Kommentar

Regenbogenschuhe und LGBTI-Sandwich: Sieht so Solidarität mit der Community aus?

25. Juli 2019
Fotos (v. l. n. r.): Tüte von Ikea, T-Shirt von Calvin Klein Jeans, Marmelade von Marmelicious in Kooperation mit Enough Is Enough, Boots von Hunter, Hose von H&M, Sandwich von Marks & Spencer

Kommerzielle „Pride Collections“ schiessen zur CSD-Saison wie Pilze aus dem Boden. Doch nicht alle, die mit LGBTI Geschäfte machen, tun auch was für die Community. Christoph R. Alms kommentiert

In diesem Jahr feiern die LGBTI-Communitys in Erinnerung an die Aufstände in der Christopher Street das 50-jährige Jubiläum Stonewalls. Bunt, fröhlich, laut und vor allem: stolz. Wer das bis jetzt noch immer nicht mitbekommen hat, lebt vermutlich hinterm Mond – oder in Cis-Straight-Town gleich neben Seehoferhausen bei Donald-Trump-Ville. Noch nie zuvor gab es anlässlich der sogenannten Pride Season so viele Kollektionen von Firmen und Unternehmen, die sich vermeintlich solidarisch mit den LGBTI-Communitys zeigen und sich der Farben des Regenbogens annehmen.

Achtung, es folgt ein Werbeblock, in alphabetischer Reihenfolge: Adidas, American Apparel, American Eagle, Asos, Banana Republic, Bombas, Boohoo, Calvin Klein, Chipotle, Converse, Disney, DKNY, Dr. Martens, Express, Helmut Lang, H&M, Ikea, Levi‘s, Marc Jacobs, MeUndies, Michael Kors, Nike, Nordstrom, Primark, Ralph Lauren, Reebok.

Doch damit nicht genug. Neben Bekleidungs- und Schuhherstellenden haben auch andere Branchen und Marken längst das System der Zielgruppenerweiterung durch Rainbowfizierung erkannt. So gibt es u. a. auch Pride-Editionen von Getränkeanbietenden wie Absolut, Bud Light, Starbucks oder Smirnoff, Seifen von Lush oder Kosmetik- und Glitzerartikel von MAC Cosmetics und Urban Decay.
Besonders schön: die Pride-Mundspülung von Listerine. Mit der kann man sich dann den Mund spülen, nachdem man von den insgesamt sechs Sorten der Pride-Edition des Marmeladenherstellers Marmelicious genascht hat.

Diese Rainbowfizierung ist simpel. Man nehme das Originalprodukt, klatsche die Regenbogenfarben – alle zusammen oder alternativ einzeln in der Reihenfolge Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett – auf den ursprünglichen Artikel, fertig. Ohne das Produkt selbst groß zu verändern, erreicht man so eine neue Zielgruppe. Wenn das bei Artikeln für Kinder durch Pinkifizierung bereits geklappt hat, dann funktioniert das ja folglich hier auch.

Schön, nicht wahr? Durchaus. Denn recht lange mussten queere Menschen warten, um T-Shirts, Pullover, Schuhe, Socken oder gar Schlüppis in den Farben des Regenbogens tragen zu können und recht selbstverständlich ihren Stolz sichtbar zu zeigen. Schade jedoch, dass es bis jetzt nur wenige Artikel gibt, die sich an den Farben der Trans*-, Inter*- oder Bisexuellenfahne ausrichten. Converse bildet da beispielsweise mit entsprechenden Chucks eine Ausnahme.

Doch wer profitiert eigentlich von dieser neuen Sichtbarkeit? Sind es die LGBTI-Communitys? Müssten die Unternehmen nicht eigentlich die Menschen bezahlen, die als kostenfreie, wandelnde Werbetafel durch die Gegend rennen? Und wie steht es eigentlich um das Engagement der Firmen für LGBTI-Rechte oder Menschenrechte allgemein? Was sagt die Umwelt- und Klimabilanz der Herstellenden aus?

Schaut man hinter die Kulissen einiger der Firmen und Marken mit sogenannten Pride-Collections, sieht es mitunter gar nicht mehr so bunt aus. Sind es deshalb nicht eher der Verzicht und das bewusste Neinsagen zum Konsum der regenbogenbunten Produkte, womit man letztendlich für die Menschenrechte von anderen eintreten, die eigenen Ideale überzeugend vertreten und ein klares Zeichen setzen kann? Und sind dies dann nicht wirklich gute Gründe, um stolz zu sein? Ganz im Sinne von Stonewall und den mutigen Vorkämpfer*innen der queeren Emanzipationsbewegungen, für Menschenrechte, Sichtbarkeit, Ideale – und den berechtigten Stolz, hierfür einzustehen.

Christoph R. Alms