Queere Geschichte

40 Jahre Schwules Museum: Institution mit internationaler Strahlkraft

4. Dez. 2025 Klaus Sator
Bild: Manfred Baumgardt
Besucherandrang bei „750 warme Berliner“, 1987

Vier Jahrzehnte Schwules Museum sind auch für die eng mit ihm verbundene SIEGESSÄULE Anlass zum Feiern und die Geschichte des Hauses Revue passieren zu lassen. Wir sprachen mit Aktivist*innen aus unterschiedlichen Generationen und beleuchten, welche Richtungswechsel es zuletzt gab

Den Anfang nahm alles 1984 mit der Ausstellung „Eldorado – Geschichte, Alltag und Kultur homosexueller Frauen und Männer 1850–1950“ im ehemaligen Berlin Museum. Drei schwule Studenten – Andreas Sternweiler, Wolfgang Theis und Manfred Baumgardt – überzeugten den Direktor, eine Schau zur Berliner Schwulen- und Lesbenbewegung ins Programm zu nehmen. Er ließ sich darauf ein. Das Resultat wurde ein riesiger Erfolg, trotz skeptischer Medienreaktionen, etwa vom Tagesspiegel, der meinte, man würde doch auch keine Ausstellung über Rothaarige machen. Das Interesse der Besucher*innen bestärkte die Studenten darin, einen Plan für ein eigenes Museum zu entwickeln, in dem entsprechende Geschichten dauerhaft und mit immer wieder wechselndem historischem Fokus präsentiert werden könnten.

Am 6. Dezember 1985 traf man sich bei einem Notar in der Kantstraße, um mit der Satzung eines Vereins der Freunde des Schwulen Museums in Berlin e.V. den Grundstein zu legen. Anschließend stieß man mit „Sekt und Herrentorte“ an. Warum am Nikolaustag? „Damit man sich das Datum besser merkt“, sagt der inzwischen 77-jährige Theis im SIEGESSÄUE-Interview mit einem Schmunzeln.

Bild: Albrecht Becker
„Männerakte“im Schwulen Museum am Mehringdamm, 1995

Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit

Das Schwule Museum (SMU), heute das größte seiner Art weltweit, entstand ursprünglich als rein schwules Projekt. Die angefragten lesbischen Frauen aus dem „Eldorado“-Team wollten nicht mitmachen beziehungsweise lieber eine eigene Institution starten – ohne Männer. Die Anfänge waren bescheiden: keine eigenen Räume, ehrenamtliche Arbeit, Gaststatus in der Friedrichstraße bei der Allgemeinen Homosexuellen Arbeitsgemeinschaft (AHA). 1986 zeigte das SMU dort seine erste eigene Ausstellung: „Igitt – 90 Jahre Homopresse“, kurz danach kam zum 750-jährigen Stadtjubiläum „750 warme Berliner“.

1989 folgte der Umzug in ein Hinterhaus am Mehringdamm, gleich neben dem damaligen SchwuZ und dem Café Sundström. Dort blieb das SMU bis zum Wechsel in die Lützowstraße 2013. Am Mehringdamm war ab 2004 auch erstmals eine Dauerausstellung mit dem Titel „Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit“ zu sehen, mit einem schönen kleinen Katalog dazu. Wenig später entschied sich der Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit erstmals für eine (anfangs noch bescheidene) strukturelle Förderung der Institution. Zuvor war wichtige Unterstützung über all die Jahre vom Berlin Museum und der Deutschen Kinemathek gekommen, wo Theis inzwischen arbeitete.

Bild: Leonie Leclair
Wolfgang Theis mit einem Exponat seiner letzten Ausstellung „Anders als die Andern“, 2019
„Wir haben gemacht. Es war ein Machen. Ein Vorantasten von einem Projekt zum nächsten. Eine Art Lawine, die sich verselbständigt hat.“

In Zeiten knapper finanzieller Mittel konnten Ausstellungstechnik und Materialien von dort übernommen werden. Die Haltung der Gründungsväter beschreibt Theis rückblickend so: „Wir haben gemacht. Es war ein Machen. Ein Vorantasten von einem Projekt zum nächsten. Eine Art Lawine, die sich verselbständigt hat.“ Mit HistorikerKarl-Heinz Steinle als langjährigem Geschäftsführer und Birgit Bosold als erster Frau im Vorstand (ab 2006) gelang die Professionalisierung des Museums, einhergehend mit immer größeren Fördersummen.

Heute arbeiten 15 Festangestellte (alle in Teilzeit) und zahlreiche Honorarkräfte im SMU. Das Team ist vielfältig – mit Luan Pertl gibt‘s erstmals auch eine intergeschlechtliche Person im Team. Das SMU gilt mittlerweile als begehrte Arbeitsstelle. Leah Fot nennt als Motivation für ihr derzeitiges Volontariat „die Verbindung von Forschung, Praxis und Aktivismus“, „queer-politische Bildungsarbeit“ und „Arbeit in einem Bewegungsarchiv“.

Eine viel beachtete Ausstellung von überregionale Strahlkraft war 1997 „Goodbye to Berlin: 100 Jahre Schwulenbewegung“ in der Akademie der Künste, als Gemeinschaftsprojekt gezeigt und mit Lotto-Geldern üppig finanziert, der Katalog ist noch antiquarisch zu haben. Lesben und andere Identitäten blieben darin unterrepräsentiert. Theis selbst ordnet das heute als Fehler ein. Damals lag der Fokus der Kuratoren woanders. Die Operetten Schau „Glitter and be Gay“ war dann 2010 die besucherstärkste Ausstellung am Mehringdamm, sagt Steinle auf SIEGESSÄULE-Anfrage. Sogar der Tagesspiegel überwandt seine anfängliche Skepsis und berichtete enthusiastisch.

Bild: Albrecht Becker
Kondome an der Decke bei „Infektiös – Kunst und Alltag, Leben mit Aids“, 1992

Kritisches Hinterfragen der eigenen Arbeit

Mit einer jüngeren Generation queerer Aktivist*innen, die selbstbewusst auf die Errungenschaften der Schwulen- und Lesbenbewegung aufbauen, wurde die frühere Arbeit des Museums zunehmend kritisch hinterfragt. Viele fühlten sich nicht ausreichend repräsentiert. Es kam zu heftigen Debatten über die inhaltliche Ausrichtung. Infolge der Debatten wurden das Themenspektrum der Ausstellungen sowie die Sammelschwerpunkte von Bibliothek und Archiv erweitert.

Nach Schauen zu schwuler Geschichte und ihren vielen Idolen wurden in den letzten Jahren gezielt die Lebenswelten weiterer marginalisierter Gruppen gezeigt. 2008 dokumentierte das L-Projekt erstmals die Geschichte der Lesbenbewegung in Berlin. Die gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Museum gestaltete Ausstellung „Homosexualität_en“ ging noch weiter und zeigte erstmals die ganze Bandbreite sexueller Identitäten. Und sorgte mit einem Poster der nicht binären Künstler*in Cassils für heftige Diskussionen, im DHM und in der Community. Besonders aber, als „Homosexualität_en“ nach Münster weiterwanderte und die Deutsche Bahn sich vor Ort weigerte, das Poster in ihren Bahnhöfen aufzuhängen.

„Es war eigentlich immer geplant, dass der erste große Raum eine neue Dauerausstellung beherbergen sollte.“

Bis heute kann das SMU auf 279 Einzelausstellungen zurückblicken, eine Zahl, die im internationalen Vergleich singulär ist. Die Lange Nacht der Museen 2024 war mit knapp 1.500 Besucher*innen der bislang besucherstärkste Tag in den eigenen Räumen. Das Publikum ist jünger, diverser und internationaler geworden: Fast die Hälfte ist unter 30. Viele vermissen eine Überblicksausstellung zur queeren Geschichte. Dass es eine solche nicht gibt – wie einst am Mehringdamm –, bedauert auch Theis: „Es war eigentlich immer geplant, dass der erste große Raum eine neue Dauerausstellung beherbergen sollte.“ Aber Theis weist darauf hin, dass es durch die inhaltliche Öffnung des SMU nicht mehr möglich sei, all die Geschichten der einzelnen Gruppen unter einen Hut zu kriegen.

Zahlreiche Gästebucheinträge belegen eine positive Resonanz. Ein Besucher erinnerte sich an sein Coming-out: „Ich habe die Zeitschrift wiederentdeckt, die ich damals mit zitternder Stimme am Kiosk verlangt habe.“ Filmemacher Wieland Speck schrieb: „Eure Mühe lohnt sich.“ Ganz aktuell findet man neben Lob und viel Bewunderung aber auch klar formulierte Enttäuschung, weil es nichts zu Hirschfeld und der Historie der Homosexuellenbewegung gibt.

Von Aktivismus zu Bildungsarbeit

Bildungsarbeit hat in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. 2020 wurde dafür eine feste Stelle vom Berliner Senat bewilligt, die Panda Ortmann innehat. Inzwischen bietet das Museum über 280 Workshops und Führungen jährlich an. Ortmanns Wunsch: „Dass das Museum immer besser darin wird, Diskriminierungen abzubauen und viele verschiedene Communitys zu repräsentieren.“ Als größte Herausforderung nennt die aktuelle Geschäftsführerin Birga Meyer die finanzielle Lage: „Wir haben enorme Kostensteigerungen, sinkende Besucher*innenzahlen und gekürzte Kulturförderung.“

Wie wird das alles wohl zum 100. Geburtstag aussehen? Theis fragt sich das auch, gerade nach der Schließung des SchwuZ. Darauf angesprochen, ob das SMU sich nach der Neuausrichtung in ein „Queer Museum“ umbenennen wird, antwortet er lapidar: „Damit warten sie, bis ich tot bin!“ Zum Festakt am 6. Dezember wird er vor geladenen Gästen in einer geschlossenen Feier eine Rede halten. Danach wird die Ausstellung „‚… und damit fingen dann die Probleme an‘ – Die Gründung des Schwulen Museums 1985“ feierlich eröffnet. Am 7. Dezember ist sie bei freiem Eintritt für alle zugänglich. Anschließend kann man sie regulär bis März 2026 besuchen.

Ausstellung „… und damit fingen dann die Probleme an“ – Die Gründung des Schwulen Museums 1985
07.12.2025 bis März 2026
Mo–Mi, Fr 12:00 18:00
Do 12:00–20:00
Sa 14:00–19:00
So 14:00–18:00
Lützowstraße 73, Tiergarten
schwulesmuseum.de/ausstellung

Transparenzhinweis: Klaus Sator engagiert sich im Schwulen Museum, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nachlass des Künstlers John Olday.

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