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Warum braucht Berlin einen Rio-Reiser-Platz?

19. Dez. 2018
Rio Reiser © Sony Music

Ein Teil des Mariannenplatzes oder der Heinrichplatz könnten bald nach dem schwulen Musiker Rio Reiser benannt werden. SIEGESSÄULE-Kolumnist und Avantgardekünstler Wolfgang Müller kommentiert!

19.12.18 – Soll es in Berlin einen Rio-Reiser-Platz geben? Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg befragte dazu kürzlich 5000 Haushalte rund um Oranienstraße und Görlitzer Park. Das Ergebnis: 25 Prozent wollen einen Teil des Mariannenplatzes in Rio-Reiser-Platz umbenennen, 33 Prozent den Heinrichplatz.

Für SIEGESSÄULE erklärt Wolfgang Müller, in welcher Form er Rio Reiser ehren würde!

In Berlin-Kreuzberg liegen Grüne und Linke in Umfragen inzwischen gleichauf. Die Frage ist: Wem gehört der 1996 verstorbene, anarchistische schwule Ton Stein Scherben-Sänger Rio Reiser? Etwa zu den Grünen, da ex-Grünenchefin Claudia Roth oft betont, mal seine Managerin gewesen zu sein, und weil Reiser den Bundestagswahlkampf der Grünen 1983 und 1987 unterstützte? Oder doch eher zur Linkspartei, da Reiser 1990 Mitglied ihres Vorläufers, der PDS, wurde und sein Song „König von Deutschland“ deshalb im Radio nur selten gespielt wurde?

„Bei der Bundeswehr gäb' es nur noch Hitparaden“, so heißt es in diesem Song. Militärparaden und Schlagerparaden sind heute gleichermaßen beliebt bei den Grünen – so ähnlich würde es vermutlich die Parteigründerin und Ex-Grüne Jutta Ditfurth formulieren. Egal. Wenn sich zwei Parteien streiten, freut sich oft der Dritte: der Gewinner war und ist in diesem Fall Rio Reiser.

Ich muss gestehen, dass ich die Idee, ausgerechnet den Mariannenplatz in Rio Reiser-Platz umzubenennen, doof finde. Einfach, weil sein Song „Der Mariannenplatz war blau, soviel Bullen waren da…“ mit dieser Umbenennung irgendwie albern, ja fast genullt wird. Außerdem soll die Prinzessin Marianne von Preußen, nach welcher der Mariannenplatz benannt wurde, für ihr soziales Engagement besonders bekannt gewesen sein. Sie kümmerte sich beispielsweise um Berliner Gefängnisinsassen. Warum ausgerechnet dieser Frau etwas wegnehmen? Also, es gibt wahrlich schlimmere adlige Arschkrampen. Vor allem sind noch immer etliche Berliner Straßen nach widerlichen Kolonialherren benannt.

Die Vorgabe, die für den Bezirk Kreuzberg gilt, bei Umbenennungen von öffentlichen Straßen oder Plätzen zunächst nur noch Frauen zu würdigen, „konnte mit Reisers Homosexualität umgangen werden“ – so las ich kürzlich im Tagesspiegel und dachte, ich hätte mich verlesen. Homosexuelle sind also irgendwie Frauen oder mit ihnen irgendwie gleichrangig in der Diskriminierungshierarchie? Ich glaube, es hakt. Peinlich so was!

Mein Vorschlag: Der nahe dem Mariannenplatz gelegene Heinrichplatz, benannt nach einem Militär, dem General Heinrich von Preußen, wird umbenannt in Rio-Reiser-Platz. Der legendäre Musikclub SO 36 liegt direkt gegenüber. Das passt doch perfekt, oder etwa nicht?

Vor allem aber könnte bei dieser Gelegenheit, zum Ausgleich der Männerdominanz, endlich eine mutige Frau gewürdigt werden: Die in Kreuzberg praktizierende Tierärztin Maria Gräfin von Maltzan (1909 – 1997). Ich sah sie in den 1980ern manchmal in der prä-queeren Kreuzberger O-Bar und einmal als TV-Talkgast von Alfred Biolek. Die Hunde der Punks behandelte sie gratis. In der Nazizeit half sie unter Lebensgefahr bei der Rettung von über sechzig politisch oder „rassisch“ Verfolgten, später auch Deserteur*innen und Geflüchteten. Nach dieser mutigen Frau, einer Widerstandskämpferin, ist bisher nur eine Bundeswehrkaserne für Hundewesen benannt. Grotesk oder?

Also, wie wäre es, den Kreuzberger „Bullenwinkel“ in der Naunynstraße in Maria Gräfin von Maltzan-Platz umzubenennen? Dort wurden früher die Kühe getränkt, daher der Name. Auch das passt zu einer Tierärztin perfekt. So könnte die Unterrepräsentanz von Frauen etwas korrigiert werden und die Geschichte des Platzes bekannter werden.

Pazifist Rio Reiser wäre davon sicher angetan gewesen. Und dass sein Name statt dem eines preußischen Generals den Heinrichplatz schmücken könnte, davon wäre er sogar begeistert gewesen.

Wolfgang Müller

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Wolfgang Müller © Nicholas Mockridge