Kommentar

DSDS und die „ätzende schwule Zicke“

9. Jan. 2019
Doris Belmont © Matthes von Bieberstein

Die queere Community schämt sich wegen des Auftritts eines schwulen Kandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar“. Was das mit internalisierter Homophobie zu tun hat, erklärt Doris Belmont

„Wegen solchen Leuten haben WIR es in der Community so schwer!“... „Jetzt geht das wieder los, dass alle über den gleichen Kamm geschert werden!“... „Wofür hab ich denn bitte all die Jahre gekämpft?!“ – Ausrufe und Kommentare in teilweise loriotesker Manier überschwemmen seit ein paar Tagen so einige Timelines in den sozialen Medien. Diese aufgebrachten Stimmen scheinen aus den tiefsten Abgründen der Seele heraufgeschrien zu werden. Ganz klar, die sogenannte „Community“ schämt sich.

Aber um was geht es denn genau? Man will es nicht für möglich halten, aber was die Gemüter derzeit so hochschäumen lässt, spielte sich vor ein paar Tagen auf dem Fremdschämkanal RTL ab, wo die 16. Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) eingeleitet wurde.

Da ich zu der aussterbenden Spezies gehöre, die ohne Fernsehgerät ihr Dasein fristet, musste ich kurz recherchieren, was überhaupt passiert ist. Kurzfassung: Der 21-Jährige Fabrizio Giordano betrat bunt bemalt und mit Highheels bewaffnet die inzwischen allseits bekannte Arena der Schmach. Sein Verhalten wirkte unsicher, wobei unklar ist, ob das der waghalsigen Höhe der Schuhe oder der Nervosität geschuldet war. Mit Überheblichkeit und grausigen Anglizismen überpudert, lieferte der junge Mann ab, was er für Talent hielt – und wurde, so wie das degradierungssüchtige Publikum es erwartet, dafür im klassischen Stil des DSDS-Formates kritisiert. Beim Versuch, den Spieß umzudrehen, wurde Fabrizio ausfallend, bis Jury-Mitglied Oana Nechiti ihn schließlich hinaus bat. Fabrizio verpasste ihr dafür noch zwei Beleidigungen.

Zunächst ist festzuhalten: Ja, der Kandidat zeigte sich definitiv nicht als ein angenehmer Zeitgenosse. Das überzogen Eingeschnappte, der Mangel an Einschätzungsvermögen, die flapsigen Sprüche und die absolut unangebrachten Beschimpfungen disqualifizieren Fabrizio auf menschlicher Ebene. Aber sind wir da wirklich am Grund des Problems? Warum wird auf sozialen Medien nun derart gegen Fabrizio gewettert? Von dem, was ich bisher dem DSDS-Format entnommen habe, gehören Entgleisungen doch zum guten Ton, sind doch sogar einer der Gründe für den Erfolg des Programms. Und mit Verlaub: die sogenannte „Community“ empört sich doch sonst nicht so über Vulgaritäten in Film und Fernsehen?

Achja, Fabrizio ist schwul … und stolz darauf, dass man es merkt. Wir haben also einen offen schwulen Kandidaten bei DSDS, der in Stöckelschuhen, starker Schminke und seltsamen Eigendefinitionen zum Thema Drag auffällig wird. Und mit letzterem verspielt es sich man offensichtlich in der queeren Gesellschaft. Als nicht-heterosexuelle Person hat man im besten Falle charakterlich unauffällig zu bleiben.

Ein Dieter Bohlen kann beleidigen, kann unterhalb der Gürtellinie kritisieren und wird allenfalls aufgrund seines miesen Charakter abgeurteilt – an seiner Heterosexualität würde sich niemand derart stoßen. Bei einem schwulen Fabrizio hingegen ist der Fall ganz klar: „ätzende schwule Zicke“, mit der sich keiner vergleichen lassen will.

Und da liegt das eigentliche Problem. Wir haben noch immer die reflexartigen Anpassungsmechanismen an die Heteronormativität in unseren Köpfen und fürchten noch immer um Ausgrenzung, sobald die Heterosexuellen einmal gefordert sind, zu differenzieren – und uns nicht alle aufgrund der Performance eines Fabrizios oder aufgrund homophober Klischees ab zu urteilen. Die „Community“, sofern sich hinter diesem Begriff tatsächlich mehr verbirgt als eine schwammige Beschreibung queerer Menschen, sollte sich tatsächlich schämen. Jedoch nicht für Fabrizios Homosexualität, sondern für ihren eigenen Mangel an Emanzipation.

Doris Belmont