Kommentar

Tuntenspaziergang in Neukölln: „Wir zwingen sie, uns zu sehen!“

24. Mai 2018 Doris Belmont
Tuntenspaziergang 2017 © Annet Audehm

Am Samstag startet wieder der Tuntenspaziergang! Doris Belmont erklärt, warum es wichtig ist im Fummel auf die Straße zu gehen

„Ihr seid so wunderschön“ ... „wenn der IS kommt, seid ihr dran“ ... „ihr traut euch wenigstens was, macht weiter so“ ... „hier ist IS-Land, verpisst euch.“ Wer einen konfrontativen Tag, gespickt sowohl mit Komplimenten als auch mit Beleidigungen, erleben will, der möge bitte einmal als Tunte im Fummel auf die Straße gehen. Und wer es darauf ankommen lassen will, vielleicht einfach mal im gleißendem Sonnenlicht durch den Berliner Stadtteil Neukölln.

Sicher, die Debatten um den Bezirk sind nicht neu, weder im heteronormativen Mainstream noch bei uns in der Szene. Durch die in letzter Zeit zunehmenden Berichte über Übergriffe auf LGBT*I im öffentlichen Raum wurde der Wunsch nach mehr queerer Präsenz jedoch wieder laut. Vor allem in denjenigen Bezirken, die als „Problemviertel“ für LGBTI verschrien sind, möchten wir zeigen, dass wir das so nicht stehen lassen – und dass wir potentiell Betroffene nicht sich selbst überlassen werden.

Am kommenden Samstag findet deshalb erneut einer der berühmt-berüchtigten „Tuntenspaziergänge“ durch Neukölln statt. Bereits im Juni 2017 wurde im Rahmen des (bisher) einmaligen Festivals „48 Tunten Neukölln“ ein Bummel im Fummel ins Leben gerufen. Ein Event, bei dem ich, Doris Belmont, die extrem gut geschminkte Tunte, zusammen mit meinen Schwestern nicht fehlen durfte.

Der Spaziergang begann mit gemeinsamen Auffummeln in der Bar „Gelegenheiten“. Zu den Höhepunkten der Aktion gehörte die „Rolltreppenbesetzung“ im Karstadt am Hermannplatz. Sowohl im Laden selbst, als auch auf der weiteren Strecke auf der Sonnenallee wurde von begeisterten Jubelrufen bis hin zu absurdesten Verwünschungen alles geboten: beispielsweise kam eine Gruppe von jungen Frauen strahlend auf uns zu, überhäufte uns mit Komplimenten und beglückwünschte uns zu unserer Aktion. Ein Typ wiederum bekam einen – wenn man wie ich einen schrägen Humor hat, durchaus amüsant anzusehenden – Ausraster. Er fluchte und schimpfte mit hochrotem Kopf, was wir doch allesamt für Hurensöhne wären. Als eine meiner Schwestern ihn zu Rede stellte, wurde er kleinlaut, strahlte auf einmal, ließ sich mit anderen Fummeltrienen fotografieren und meinte, er hätte nur Spaß gemacht. Eine völlig absurde Situation.

So erstaunlich es klingen mag: das simple Recht einzufordern, als Tunte auf der Straße ebenso existieren zu dürfen wie im geschlossenen Raum, polarisiert scheinbar nach wie vor ungebrochen. Für die einen werden wir zum Sinnbild eines bunten, freien Lebens, für die anderen zum fleischgewordenen Albtraum. Ein altes Lied zwar, jedoch auch eine Erfahrung, die nicht in allen Punkten leicht bekömmlich ist. Ich muss gestehen, der Grad der Abneigung, der einem da entgegenschlagen kann, ist jedes mal so abstrakt und entmenschlicht, dass ich im ersten Moment gar nicht das Gefühl habe, selbst gemeint zu sein. Das ist natürlich ein Trugschluss – und eigentlich ist genau diese Bewusstwerdung das Unbekömmliche daran.

Wenn ich dann jedoch in die strahlenden Gesichter am Fenster blicke oder auch die verstohlen bewundernden Blicke von der Straße während unseres Spaziergangs bemerke, ist für mich der Zweck der Aktion erfüllt. Ein Umzug allein ist noch keine Lösung. Wer uns nicht mag, wird uns nach dem Spaziergang sicher nicht feiern. Aber wir fordern die Akzeptanz ein, die uns zusteht. Und auch bei denen, die uns hassen, kommt die unmissverständliche Botschaft an, dass wir ihren Hass keineswegs als ein unabwendbar an uns haftendes Kainsmal empfinden... und es nicht zulassen werden, dass uns der Raum genommen wird. Wir wollen niemanden provozieren. Wir zwingen sie lediglich, uns zu sehen! Wir sind Inspiration, wir sind Albtraum, wir sind viele – und vor allem sind wir hier.

Tuntenspaziergang, 26.05.2018, 17:00, Ludwig
Der Tuntenspaziergang ist für alle offen – nicht nur für Drags und Tunten! Ab 17:00 kann man sich im Ludwig auffummeln, dann geht's über die Sonnenallee zum Hermannplatz. Hier die Route:

Route
Doris Belmont, extrem gut geschminkte Tunte