„A100 stoppen!“

Bau der Stadtautobahn A100 bedroht Berliner Szeneclubs

31. Juli 2019
Orga-Team des Bündnisses „A100 stoppen!“

Der Bau der A100 sorgt für Aufregung in der Berliner Clubszene: Der geplante nächste Bauabschnitt in Friedrichshain könnte das Ende für einige Locations bedeuten, darunter auch Szeneräume wie Polygon und about blank. Wir sprachen mit betroffenen Clubbetreiber*innen und dem Aktionsbündnis „A100 stoppen!“

Er schwebt wie ein Damoklesschwert über der Friedrichshainer Kiezkultur: der geplante 17. Bauabschnitt der Stadtautobahn A100. Schon seit ihrem Baubeginn in den 1950er-Jahren steht die A100 in der Kritik. Finanziert durch die Bundesregierung soll sie für eine schnellere Verbindung unter anderem nach Dresden, Cottbus und Frankfurt a. d. Oder sorgen und die östlichen Bezirke Berlins besser an den mittleren Straßen­ring und an die A113 anbinden. Dabei schlägt sie jedoch auch eine Schneise in gewachsene Berliner Kieze. Derzeit wird am 16. Abschnitt gebaut: 3,2 Kilometer Autobahn, die von Neukölln nach Treptow verlaufen.

Doch es ist der 17. Abschnitt zwischen Treptower Park und Storkower Straße, der derzeit zahlreiche Clubs in Friedrichshain und Lichtenberg beunruhigt. So deuten aktuelle Planungsskizzen darauf hin, dass die Autobahnstrecke und ihre Baustellen die Wilde Renate, die Else, das Fips, den Osthafen, den Szeneclub Polygon und das about blank verdrängen könnten. Unklarheiten gäbe es zwar noch, merkt Oliver, Betreiber des Polygons, gegenüber SIEGESSÄULE an. „Auf den Skizzen wirkt es so, als verliefe die Autobahntrasse knapp am Wiesenweg und somit unserer Location vorbei. Je nach Größe der Baustellenflächen und Absperrzonen könnte uns aber dennoch das Aus drohen.“

Das about blank, unter dessen Dach unter anderem die queere Partyreihe „Buttons“ stattfindet, liegt dagegen den Plänen nach zu urteilen direkt auf dem Baugelände der A100. „Wir wussten von Anfang an, dass, falls sich der Weiterbau der Autobahn durchsetzen lässt, irgendwann der Tag X kommt“, sagt Sulu aus dem Veranstaltungsteam.

Clubräume könnten abgerissen werden


Dass rund um den Markgrafendamm in den vergangenen zehn Jahren so viel Subkultur wachsen konnte, läge ironischerweise auch an den Autobahnplänen: „Die Flächen sind wegen der unklaren Situation anderweitig nicht verwertbar. Der derzeitige Schwebezustand ist das, was Läden wie das about blank überhaupt möglich gemacht hat.“ Der Mietvertrag für die Fläche, auf der 2010 der Club eröffnete, enthalte eine Sonderkündigungsklausel, laut der für den Bau der Stadtautobahn der Vertrag aufgelöst und die Clubräume abgerissen werden können.

Doch die betroffenen Clubs sind nicht die Einzigen, die dem Projekt A100 kritisch gegenüberstehen. Das Aktionsbündnis „A100 stoppen!“ setzt sich seit seiner Gründung 2010 für eine nachhaltige Verkehrspolitik und Stadtentwicklung in Berlin ein und bekämpft in diesem Zusammenhang den Bau der Stadtautobahn. Denn: die A100 zerschneide Kieze und vernichte Stadtnatur.

„Zwischen Neukölln und Treptow wurden bereits 300 Gärten plattgemacht“, erzählt Tobias Trommer, der langjähriges Mitglied im Aktionsbündnis ist. „2015 wurden zwei Häuser entfernt, deren mehrere Hundert Mieter*innen umgesiedelt und nicht ausreichend entschädigt wurden.“ Zudem könnte die Stadtautobahn die Schere zwischen ärmeren und reicheren Vierteln in Berlin vergrößern: Untersuchungen zeigen, dass links und rechts von Stadtautobahnen meist einkommensschwächere Menschen Wohnungen anmieten, die in schlechtem Erhaltungszustand sind. Hinzu kommen mangelnder Lärmschutz, Umweltbelastung und erhöhte Unfallgefahr durch die A100, sagt Tobias. „Es stellt sich die Frage, wer überhaupt von einer Autobahn profitiert – nur ein Drittel der Berliner*innen besitzt ein Auto.“

Das Aktionsbündnis fordert, dem Beispiel anderer Großstädte wie Paris zu folgen, das Projekt Stadtautobahn abzubrechen und die bereits gebauten Abschnitte zurückzubauen. Stattdessen solle in nachhaltige Formen der Mobilität, wie ein dichteres öffentliches Verkehrsnetz, investiert werden. Auf den Bauflächen für die A100 könne außerdem Wohnraum für etwa 8.800 Wohnungen – und somit für 22.000 Menschen – geschaffen werden, schätzt Tobias.

Politik reagiert auf die Kritik am Bau der Stadtautobahn

An den bisher größten Protesten des Bündnisses beteiligten sich bis zu 26 Initiativen und Organisationen. Auch die letzte Aktion am 25. Mai war ein Erfolg: Der Protest-Rave „A100 stoppen! Elsenbrücke für alle!“ bekam nicht nur Unterstützung durch die Clubs about blank, Zur Klappe, Sage Beach, Else und durch viele junge Protestierende, die dem Demoaufruf folgten, sondern erreichte auch international mediale Aufmerksamkeit. Und die Arbeit des Aktionsbündnisses scheint auch auf politischer Ebene Früchte zu tragen. Vergangene Verhandlungen führten dazu, dass sich Vertreter*innen der Linken gegen die A100 aussprachen, und auch die CDU setzt sich mittlerweile für einen Abriss zumindest der Autobahnbrücke am Breitenbachplatz ein.

Den bereits in vollem Gang befindlichen Bau des 16. Abschnittes der A100 zu stoppen, wird derzeit jedoch kaum noch möglich sein. Sollte in absehbarer Zukunft auch der 17. Bauabschnitt begonnen werden und es zu einer Räumung der betroffenen Locations kommen, könnte es schwierig werden, alternative Orte in Berlin zu finden, an denen die Clubs wieder eröffnen können.

Polygon setzt seine Hoffnung in den möglichen Bau eines Bürokomplexes am Wiesenweg: „Wir haben das Angebot bekommen, dort nach Fertigstellung einzuziehen, ob nun als Penthouse- oder Kellerclub“, sagt Oliver. Ob und wann dieses Bürogebäude komme, stehe zwar noch in den Sternen, die Veranstalter*innen seien aber fest entschlossen, ihren Club weiterzuführen.

Club- und Kultursterben in Berlin

Die Betreiber*innen des about blank klingen weniger optimistisch: „Die Bedingungen für selbstverwaltete Clubprojekte in Innenstadtlage sind in den vergangenen zehn Jahren immer schwieriger geworden. Mit bald zehn Jahren Clubgeschichte sind wir schon fast Dinosaurier – und die sind ja bekanntlich ausgestorben, als der Kapitalismus auf der Erde eingeschlagen ist.“ Sulu spielt damit auf das berlinweite Club- und Kultursterben an, von dem Friedrichshain derzeit stark betroffen ist. So kündigte das Bezirksamt Friedrichshain beispielsweise erst kürzlich eine Sperrstunde für das Kreativdorf und Kunstprojekt Holzmarkt an.

Für Clubs wie Polygon und about blank scheint es zumindest ein wenig Zeitaufschub zu geben: Obwohl er schon im Bundesverkehrswegeplan vermerkt ist, gibt es für den 17. Bauabschnitt der A100 derzeit noch keine konkrete Planung, und er wird innerhalb dieser Legislaturperiode in Berlin, gemäß Koalitionsvereinbarung der rot-rot-grünen Regierung, nicht mehr vorangetrieben werden.

Elliot Zehms

nächstes Treffen des Aktionsbündnis „A100 stoppen!":
Donnerstag, 1.8.2019 um 20:00 Uhr im Jugendclub E-Lok Weitere Treffen: jeden 1. Donnerstag im Monat um 20 Uhr
a100stoppen.de