Fetisch

Sex und Politik: Zu umstrittenen Praktiken wie „Rape“- oder „Slave Play“

22. Apr. 2019
Fotos: jackielynn

Gibt es sexuelle Praktiken, die besser nicht ausgelebt werden sollten? Paula Balov über die politischen Seiten des BDSM

Die Fetisch- und BDSM-Szene feiert – nicht nur zu Ostern in Berlin – selbstbewusst ihre Vielfalt und Offenheit. Das ist gut so, wirft aber auch Fragen auf: Gibt es Grenzen dessen, was gezeigt oder ausgelebt werden sollte? Was ist mit Vorlieben, die umstritten sind, weil sie sehr heikle politische und gesellschaftliche Themen berühren – wie zum Beispiel „Rape Play“ oder „Slave Play“? Ist es falsch, real existierende Machtverhältnisse oder traumatisierende Erlebnisse „nachzuspielen“? SIEGESSÄULE-Autorin Paula Balov über die politischen Seiten des BDSM

BDSM als umstrittenes Thema

„Sex ist politisch“ – für viele Queers mag diese These naheliegend sein. In weiten Teilen der Mainstreamgesellschaft stößt sie dagegen wohl eher auf Unverständnis: Der „Schmuddelkram“ soll gefälligst in der Sphäre des Privaten bleiben. Spätestens wenn die Rede von BDSM (Bondage/Fesseln, Dominanz, Submission und Sadomasochismus) ist, kann diese reine Verortung in der Sphäre des Privaten jedoch nicht mehr vorgenommen werden. Bei einem so weiten Feld an sexuellen Praktiken, die alle auf die eine oder andere Weise um Kontrolle, ungleiche Rollenverteilung und Macht kreisen, ist es nicht zu übersehen, dass sich Politik und Begehren immer wieder berühren.

Nicht von ungefähr war BDSM zum Beispiel ein heiß umstrittenes Thema in den feministischen Bewegungen der 70er- und 80er-Jahre. Im Zuge der „Feminist Sex Wars“ wurden BDSMler*innen zum Teil heftig für ihre Vorlieben angegriffen. Das Argument: BDSM beziehe sich immer auf real existierende Unterdrückungsverhältnisse und sei deswegen grundsätzlich problematisch.

Ob man diese Auffassung nun teilt oder nicht: BDSM kann viel Irritierendes an sich haben. Insbesondere gilt das für jene BDSM-Fantasien, die an gesellschaftliche Tabus rühren oder auf kollektive Traumata verweisen. Ein ebenso bekanntes wie verstörendes Beispiel hierfür sind die pornografischen „Stalag-Fiction“-Hefte. Sie wurden in den 60er-Jahren in Israel populär und schildern sadomasochistische Szenen zwischen alliierten Soldaten und SS-Offizierinnen.

Pornografie und Holocaust

Der Regisseur Ari Libsker näherte sich 2008 dem Phänomen im Dokumentarfilm „Pornografie und Holocaust“ an. Darin kommt der Begründer des Genres, Eli Keidar, zu Wort, der erklärt, wie ihn die Kultur des Schweigens um den Holocaust dazu bewegte, den fehlenden Antworten mit pornografischen Geschichten zu begegnen.

Andere Erscheinungsformen des BDSM oder der Erotisierung von Gewalt mögen vielleicht als weniger „extrem“ empfunden werden als das „Stalag“-Genre, sie rühren jedoch ebenso deutlich an politisch sensible Themen: „Slave Play“ zum Beispiel, das Spielen mit einer Meister/Sklaven-Dynamik, oder „Rape Play“, die einvernehmliche Inszenierung sexualisierter Gewalt.

© jackielynn

Herrschaftsverhältnisse werden spielerisch nachgeahmt

Heinz-Jürgen Voß ist Sexualwissenschaftler und forscht u. a. zu Geschlechterrollen und Sexualbildung. Alle Menschen, erklärt er, durchlaufen eine psychosexuelle Entwicklung, in die neben Kindheitserfahrungen auch gesellschaftliche Machtverhältnisse einfließen. Sexuelle Vorlieben, darunter natürlich auch BDSM, ließen sich nicht losgelöst von Macht denken.

„Im BDSM werden Herrschaftsverhältnisse spielerisch nachgeahmt: Der Polizist oder die Chefin agieren. Gleichzeitig birgt das Spiel die Gefahr einer Verhärtung in den Rollen.“ Tatsächlich werden etwa Geschlechterhierarchien häufig im BDSM reproduziert – insbesondere, aber nicht nur in Hetero-Kontexten.

Wer in Internet-Kink-Foren stöbert, wird dort nicht selten noch auf die Annahme stoßen, dass weibliche Personen „von Natur aus“ eher submissiv und männliche eher dominant seien. Zugleich ist die Figur der weiblichen* Domina auch im Mainstream-Porn weit verbreitet: eine Figur, die traditionellerweise nicht für sich selbst stehen darf, sondern die vor allem dazu da sein soll, die sexuellen Fantasien anderer zu erfüllen.

Das Prinzip des Konsens


BDSM weist bei alldem jedoch eine Besonderheit gegenüber anderen sexuellen Spielarten auf: Innerhalb von BDSM-Szenen und Communitys sind einige Techniken bekannt, die dabei helfen, Macht- und Rollenverhältnisse explizit zu benennen – und so lange darüber zu verhandeln, bis alle Beteiligten mit dem, was passiert, wirklich einverstanden sind. Entscheidend ist dabei, dass jeder Schritt gleichberechtigt verhandelt wird. Allen muss es jederzeit möglich sein, offen über Grenzen und Unsicherheiten zu sprechen.

Dieses Prinzip von Konsens ist zentral für viele, die BDSM praktizieren. Anschaulich wird dies etwa im Film „The Artist and the Pervert" von Beatrice Behn und René Gebhardt gezeigt, der letztes Jahr auf dem Berliner Pornfilmfestival den Preis für den besten Dokumentarfilm gewann.

Master/Slave-Beziehung

Der Inhalt mag erst mal provozierend wirken: Eine Schwarze Frau lässt sich in einer 24/7-Master-Slave-Beziehung von einem weißen Mann dominieren. Bei den Protagonist*innen handelt es sich um den Komponisten Georg Haas und seine Frau Mollena Williams-Haas, die unter anderem Autorin, BDSM-Pädagogin und Schauspielerin ist.

Vor dem Filmdreh erzählten Georg und Mollena bereits einmal öffentlich über ihre Beziehung gegenüber der New York Times. Die Reaktionen darauf, auch aus Schwarzen Communitys, fielen zum Teil sehr negativ aus. Vor allem Mollena wurde vorgeworfen, ihre eigene Geschichte als Schwarze Frau in den USA zu verunglimpfen. „Während des Drehs haben wir festgestellt, dass diese Menschen sehr genau wissen, was sie tun", erzählt heute Beatrice Behn, die Georg und Mollena ein Jahr lang filmisch begleitet hat.

So mag die Beziehung der beiden, in der Georg arbeitet und Mollena den Haushalt schmeißt, an die heterosexuelle Norm der 60er erinnern, denn Mollenas Submissivität funktioniert über Service: Sie erotisiert Hausarbeit und den Alltag. Im Umgang und im Gespräch miteinander zeigen Georg und Mollena jedoch deutlich, dass sie einander auf Augenhöhe begegnen. Außerdem: „Es ist Slave Play, kein Race Play, was es ja auch gibt“, erläutert Behn. „Die beiden sind einfach weiß und Schwarz – sie bauen diesen Aspekt aber nicht in ihr Sexleben ein.“

Slave Play als emanzipatorische Praxis

Den Begriff „Sklavin“ hat Mollena für sich vereinnahmt und positiv besetzt. An einer Stelle im Film sagt sie: „Wenn mir vorgeworfen wird, ich würde mich wegen meiner Neigung als Afroamerikanerin nicht selbst respektieren, akzeptiere ich das nicht. Wenn ich etwas in mir trage, es aber nicht ausleben darf, weil ich Schwarz bin, dann ist genau das Rassismus.“ Ihre submissive Neigung auszuleben hat für sie demnach antirassistische Züge. Ähnlich sehen viele queere BDSMler*innen es als feministisch oder emanzipatorisch an, wenn sie ohne Scham die sexuellen Praktiken ausüben können, die sie möchten – selbst wenn diese sich in bestimmte Grenzbereiche hineinbewegen.

So empfindet das zum Beispiel Rieke (Name von der Redaktion geändert). Sie ist 32 Jahre alt, lesbisch und wohnt seit zwei Jahren in Berlin. Mit Anfang 20 kam sie über eine Spielpartnerin auf BDSM und ist seitdem in FLTI*-Kreisen aktiv. Rückblickend stellt sie fest, dass ihr BDSM geholfen hat, ihre eigenen Grenzen besser zu spüren und zu setzen. Als junge Frau hatte sie oft Übergriffe und Belästigungen erlebt. Diese Erfahrungen verarbeitete sie auch in BDSM-Settings.

„Ich habe damit gespielt, meine Grenzen auszutesten: Wie fühlt es sich an, gefesselt zu sein und meine Augen verbunden zu haben? Halte ich das Gefühl von Ausgeliefertsein aus? Und wenn ja, in welcher Situation und mit wem?“ Seitdem sie BDSM praktiziert, kann Rieke viel schneller ihr Bauchgefühl abrufen und weiß genau, auf welche Weise sie ihre Grenzen kommunizieren will. „BDSM ist für mich, durch den Fokus auf Konsens, sozusagen das Gegenteil von Gewalt – obwohl ja Gewalt nachgespielt wird.”

Auch Achim baut frühere Gewalterfahrungen in sein BDSM-Leben ein. Er ist 53 Jahre alt, schwul und wohnt in der Nähe von Frankfurt am Main. „Szenarien, die ich als Kind erlebt habe, zum Beispiel hatte mich meine Mutter mit dem Teppichklopfer verprügelt, spiele ich mit ähnlichen Rahmenbedingungen nach.“ Weder die reine Reinszenierung noch die reine Fantasie machen für Achim den Reiz aus – sondern genau die Grauzone dazwischen.

Das Nachspielen von traumatischen Erfahrungen

Lange schämte er sich für seine sexuellen Wünsche und vertraute sich selbst seiner Therapeutin nicht an. Erst als er einen Mann kennenlernte, der schon erfahrener mit BDSM war, änderte sich das. Dieser war überhaupt nicht überrascht, sondern kannte viele Leute, die ebenfalls Kindheitstraumata im BDSM nachspielten. Auf die Frage, ob ihm BDSM in irgendeiner Form geholfen habe, antwortet Achim: „Das ist mir ehrlich gesagt egal. Es macht mir Lust, es schadet mir nicht. Warum soll ich da weiter nachforschen?“

Manchen Menschen hilft BDSM dabei, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten, wenn sie diese bewusst reinszenieren oder Elemente davon in eine Session integrieren. „Auch wenn sich Betroffene in konkreten sexuellen Situationen unterwerfen oder Schmerzen aussetzen, erlangen sie ihre Handlungsfähigkeit zurück“, sagt dazu Heinz-Jürgen Voß. „Bei anderen Personen kann das allerdings zur Verstärkung von Traumata führen.“

Der jeweilige Kontext, in dem BDSM stattfindet, sollte deshalb mitgedacht werden. Dazu gehört es, den Umgang mit Traumata und Machtverhältnissen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen – besonders dann nicht, wenn Zuschauer*innen anwesend sind oder Symbole ins Spiel kommen, deren historische und politische Dimension man selbst nicht überblicken kann. Was, wenn mit Symbolen gespielt wird, die eben nicht nur eine individuelle Bedeutung, sondern auch eine Relevanz für andere im Raum haben? Kann das dann tatsächlich niemandem schaden?

Die Bereitschaft, über solche Fragen nachzudenken, hat Mollena in BDSM-Communitys nicht als selbstverständlich erlebt. In einer Szene der Doku von Behn berichtet sie von einer BDSM-Konferenz, auf der eine „Sklavenauktion“ stattfand. Die Kritik daran, eine solch rassistische und entmenschlichende Praxis in einem öffentlichen Raum nachzuspielen, nahmen die Veranstalter*innen nicht ernst. Mollena habe sich dann mit Freund*innen zusammengetan, sei auf die Bühne gegangen und habe den Zuschauer*innen eine historisch akkurate Impression einer Sklavenauktion geliefert, dass ihnen, wie sie im Film andeutet, die Kinnlade herunterfiel.

Rücksichtnahme ist in der BDSM-Szene nicht immer Standard

„In öffentlichen Spielräumen entscheide ich mich oft, gewisse Sachen nicht zu tun“, sagt Rieke. Eine gewisse Sensibilität für potenzielle Zuschauer*innen gehöre für sie dazu. „Ich muss Rücksicht darauf nehmen: Was könnte das in den Menschen triggern, die anwesend sind?“

Doch Rücksichtnahme ist nicht in jeder BDSM-Szene Standard: „Ich hatte das Glück in einer Szene gelandet zu sein, wo viel Raum für Konsens und Kommunikation war. Das ist nicht überall so.” Und auch, was konsensuell hinter geschlossenen Türen passiert, passiert nicht im Vakuum.

Das Faszinierende an BDSM sind in jedem Fall die unausschöpflichen Möglichkeiten, Machtdynamiken spielerisch zu ergründen, zu verändern, zu queeren und sich selbst neu kennenzulernen. Davon kann sich der Mainstream durchaus etwas abschauen. Der Fokus auf Selbstbestimmung und Empowerment verspricht auch potenziell Heilendes. Anstatt nach einem allgemeingültigen moralischen Leitfaden zu suchen ist es deshalb sinnvoller, sich der eigenen Betroffenheit und Verantwortung bewusst zu werden und diese in BDSM-Sessions mit hineinzutragen.

Paula Balov