Nachruf

Schwuler Chronist des DDR-Alltags: Zum Tod des Künstlers Jürgen Wittdorf

14. Jan. 2019
„Baubrigade der Sportstudenten“, Jürgen Wittdorf 1964

Seine freizügigen Darstellungen meist männlicher Körper waren in den 60er-Jahren für die DDR-Funktionäre eine Provokation. Im Dezember letzten Jahres verstarb der Künstler Jürgen Wittdorf in Berlin

„Durchs Leben gezeichnet“ – der Titel einer Ausstellung 2013 im Museum Lichtenberg trifft auf Jürgen Wittdorf in jeder Hinsicht zu. Er war durchs Leben gezeichnet: 1932 geboren, Schulzeit während der Naziherrschaft, Flucht vor dem Krieg, entbehrungsreiche erste Jahre nach dem Zusammenbruch Deutschlands.

Und er hat sich durchs Leben gezeichnet. Schon als Kind übt er sich, wird ab 1950 an einer privaten Kunstschule unterrichtet und bildet seinen Stil. Holzschnitt steht auf dem Lehrplan, eine schwierige Technik, gerade in großen Formaten. Wittdorf beherrscht sie meisterhaft, kommt 1952 an die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wird 1970 Meisterschüler der Akademie der Künste bei Lea Grundig und gibt seine Gabe weiter – als Leiter von Zirkeln in Leipzig und Berlin. Dort, im Haus des Lehrers, endet seine künstlerische Laufbahn 1991. Zeitenwende: Von der humanistischen Kunst Jürgen Wittdorfs will plötzlich fast niemand mehr etwas wissen. Seine Werke geraten in Vergessenheit oder werden – wie seine Keramikwand im Berliner Sportforum – zerstört. Wittdorf lebt von Sozialhilfe, wird Rentner, verliert 2007 seinen Partner, mit dem er 25 gemeinsame Jahre verbracht hat.

Der Holzschnittzyklus „Für die Jugend“ machte Wittdorf 1961 und in den Jahren darauf in der gesamten DDR bekannt. Hier sah man sie zum ersten Mal: Junge Menschen, die so aussahen, wie sie real existierten. Halbstarke in Lederjacken, ein junger Vater beim Einkauf mit Kind auf dem Arm, Adam und Eva als Akt am FKK-Strand. Keine Idealisierung, keine mythische Überhöhung zeigt sich in den Bildern der Jugend, sondern Sensibilität und Verletzlichkeit, wie der Kunsthistoriker Peter Michel richtig bemerkt.

Der Schriftsteller Volker Braun stellt fest, die Jugendlichen in Wittdorfs Werk seien „bis dahin, außer in der Wirklichkeit, überhaupt nicht vorgekommen“. Doch der kleinbürgerliche Muff der Nachkriegsjahre war auch im Osten noch nicht verflogen und so wurden Wittdorfs Arbeiten von der alten Funktionärsgarde als „verwestlicht“ abgelehnt. „Er brach das gängige Aufbau-Pathos jener Jahre“, so Michael Sollorz in seinem Wittdorf-Porträt „Meisterschüler in der Braunkohle“. Die neue Generation aber fand sich in den Darstellungen wieder, Ausstellungen folgten, in Dresden sahen 200.000 Menschen seine Werke. 1963 wurde Wittdorf der Kunstpreis der FDJ verliehen, die großformatige Grafikmappe wurde 10.000 Mal gedruckt und erreichte auch den letzten Winkel der Republik. Und nicht nur im kleinen Land zwischen Oder und Elbe wurde Wittdorf ein Name. Zusammen mit Womacka, Münch, Schinko und anderen jungen DDR-Künstlern wurde er im selben Jahr in Moskau ausgestellt.

Wittdorfs Begeisterung für den männlichen Körper äußert sich am deutlichsten in seinem Zyklus „Jugend und Sport“ (1964). Er, der lange mit seinem Coming-out haderte und die ersten sexuellen Erfahrungen mit Männern erst in seinen Dreißigern sammelte, schuf intime Bilder von Sportlern beim Training, bei der Arbeit, in der Umkleide. Die Freizügigkeit der Darstellungen war selbst im Land der Freikörperkultur revolutionär.

Einen „Chronisten des DDR-Alltags“ nannte ihn sein langjähriger Wegbegleiter Franz Werner, der es sich zur Aufgabe machte, Wittdorfs Werk zu bewahren und zu katalogisieren. Ausstellungen in Berlin, Mainz und Trier zeigten auch weniger bekannte Werke. „Eigentlich hatten sich fast alle seiner Fans nur für seine Holzschnitte interessiert. Zugegebenermaßen seine Meisterstücke, jedoch umspannte sein Œuvre weitaus mehr“, erinnert sich Werner. Illustrationen, Fotografien, Keramikmalereien – es gibt noch viele ungehobene Schätze in Wittdorfs Nachlass.

Der Regisseur Ringo Rösener, der Wittdorf für seinen Film „Unter Männern: Schwule in der DDR“ als einen der Protagonisten gewinnen konnte, blickt zurück: „Das letzte Mal als ich Jürgen sah, war er tief in seinen Erinnerungen versunken. Erinnerungen, die gebannt in seinen Zeichnungen und grafischen Arbeiten darauf warten, neu entdeckt zu werden.“ Mit zunehmender Altersdemenz konnte Wittdorf seine Wohnung, in der er inmitten seiner Kunst lebte, kaum noch verlassen.

Jürgen Wittdorf starb am 2. Dezember 2018 im Alter von 86 Jahren in Berlin.

Ronny Matthes

null


Jürgen Wittdorf, 2008 © SpreeTom Derivative work:MagentaGreen, CC BY-SA 3.0