregeln gehalten, du musst gehen.

Noch mal zurück zum Einlass: Wie kann man denn nun vermeiden, da nach rassistischen Kriterien auszuwählen? O: Wir haben Alex, die hat viele Kurse gemacht und kennt sich gut aus. Sie stellt spezifische Fragen: Weißt du, was das für eine Party ist? Und so weiter. Anhand der Antworten kann sie einschätzen, ob die Leute reinpassen, was gegen Schwule haben etc. Nach den Reaktionen der Leute sortiert sie also aus und nicht nach deren ethnischer Zugehörigkeit. S: Ich habe oft mit meiner Tür darüber gesprochen. Gerade dann, wenn ein Stress-Prototyp auftaucht, der vielleicht sichtbar einer bestimmten Bevölkerungsgruppe angehört, sollen sie genau hinschauen und sich intensiver mit ihm beschäftigen, anstatt einfach pauschal zu sagen: Du kommst nicht rein. Da muss man sich wirklich bemühen, denn wenn man das nicht tut, läuft man Gefahr, sich von Vorurteilen oder gar Rassismus leiten zu lassen.

Die Situation erfordert also eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Gast schon an der Tür? M: Auf jeden Fall. Das heißt aber auch, von den Erfahrungen zu lernen, die andere Clubs schon gemacht haben. Wichtig ist, immer das Gespräch zu suchen und Sprachbarrieren abzubauen. Wir beschäftigen dafür zum Beispiel zwei Menschen, die Arabisch sprechen. Kommunikation ist unabdingbar.

In der Community fußt ja Türpolitik vor allem auf der Idee, dass ein Club ein geschützter Raum ist, in dem sich LGBTIs frei in ihrem Sein bewegen und ausleben können. Kann ein Raum, in dem sich Hunderte einander fremde Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen betrinken, wirklich ein Schutzraum sein? S: Kommt darauf an, wie man „Schutzraum“ definiert. Für mich bedeutet das, dass ich in einem schwulen Club nicht auf eine Truppe Menschen stoße, die Homosexualität offen und deutlich ablehnen und damit Konflikte schaffen. Wenn ich einen LGBTI-Club hätte, wäre mein Anliegen, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem diese Art Konflikte nicht stattfindet. Du kannst einen Club für Hunderte machen, der safe ist – safe vor Übergriffen, egal welcher Art.

Das ist meiner Ansicht nach eine Utopie. Man kann vielleicht eine breite, massive Diskriminierung ausschließen, aber ein Schutzraum bedeutet heute viel mehr. Die Ansprüche haben sich diesbezüglich erhöht. M: Gäste sollten auch ihre eigenen Verhaltensweisen hinterfragen, bevor sie von anderen erwarten, dass die einen Schutzraum herstellen und verteidigen. Ich finde auch, dass ein totaler Schutzraum eine Utopie ist. Dennoch lohnt es sich, zumindest darauf hinzuarbeiten, einen Raum möglichst diskriminierungsarm zu gestalten. Da müssen dann alle mithelfen. Ich glaube, es gibt wahnsinnig viele ausdifferenzierte Ansprüche an einen Schutzraum. Die alle unter einen Hut zu kriegen ist eine große Herausforderung. Und da wird man auch an der einen oder anderen Stelle scheitern.

Im letzten Jahr gab es – zum Beispiel im Conne Island in Leipzig – Fälle, wo Läden offenbar an ihrer integrativen Türpolitik gescheitert sind und das auch öffentlich gemacht haben. Woran lässt sich erkennen, dass da was falsch läuft und das Klima in einem Laden kippt? S:
Also wenn Gruppen von Männern übergriffig werden, das ist ja wohl in Leipzig so gewesen, dann muss man sich dieser Realität stellen. Was soll man denn auch sonst machen? Klar, ich kann meinen Laden auch dichtmachen, aber wenn ich das nicht will, muss ich eben zukünftig dafür sorgen, dass so was nicht mehr passiert. Man muss Maßnahmen ergreifen und das ist natürlich sehr bitter: Wir müssen einsehen, dass große Gruppen von Männern aus gewissen Kulturkreisen oft ein falsches Bild davon haben, wie das in unserer Gesellschaft so läuft. Davor kann man nicht die Augen verschließen, auch nicht aus einem Bedürfnis heraus, superkorrekt und rassismusfrei zu sein. Leider. M: Tatsächlich haben wohl solche Männergruppen das Problem verursacht. Ich weiß aber nicht, ob die vom Conne Island deshalb an einer offenen Türpolitik gescheitert sind oder nicht vielleicht eher an ihrem Umgang damit. Sie haben sich zwar sehr laut mit ihrem offenen Brief für ihr Scheitern entschuldigt, haben aber offensichtlich weniger überlegt, wie sie anders mit ihrem Problem umgehen könnten, wo sie vielleicht Hilfe finden. Wir in Berlin haben das Glück, dass wir über die Clubcommission so gut vernetzt sind, dass wir bei Problemen fragen können, wie andere damit umgehen. Wir können alle zusammen daran arbeiten, Personalschulungen zu ermöglichen, Awarenesstrainings und so weiter. Strukturelle Veränderungen schaffen wir nur gemeinsam.

Interview: Jan Noll