Szene

Comeback des alternativen CSD?

3. Mai 2019
Auf dem Kreuzberger CSD 2016 © jackielynn

Seit 2016 gab es keinen alternativen CSD mehr in Berlin. Im Jahr des 50. Stonewall-Jubiläums gibt es nun Versuche, wieder einen politischen Gegenentwurf zur großen Pride Parade zu schaffen

Zwanzig Jahre lang fanden in Berlin immer mindestens zwei CSDs statt. Neben dem seit 1979 in verschiedenen Variationen bestehenden sogenannten großen CSD kamen und gingen zahlreiche kleinere in Kreuzberg. Wie kann es auch anders sein bei einer Community, die zwar in ihrem Streben nach Gleichberechtigung bis zu einem gewissen Grade vereint ist, zugleich aber auch immer schon aus unterschiedlichen Personen mit jeweils spezifischen Erfahrungen und Bedürfnissen bestand.

Die Praxis der multiplen CSDs endete jedoch abrupt, nachdem sich die Organisierenden des X*CSD im Oktober 2016 trennten. 2013 war schon der Transgeniale CSD in Kreuzberg aufgrund von Rassismusvorwürfen auseinandergebrochen.

Nach zwei Jahren ohne Alternativen zum großen CSD wird es voraussichtlich dieses Jahr sogar gleich zwei geben. Beide Veranstaltungen positionieren sich kritisch gegenüber dem Einfluss von Unternehmen als Geld gebende Institutionen beim großen CSD des Berliner CSD e. V.s und verbinden queere Politiken mit einer Kapitalismuskritik und einem intersektionalen Ansatz, der den Kampf gegen Rassismus und Sexismus beinhaltet. Die Organisationsteams der beiden Veranstaltungen stehen seit Kurzem im Austausch miteinander.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist zum einen für den 28. Juni eine Demonstration ab 18:00 geplant, die genaue Strecke steht noch zur Debatte. Im Gespräch sind sowohl die Sonnenallee in Neukölln als auch die Gegend um den Nollendorfplatz in Schöneberg. Dieser sogenannte Libertarian CSD unter den vorläufigen Mottos „Stonewall Was A Riot, We Will Not Be Quiet“ und „Gay Rights Are Human Rights“ legt den Fokus auf das diesjährige 50. Stonewall Jubiläum.

„Die Mottos beziehen sich auf alte Slogans“ und verweisen auf die Verbindung zwischen den Kämpfen für LGBTI-Rechte, Frauen*rechte und dem Kampf gegen Rassismus, heißt es seitens der Orga-Gruppe gegenüber SIEGESSÄULE. Das „Gay“ im Slogan stehe hier „stellvertretend für alle LGBTQI*-Personen“. Ausgeschlossen von der Demo sind vonseiten der Veranstaltenden explizit „politische Parteien, institutionalisierte religiöse Bündnisse sowie Angehörige der Polizei“. Im Vorfeld der Demo wird es für deren Finanzierung mehrere Veranstaltungen geben. Am 5. Mai um 17:00 wird im Peliculoso in der Köpi der Film „Stonewall“ (UK/USA 1996. R: Nigel Finch) gezeigt. Ende Mai oder Anfang Juni soll ein Fundraising-Event im Koma F., ebenfalls in der Köpi, folgen.

Die Veranstaltung der anderen Gruppe, zurzeit noch namenlos, ist derzeit noch ziemlich vage. Ebenso wie der „Libertarian CSD“ grenzen sich die Organisierenden explizit von sogenannten „Trans Exclusionary Radical Feminists“ ab, die bei keiner der beiden Veranstaltungen willkommen seien. Geplant ist auch hier eine Demo, ebenfalls am 28. Juni, der genaue Ort ist bis zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch ungeklärt. Zurzeit befindet sich das Orga-Team auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten.

Gegenüber SIEGESSÄULE erklärten Vertreter*innen der Gruppe, dass sie für eine „intersektionale und queer-feministische Position“ stehen würden. Es sei ihnen ein Anliegen, eine „generationenübergreifende Veranstaltung“ zu schaffen, die sich explizit an „queere und linke Menschen“ richtet. Sie möchten den CSD „zurückfordern und einen Ort schaffen, der Platz zum Heilen und Austausch bietet“ und „Sichtbarkeit über die Veranstaltungen hinaus schafft“.

Bisher sind mehrere Mottos im Gespräch: „Let’s Get Critical, Pride Is Political“, „Kein Verkauf von unserem Widerstand“, „Don’t Capitalise on Our Oppression“ und „Gender Identity Is Not Corporate Identity“. Wer Interesse hat, das Orga-Team zu unterstützen, ist herzlich willkommen – es trifft sich immer mittwochs um 19:00 im Gelegenheiten in der Neuköllner Weserstraße. Viele ambitionierte Pläne und noch wenig Konkretes also. Welche der Veranstaltungen letztendlich stattfindet, muss sich in den kommenden Wochen erst noch herausstellen. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Charlotte Hannah Peters