behindert und verrückt feiern – Pride Parade Berlin 2019

„Wir haben einiges getan, damit die schönste Demo der Stadt für alle zugänglich ist“

20. Juni 2019
Transparent auf der Pride Parade 2018 © Vivien Cahn

Inspiriert von der Tradition queerer Kämpfe bringt die „behindert und verrückt feiern – Pride Parade Berlin“ Menschen mit Behinderungen und psychiatrischen Diagnosen auf die Straße. Wir sprachen mit dem Orga-Kollektiv

Sie leitet auch dieses Jahr wieder die Pride-Saison in der Hauptstadt ein: die „behindert und verrückt feiern – Pride Parade Berlin“ am 22. Juni!

Der Name nimmt direkten Bezug auf die traditionsreichen Demonstrationen von Queers für Gleichberechtigung und Sichtbarkeit – verweist aber auch noch auf andere gesellschaftliche Debatten. Wir sprachen mit Anne-Ole, Matej, Paula Franz und Kim, die die Demo organisieren, über Motivationen, Hürden und die Verbindung zur queeren Community 

Das diesjährige Motto der Pride Parade lautet „Kämpfe verbinden – Normen überwinden“. Was steckt dahinter? Anne-Ole: Das deutet auf eine Thematik hin, die immer mitschwingt: Intersektionalität, also unterschiedliche Betroffenheiten, wahrnehmen, mitdenken, einbeziehen, im Blick behalten. Wir haben uns dieses Jahr für ein Motto entschieden, das für Solidarität steht. Einfach, weil es wichtig ist, dass sich die einzelnen Kämpfe nicht zerfasern, sondern zusammen auf die Straße gebracht werden.

Ihr bezieht euch auch auf die Kämpfe queerer Communities. Worin seht ihr die Verbindung zum Beispiel zwischen den LGBTI-Prides und eurer Demo von und für Menschen mit Behinderungen und psychiatrischen Diagnosen?  Matej: Obwohl sich unsere Pride Parade primär auf „Behinderte und Verrückte“, wie wir das nennen, bezieht, spricht sie sehr viele unterschiedliche Menschen an. Und darunter sind auch viele queere Personen. Das kann man wahrscheinlich damit erklären, dass wir gegen eine gemeinsame Sache ankämpfen: nämlich gegen gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen. Wir spüren alle denselben Ausschluss. Tag für Tag zeigt uns die Gesellschaft – einigen mehr und einigen weniger – dass wir nicht „so ganz normal“ sind. Da ist es dann egal, ob das wegen der Sexualität, wegen des Geschlechts, wegen der Nationalität oder wegen der Behinderung passiert. Davon haben wir genug – und finden, dass die Gesellschaft sich ändern muss.

Die Berliner „behindert und verrückt feiern-Pride“ findet dieses Jahr zum 6. Mal statt – was hat sich seit ihren Anfängen getan? Anne-Ole: Zu Beginn war es schon das dezidierte Ziel, Menschen mit Behinderung und mit psychiatrischen Diagnosen oder Krisen auf die Straße zu holen. Es ist uns sehr wichtig, Menschen in Behindertenwerkstätten oder in betreutem Wohnen, das heißt all jene zu erreichen, die in Sonderstrukturen leben. Das war dann nicht von Anfang an eine queere Parade. Aber es gibt eben viele Überschneidungen.

Die Parade ist eine Art Brückenschlag? Anne-Ole: Ja! Sie wird von vielen Queers besucht, das macht einen großen Teil des Publikums aus. Das hat viel damit zu tun, dass viele doppelt und mehrfach betroffen sind. Viele Queers kennen den Zwang zu Diagnosen, kennen Diskriminierung und Normierungsvorstellungen.

Was ist darüber hinaus das Besondere an eurer Demo? Paula Franz: Wir haben uns damals für den Namen „behindert und verrückt feiern“ entschieden, weil die Parade ein Ort sein soll, an dem die Menschen sich so zeigen können, wie sie sind. Wir haben oft überlegt, ob man „Pride“ in dem Zusammenhang mit „Stolz“ übersetzen kann – aber es geht mehr um Selbstbewusstsein.

Im Gegensatz zu anderen Demos und Prides in Berlin, wird bei eurer Parade ja auch sehr auf den Abbau von Barrieren geachtet ... Paula-Franz: Ja. Die Strecke wurde komplett von einem Rollifahrer abgefahren, um sicherzustellen, dass alles zugänglich und machbar ist.
Anne-Ole:
Wir haben auf der Parade und am Rand der Strecke verschiedene Unterstützungsangebote und Teams, die angesprochen werden können, wenn es jemandem nicht gut geht. Wir versuchen, einen sicheren Raum zu schaffen, wobei das natürlich schwierig ist bei einer Veranstaltung, wo so viele Menschen kommen. Und wir haben einen Ruhewagen – da können Leute sich reinsetzen und mitfahren. Das komplette Programm wurde außerdem in Gebärdensprache übersetzt. Wir haben also einiges getan, damit die schönste Demo der Stadt möglichst für alle zugänglich ist.

Interview: Vincent Lindig

behindert und verrückt feiern – Pride Parade Berlin 2019, 22.06., 15:00 Jannowitzbrücke (Start), 18:00 Abschlusskundgebung am Südblock, ab 19:00 Party mit Crazy Boys, Alice Dee u. a.

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