Jubiläum

15 Jahre L-MAG: „Die Welt durch die lesbische Brille“

29. Juni 2018
Das L-MAG-Team (v. l. n. r.): Hannah Geiger, Anja Hinrichs, Steff Urgast, Dana Müller, Manuela Kay, Mario Olszinski und Gudrun Fertig © Emmanuele Contini

Heute erscheint die L-MAG Jubiläumsausgabe! Wir sprachen mit dem L-MAG-Team über lesbischen Journalismus, Kampflesben und eventuelle Berührungspunkte mit Alice Weidel

Während sämtliche Mitbewerberinnen auf dem hart umkämpften Zeitschriftenmarkt mittlerweile von der Bildfläche verschwunden sind, hält L-MAG, Deutschlands einziges Magazin für Lesben, nach wie vor die kampflesbische Fahne hoch. Einst aus der Redaktion der SIEGESSÄULE heraus entstanden, mauserte sich das anfangs kostenlose Heft über die Jahre zum Flaggschiff des lesbischen Journalismus im deutschsprachigen Raum. Nun feiert unser Schwestermagazin 15. Geburtstag. Andrea Winter sprach zum Jubiläum mit L-MAG-Gründerin, -Verlegerin und -Chefredakteurin Manuela Kay sowie Redakteurin Dana Müller

L-MAG wird 15 Jahre alt. Glückwunsch! Wie einfach oder schwer ist es, sich über eine so lange Zeit mit einem lesbischen Magazin auf dem Markt zu halten? Manuela Kay: Es war nie einfach. Wir machen ein Nischenprodukt, und Lesben sind eine komplizierte Zielgruppe: überkritisch und sehr unnachgiebig. Davon abgesehen ist auch der Zeitschriftenhandel heutzutage sehr viel schwerer geworden.

Warum ist lesbischer Journalismus generell wichtig? Dana Müller: Es gibt verschiedene Komponenten. Einerseits eine ganz persönliche: jede Lesbe braucht Vorbilder, denn sie sieht die Welt mit anderen Augen als Heterosexuelle. Diese Sichtweise bietet lesbischer Journalismus, denn er sieht die Welt durch eine lesbische Brille. Auf der politischen Seite brauchen wir lesbischen Journalismus auch vor allem wegen des Rechtsrucks in der Gesellschaft, denn so selbstverständlich ist es immer noch nicht, lesbisch zu sein.

Wie positioniert sich L-MAG in einer Zeit, in der das Wort „lesbisch“ scheinbar aus der Mode gekommen ist? MK: Es ist nicht so, dass wir uns krampfhaft an diesem L-Wort festhalten, sondern eher versuchen zu verhindern, dass das, was es beinhaltet, und die Menschen, die es beschreibt, verschwinden. Ob das nun für immer lesbisch heißen muss, weiß ich nicht; früher hießen wir ja auch Sapphistinnen. Wenn ein ganzer Lebensstil verschwindet und eine ganze gesellschaftliche Gruppe, dann finden wir es wichtig, das zu erhalten. Es gibt genügend L-MAG-Leserinnen, die wertschätzen, was wir tun. Wir sind auch ein Vernetzungsorgan geworden, helfen dabei, dass Lesben sich zusammentun, gemeinsam agieren, gemeinsam leben, also bei Dingen, die Lesbischsein auch ausmachen. Es ist ein politisches Denken, es ist eine Identität, die sich von anderen unterscheidet und die dich zwangsläufig auch zur Feministin werden lässt. All diese Dinge berücksichtigt L-MAG.

Der Begriff Kampflesbe ist ja eigentlich eine Auszeichnung, wird aber benutzt, um couragierte Lesben zu beleidigen und zu diffamieren. Warum ist ein Festhalten an lesbischer Identität nötig? DM: Es ist sehr wichtig, sich diesen Begriff wieder anzueignen. Wenn ich sage, ich bin eine Kampflesbe, steht das dafür: Ich bin lesbisch und ich will die Welt mit meinem Blick verändern und zu einer gerechteren und besseren Welt machen, für Lesben und für alle.

Der Begriff Lesbe hat eine wahnsinnige Spannbreite. Was würdet ihr sagen: Verbindet dieses Etikett lesbische Frauen miteinander? DM:
Ich spreche ja immer von der lesbischen Brille. Klar kann ich mir die gleichen Schuhe kaufen wie eine Heterosexuelle. Klar kann ich in dieselben Clubs gehen. Aber Lesbischsein ist trotzdem etwas anderes. Durch das Lesbischsein haben wir eine andere Lebenserfahrung und Identität.

Sorry, Girls, das mit dem gemeinsamen lesbischen Faktor war auch eine Fangfrage. Dana, was verbindet dich beispielsweise mit Alice Weidel von der AfD? DM: Da kann ich nur Hella von Sinnen im L-MAG-Interview zitieren: Es muss auch Nieten geben. Ansonsten ist diese Frau für mich ein riesiges Rätsel, weil ich nicht verstehe, wie sie mit einer Woman of Color zusammen und trotzdem homophob und rassistisch sein kann. Sie hat einen ähnlichen Ausgangspunkt wie wir, kommt aber zu anderen Erkenntnissen. Außer dass sie mit Frauen ins Bett geht, haben wir nichts Gemeinsames. MK: Doch, haben wir. In der Psychologie ist die Rede vom Minderheitenstress. Menschen, die egal welcher Minderheit angehören, haben ein viel stressigeres Leben, weil sie sich viel öfter erklären müssen, sich ausgeschlossen fühlen, nicht gemeint und nicht angesprochen sind. Auch Alice Weidel hatte mal ein Coming-out und musste sich erklären und wurde bestimmt irgendwo mal scheiße behandelt. Auch Alice Weidel war früher mal ein Mensch. Das haben wir gemeinsam.

Manuela, welcher gemeinsame lesbische Nenner verbindet dich mit Anne Will? MK: (lacht) Nicht viel. Wir lieben beide Journalismus. Wir glauben beide, wir haben unglaublich viel zu sagen. Sagen wir’s, wie es ist: Wir sind beide Kampflesben – jede auf ihre Art!

Manuela, du bist Berlinerin und kennst die lesbische Community seit Jahrzehnten. Die lesbische Infrastruktur hat sich sehr verschlankt, es gibt kaum mehr Bars, Buchläden und Partys. Hat niemand mehr Bock auf „Lesbenszene“? MK: Mein Standardsatz ist ja: An allem ist die Homo-Ehe schuld. Dieses Streben nach dem kleinen privaten Glück hat uns letztlich auch diesen großen Rechtsruck beschert. Die Leute denken nur noch an sich und nicht mehr ans Kollektive. Die Selbstverwirklichung der persönlichen Dinge wie Kinderkriegen und Kleinfamilie, Beziehung und Ehe – da haben sich die Werte sehr verschoben. Meine politische Sozialisation im Westberlin der 80er-Jahre hatte ganz andere Vorzeichen: Da wollte niemand heiraten, da wollte niemand Familie, da wollte auch niemand Karriere, da ging es darum: Wie stelle ich mir die Welt für alle Menschen vor? Und da waren wir bereits intersektional, denn es ging darum, auch als Lesbe gegen Atomkraft zu kämpfen oder für Feminismus oder mit Feministinnen gegen den Paragrafen 218. Nach dem kleinsten privaten Glück zu streben finde ich langweilig. Die Lesbenszene hat dadurch ihr bisschen Infrastruktur verloren, weil die Leute jetzt eben mit Hund, Katze, Kind und Frau auf dem Sofa sitzen.

Zuletzt wollen wir natürlich noch wissen, was zur großen L-MAG-Geburtstagsparty „Dykes* ’n’ Roses“ am 3. August im SchwuZ abgeht … MK: Da soll nicht viel Programm sein, sondern ein Wiedertreffen, miteinander feiern und sich gut fühlen. Wir machen das ganz simpel und verbreiten einfach gute Laune unter Lesben. Wir haben gute DJs … DM: … und eine Kampflesbenlounge, wie sich das gehört!

Interview: Andrea Winter

Dykes* ‘n’ Roses – 15 Jahre L-MAG, die Jubiläumsparty,
03.08., 22:00, SchwuZ

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