Essay

Zoff in der Familie: Interessenskonflikte zwischen Schwulen und Lesben

21. März 2019
© Sven Serkis

Stephanie Kuhnen fragt nach den Ursachen für die zahlreichen Brandherde zwischen Schwulen und Lesben in der Community und entwickelt Perspektiven für eine gerechtere gemeinsame Zukunft

21.03.19 – Der Grundstücksstreit zwischen der Schwulenberatung und der kleinen lesbischen Initiative RuT, der Streit um das Gedenken an lesbische Opfer in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, der Machtkampf im Schwulen Museum – das vergangene Jahr war gerade in der Berliner Community geprägt von Konfrontationen, die sich auf den ersten Blick als Interessenkonflikte zwischen schwulen Männern und lesbischen Frauen lesen ließen. Angesichts des 50. Jubiläums der Stonewall-Riots in diesem Sommer und im Hinblick auf eine notwendige Solidarität unter LGBTI vor dem Hintergrund des weltweiten Rechtsrucks geht die Journalistin und SIEGESSÄULE-Autorin Stephanie Kuhnen den Ursachen dieser „Sollbruchstelle“ der Community auf den Grund und entwickelt Perspektiven für eine gerechtere gemeinsame Zukunft und Teilhabe

„Wir müssen reden: Lesben gegen Schwule? Schwule gegen Lesben? Homos gegen Homos?“: Auch wenn der Titel der Veranstaltung provokant gewählt war, setzten nicht wenige Anwesende beim Diskussionsabend im Neuköllner Ludwig im vergangenen Oktober auf eine Aussprache. Oder sie hofften, dass im direkten Gespräch zumindest eine gegenseitige Empathie hergestellt werden könnte – trotz aller Unterschiedlichkeiten. Der Sommer war thematisch bestimmt gewesen von der misslichen Konkurrenz um ein Grundstück am Berliner Südkreuz, in die die gemeinnützige GmbH Schwulenberatung und der kleine Verein RuT – Rad und Tat e. V., Offene Initiative Lesbischer Frauen, geraten waren. Erst hatte das Wohnprojekt des RuTs den Zuschlag für das Grundstück erhalten. Die Schwulenberatung legte Widerspruch ein. Der Ausgang war dann wenig überraschend: Die Spielregeln des Vergabeverfahrens wurden geändert, über den Zuschlag wurde nochmals entschieden. Letzten Endes gewann die Schwulenberatung den Ort für ihr bereits drittes Wohnprojekt, RuT ging leer aus.

Und es gab noch andere Brandherde: darunter den Streit um das Gedenken an die in der NS-Diktatur verfolgten und ermordeten Lesben in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. In einer geleakten internen Mail eines Vorstandsmitglieds des LSVD Berlin-Brandenburg bezeichnete dieses die seit Jahrzehnten für die Anerkennung der komplexen Verfolgungsgeschichte von Lesben kämpfenden Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und Aktivist*innen als „Krawalllesben“.

So viele schwule und heterosexuelle „Krawalllesben“ hatte Facebook noch nie gesehen

Auf die im Internet hundertfach geteilte E-Mail reagierte der LSVD-BB-Vorstand, indem er gegen einige wenige Verbreiter*innen juristische Schritte einleitete. Zugleich hatte er der Community und Unterstützer*innen aber ungewollt mit seiner Wortschöpfung den kämpferischsten Hashtag des Jahres geliefert: So viele schwule und heterosexuelle „Krawalllesben“ hatte Facebook noch nie gesehen. Insgesamt also standen die Zeichen an jenem Abend im Ludwig auch eher auf Zusammenraufen denn auf Sturm. Schließlich gehört es zur politischen Folklore der Stadt, sich erst so zu streiten, dass der Rest der Republik sich mit seinen Konflikten gleich viel besser fühlt – und dann doch noch einen gemeinsamen Weg zu finden.

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Daraus wurde aber leider nichts. Sichtbar wurde vor allem anhand der Reaktionen aus dem Publikum, wie weit die Entsolidarisierung bereits vorangeschritten war. Die gute Nachricht: die Mauer verlief nicht zwischen Lesben und Schwulen per se. „Geht doch ins Frauenhaus!“, rief ein Mann, als ihm die problematische Pflegesituation für ältere Lesben in Deutschland geschildert wurde. Als eine Lesbe den Wunsch nach mehr Solidarität äußerte, schrie er: „Wir sind nicht eure Ehemänner!“ Dann folgte noch ein ungebremster Monolog darüber, dass „die Lesben“ doch einfach mal arbeiten sollten, wenn sie etwas haben wollen. Später am Abend wurde gemutmaßt, dass es sich bei diesen Zwischenrufen wohl um eine Art Tourette „alter, weißer, cis Schwuler“ gehandelt haben müsse.

Schwuler Sexismus ist eine Strategie

Dem möchte ich widersprechen: So sieht schwuler Sexismus aus! Schwuler Sexismus ist eine Strategie, mittels der Abwertung von Frauen – in diesem Fall von Lesben – überlegene Männlichkeit herzustellen. Diese unterscheidet sich zwar von heterosexueller Männlichkeit, sie stellt die heteronormative Ordnung jedoch nicht infrage. Schwuler Sexismus bestätigt diese Ordnung und ordnet sich ihr gleichzeitig unter.

Das bedeutet, dass in der Community cis Männer die Sichtbarkeiten nach ihren Vorstellungen und zu ihrem Vorteil hierarchisch ordnen. Das heißt: (schwule) Männer bestimmen nach wie vor darüber, wem und in welchem Maße eine Ressourcenteilhabe und die Wertigkeit von Identität und Themen zukommen solle.

Die Sollbruchstelle des schwul-lesbsichen Bündnisses

Das ist keine Generationenfrage und bedeutet auch nicht, dass schwule Männer grundsätzlich sexistisch seien. Häufig geschieht das Ganze außerdem unter geduldeter Mitwirkung von heterosexuellen Frauen, die unter Umständen ebenfalls Vorteile aus der unterlegenen Position von Lesben ziehen können. Das Thema „lesbische* Sichtbarkeit“, als Forderung nach Teilhabe, legt genau diese Strategien offen. Hier liegt die traditionelle Sollbruchstelle des schwul-lesbischen Bündnisses.

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Erstmalig und folgenreich eskalierte dieser Konflikt im Jahr 2011 rund um ein regionales Ereignis, das bald in ganz Deutschland, vor allem in den sozialen Medien, debattiert werden sollte. Diese Debatte markierte einen Wendepunkt in der Bündnisarbeit. Der Münchner CSD hatte damals auf die permanente Marginalisierung von Lesben in der medialen und visuellen Erzählung (und auch im Selbstverständnis der alljährlichen CSD-Feierlichkeiten) reagiert, indem er einmalig als CSD-Motto einen „Christina Street Day“ ausrief. Es war übrigens ein schwuler Mann, Thomas Niederbühl, damals politischer Sprecher des CSD, der sich solidarisch dazu bekannte, dass der CSD keine „Schwulenparade“ sei. Das einmalige Motto sollte darauf aufmerksam machen, dass die Bewegung auch von Lesben getragen wurde – die in der Berichterstattung über den CSD aber stets wenig Erwähnung fanden und daher unsichtbar blieben.

Auf diese solidarische Intervention von Niederbühl folgte ein, aus lesbischer Sicht, unfassbar hasserfüllter, lesben- und frauenfeindlicher Shitstorm, der heute noch gut dokumentiert im Internet auffindbar ist. Vorwiegend schwule Männer ergingen sich in Tiraden über „die Lesben“, die sich unverdient an den Erfolgen der Schwulen bedienen wollten, die an dem großen, männlichen Heldenepos der Stonewall-Riots nicht teilgenommen hätten, die „Geschichtsklitterung“ betreiben würden, die sich fremdgesteuert von Feministinnen wie Alice Schwarzer in ein „gemachtes Nest“ setzen wollten und denen jede Diskriminierungserfahrung, rückwirkend bis in die NS-Diktatur, abgesprochen wurde.

Die Abwertung von Lesben erinnert an rassitische Denkmuster


Gleichzeitig ergingen sich viele schwule Männer auch darin, dass es durchaus löblich sei, dem Bild der „tuntigen Dragqueens“ etwas entgegensetzen zu wollen – aber bitte doch nicht mit Lesben, die noch nie etwas für die Bewegung geleistet hätten. Ein ähnliches Stereotyp „unverdient nutznießender Lesben“ hatte übrigens bereits im Streit um die Gestaltung des Berliner Denkmals für homosexuelle NS-Opfer eine Rolle gespielt, der seit Mitte der 90er geführt wird.

Die Abwertung von Lesben als politisch nicht relevante Subjekte erinnert an rechtspopulistische und rassistische Denkmuster: Es wird behauptet, eine Gruppe würde Anspruch auf das Kapital einer anderen erheben, ohne etwas dafür geleistet zu haben. Die dominante Gruppe behauptet außerdem von sich selbst, sie würde durch diese ungerechtfertigten Forderungen in Bedrängnis geraten.

Einigen wenigen wird zwar eingeräumt, am Kapital teilhaben zu dürfen – aber nur, wenn sie sich buchstäblich unterordnen unter die Interessen der dominanten Gruppe und dieser materiell und emotional zuarbeiten. Teilhabe ist also kein Verdienst, sondern immer eine jederzeit kündbare Großzügigkeit.

Die Hälfte von homosexuell ist lesbisch


Dies ist die Blaupause der Hierarchisierung von Sichtbarkeiten. So bleiben Lesben immerzu abhängig von der Gunst schwuler Männer. In dieser Logik wird eine einfache Wahrheit nicht anerkannt: Die Hälfte von homosexuell ist lesbisch.

Das gleiche Muster der Hierarchisierung bedeutet für schwule Männer im Übrigen, dass sie von der dominanten heterosexuellen Männlichkeit abhängig sind – denn auch ihre Teilhabe ist jederzeit aufkündbar. Der Trick der Heteronormativität erscheint hier simpel: Schwulen und Lesben wird die Zugehörigkeit zu den ihnen jeweils zugeordneten Geschlechtern bestritten. Lesben seien keine „richtigen“ Frauen, Schwule keine „richtigen“ Männer. Beide Gruppen haben dann Angst, durch nonkonformistisches Verhalten Ressourcen zu verlieren.

Lesben fällt dabei ein zweifelhafter Vorteil zu: Als „Frauen“ haben sie, was Ressourcen wie Geld und Macht betrifft, ohnehin nicht viel zu gewinnen. Also müssen sie sich in ihren Kämpfen im Gegensatz zu Schwulen allein auf strukturelle Veränderungen konzentrieren. Das ist mit Abstand der arbeitsintensivere und längere Weg zur gleichberechtigten Teilhabe. Aber letztendlich lohnt er sich für alle: Denn schließlich hat die gesamte Gesellschaft durch die größte Strukturveränderung des 20. Jahrhunderts, der Einführung des Frauenwahlrechts, gewonnen.

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Der eingangs erwähnte Abend im Ludwig und auch die Entwicklungen rund um die Debatte um lesbische* Sichtbarkeit machen jedoch auch deutlich, dass sich generationenübergreifend etwas zum Positiven verändert hat. Zwar befinden wir uns in einem weltweiten Rechtsruck, in dem Homosexualität und auch Trans*identität – solange sie die binäre Geschlechterordnung nicht infrage stellen und weiße Dominanz gewährleisten – nicht nur integrierbar sind, sondern sich auch zur effektiven Komplizenschaft verwenden lassen. Zugleich gibt es aber immer mehr Menschen, die sich der Entsolidarisierung verweigern. Und die Diskriminierungsfreiheit nicht nur in ihrem privaten Glück suchen.

Viele schwule Männer und trans* Personen widersprachen im Ludwig denn auch den Sexismen gegen Lesben. Ebenso zeigte die überwältigende Unterstützung für das RuT in seinem Kampf für ein altersgerechtes Wohnprojekt für Lesben, dass Solidarität nicht nur unter „Gleichen“ funktioniert, sondern auch in der Differenz möglich ist.

Der Wunsch, eine gerechtere Welt für sich und andere zu gestalten, scheint verloren gegangen zu sein

Genau das scheint die große Aufgabe dieser Zeit zu sein: einander zu unterstützen, ohne zu bevormunden. Und gemeinsame Visionen eines besseren Lebens für alle zu entwickeln, anstatt hungrig den eigenen Brotkrumen zu bewachen. In diesem Jahr werden die Stonewall-Riots ein halbes Jahrhundert alt. Außerhalb der USA sind sie ohnehin ein selbst gewähltes Symbol für den Beginn einer weltweiten Bewegung, die an vielen Orten früher oder später unter anderen politischen Rahmenbedingungen begann.

Es geht also heute nicht mehr darum, was damals war, sondern darum, wer „wir“ zukünftig sein wollen. Die Aufstände entzündeten sich an dem grundlegenden Begehren nach einer besseren Zukunft und nicht daran, eine „wahre historische Begebenheit“ für nachfolgende Generationen herzustellen, die über ein „Dabeigewesensein“ und ein „Nichtdabeigewesensein“ Besitzansprüche und Ausschlüsse produziert. Dieser Wunsch, eine gerechtere Welt für sich und andere zu gestalten, scheint in den Jahren der Anpassung an Normen verloren gegangen zu sein, denn gerechter wurde die Welt nicht, nur normativer.

Die Chancen für ein besseres Morgen stehen trotz des Rechtsrucks gut, denn auch andere soziale Bewegungen erstarken wieder: die (queer)feministische Frauenbewegung, die Antirassismusbewegung, die Umweltschutzbewegung, alle um viele Erfahrungen reicher als noch vor 50 Jahren. Es muss also auch für die LGBTI-Bewegung nicht zwingend, wie vielerorts prognostiziert, wieder bergab gehen. Zwei Erkenntnisse, die die Bewegung dabei auf ihrem Weg allerdings dringend beherzigen sollte: LGBTI-Feindlichkeit kann nicht besiegt werden, wenn nicht auch konsequent Antifeminismus bekämpft wird! Und die zweite: In etlichen Bewegungen stehen auch Lesben gestaltend in den ersten Reihen. Es heißt schließlich nicht umsonst Kampflesbe! Solidarität lohnt sich also für alle.

Stephanie Kuhnen