Interview

Mahmoud Hassino von „Mr Gay Syria“: „Die Welt kann uns nicht helfen“

31. Aug. 2018
Hussein gewann 2016 in Istanbul den Titel „Mr. Gay Syria“ (mi.). Links neben ihm steht der Organisator der Veranstaltung Mahmoud Hassino © Bradley Secker

Die Doku „Mr Gay Syria“ wird am Montag bei MonGay und ab dem 6. September überall im Kino gezeigt. Wir sprachen mit Mahmoud Hassino, der den Wettbewerb ins Leben rief

Vor über fünf Jahren hatte Mahmoud Hassino die Idee für ein besonderes Event: den „Mr Gay Syria“-Wettbewerb. Regisseurin Ayşe Toprak hat aus dieser Geschichte die Doku „Mr Gay Syria“ gemacht, in der sie das Schicksal schwuler Syrer beleuchtet, die aus ihrem Heimatland fliehen mussten. Anlässlich des Kinostarts nächste Woche berichtete uns Mahmoud über die Doku und die Situation in Syrien

Mahmoud, wie kam es zu dem Film, und welche Motivation steckte dahinter? Die Idee zum „Mr Gay Syria“-Wettbewerb hatte ich bereits 2012. Wir haben auch schon zweimal versucht, mit dem Titelträger zur Wahl des „Mr Gay World“ zu reisen, doch jedes Mal wurde uns das Visum verweigert. Eine Freundin meinte dann, wir sollten einen Film daraus machen. Uns war es wichtig, zu dokumentieren, was mit syrischen Queers passiert. Es ist nicht möglich, über unsere Rechte – oder über Rechte allgemein – zu sprechen, denn es herrscht einfach Krieg. Das möchten wir zeigen und Sichtbarkeit herstellen. Zumindest in absehbarer Zeit wird der Krieg wohl auch nicht vorbei sein. Wir hoffen deswegen, mit dem Film andere LGBTIs aus Syrien zu ermutigen, sich zu zeigen und über ihre Situation zu reden.

Beim Wettbewerb zum „Mr Gay Syria“ sollten die Teilnehmer auf der Bühne eine selbst entworfene Performance darbringen. Der Gewinner Hussein hat eine sehr emotionale Coming-out-Szene gespielt. Er sprach dabei zu einem Stuhl und stellte sich vor, dass darauf seine Mutter sitzen würde. Die ZuschauerInnen fühlten sich dadurch sehr angesprochen. Es war ein wirklich bewegender Moment. Er bekam die Stimme des Publikums und die meisten Stimmen der Jury. Zu meinen Favoriten gehörte auch Wissam, der einen expressiven Tanz aufgeführt hat. Seine Entwicklung von diesem schüchternen Jungen, der nicht wusste, was er machen soll, hin zu dieser großartigen Bühnenperformance war sehr beeindruckend.

Eines der Ziele des Wettbewerbs war es, an der Wahl zum „Mr Gay World“ teilnehmen zu können. Das wäre eine Bühne für eure Anliegen gewesen. Was möchtest du die Welt über geflüchtete syrische LGBTIQ wissen lassen? (lacht) Ganz ehrlich?

Ja! Das ist mir komplett egal! Es ist mir nicht wichtig, was die Welt über Syrien denkt. Mir ist Syrien selbst wichtig. Wir wollen aber nicht dauernd mit dem IS in Verbindung gebracht werden. Wir sind zum Beispiel vor dem Regime geflohen, noch bevor der IS eine reale Bedrohung wurde. Um persönliche Geschichten geht es mir. Und dass Menschen diese Geschichten erzählen können. Und zwar anderen Syrer*innen. Als wir den Film in Berlin gezeigt haben, war ich sehr froh, dass viele heterosexuelle Leute aus Syrien kamen und wir so den Dialog öffnen konnten. Dieser Prozess muss von Syrien durchgeführt werden. Und viele syrische LGBTIs arbeiten jetzt schon daran. Der Krieg kann nicht ewig andauern. Mir ist es aber wichtig, diese Zeit für später zu dokumentieren. Die Welt kann uns nicht helfen. Und alle reden eh schon darüber, wie sie uns zurückschicken können, obwohl wir dort im Krieg leben müssen. Es ist mir deswegen nicht so wichtig, was die Welt denkt.

Das klingt so, als hättest du auch die Hoffnung aufgegeben, dass die EU oder andere Länder euch helfen? Na ja, der ursprüngliche Film sollte die Geschichten von queeren SyrerInnen im Krieg zeigen. Und die, die im Film gezeigt werden, sind auch Geflüchtete. Und daran ist Europa interessiert: Wer kann bleiben, wer muss gehen? Europa hilft queeren Geflüchteten in den sogenannten Transitländern nicht. Denn obwohl es einen Deal mit der Türkei gibt, Geflüchtete aufzunehmen, wird für queere Geflüchtete nicht genug getan. Trotz ihrer gefährlichen Lebenssituation werden nicht alle aufgenommen. Aber vielleicht kann der Film darüber ja auch eine Diskussion anstoßen.

War das auch das Thema, als du auf dem Lesbisch-Schwulen Stadtfest gesprochen hast? Im Film kommt das in einer kurzen Szene vor. Natürlich. Wir brauchen die Unterstützung der lokalen Community. Und wir wollen auch nicht dauernd als Sexobjekte betrachtet werden. Hier werden wir in der schwulen Community leider häufig mit der Vorstellung konfrontiert, dass wir diese Menschen von da unten seien, die andauernd Sex haben.

Diese Darstellung als übersexualisierte Menschen stammt ja auch noch aus dem Kolonialismus. Genau! Darüber habe ich auch einmal in einer SIEGESSÄULE-Kolumne geschrieben. Das ist ein weltweites Problem. Und dieses kolonialistische System, das auf weißen Privilegien beruht, können wir nicht einfach auf die Vergangenheit abschieben und von der Gegenwart abtrennen. Es hat aktuelle Konflikte ausgelöst. Sei es Rassismus, seien es diese Stereotype oder andere Probleme. Sie sind alle mit dem Kolonialismus entstanden. Damals wollte Europa der Welt beibringen nach den Gesetzen des Christentums zu leben. Heute will Europa der Welt beibringen nach seinen ökonomischen Gesetzen oder – bes- ser – seinen Interessen zu leben. An sich hat der Kolonialismus niemals aufgehört. Europa will immer noch der Welt vorschreiben, wie sie zu funktionieren hat oder wie ihre Länder regiert werden sollen.

Mahmoud Hassino arbeitet in Berlin bei der Schwulenberatung mit queeren Geflüchteten und schreibt regelmäßig für die SIEGESSÄULE Kolumnen

Interview: Jeff Mannes

„Mr Gay Syria“, TR/D/M/F 2017, Regie: Ayşe Toprak, ab 06.09. im Kino

SIEGESSÄULE präsentiert: Preview bei MonGay, 03.09., 22:00, Kino International