Kampf gegen Rassismus und Gendernormen! Ein Nachruf auf Toni Morrison

7. Aug. 2019
Graffiti, das Toni Morrison darstellt © Zarateman, CC0 1.0

Michaela Dudley gedenkt der am 5. August verstorbenen Toni Morrison (geboren als Chloe Wofford) und erklärt, warum die Schriftstellerin für sie als trans Frau und Person of Color so wichtig war

Die Nachricht, dass Toni Morrison gestorben ist, lag einige Stunden lang in meinem Webmailer, ungelesen und wörtlich begraben unter einem Stapel alltäglicher Post. Erst Abends öffnete ich die Mail, deren Betreff nichts ahnen lies. Die Absenderin? Amahle. Eine lesbische Freundin aus Südafrika. Sicherlich habe ich gehört, fing die Mail an, „Chloe has died“. Stirnrunzelnd und mit einer Träne in der Kehle, seufzte ich auf. Dann ließ ich mir die Meldung mit ein paar Klicks bestätigen, als hätte die traurige Botschaft Fake News sein können.

Die am Montag verstorbene Chloe Wofford, eine Schwarze US-Amerikanerin, hatte immerhin das stattliche Alter von 88 Jahren erreicht. Chloe kannte ich persönlich nicht, doch ihre Gedanken und ihre Gefühle waren und sind mir geradezu intim vertraut. Denn ich hatte ihre Bücher und Essays gelesen, vielmehr verschlungen. Bereits seit meiner Jugend. Für mich, als eine Person of Color in den USA mit einer schon damals schwelenden trans Idendität, fungierte sie wie eine große Schwester, deren Briefe ich durchkämmte.

Sie war, wie ich, katholisch. Der erste Roman, den ich von ihr gelesen habe, hieß „Sula“, benannt nach der Heldin der Erzählung. Sula, die in einem schwarzen Viertel in Ohio aufwuchs, wehrt sich nicht nur gegen den alltäglichen Rassimus und die Armut, sondern auch gegen die als omnipräsent empfundenen Gendernormen. Das war Anfang der 1970er Jahre, und es schickte Schockwellen über eine Landschaft, die von einer falschen Moral geprägt war. Während der Widerhall von Stonewall noch nachklang, schaffte Chloe mit Sula und anderen Werken das Bravourstück, queere und feministische Themen in die Mainstream-Gesellschaft einfließen zu lassen. Noch lange vor meinem Coming Out als trans Frau bescherte sie mir, neben dem literarischen Genuss, ein wachsendes Gefühl des Stolzes. So war ich froh, eine ihrer zahlreichen Lesungen in den 1980er Jahren beiwohnen zu dürfen.

1993 erhielt sie als erste Schwarze Autorin den Literaturnobelpreis. 2015 erschien ihr letzter Roman „Gott, hilf dem Kind". Die Welt kannte sie als Toni Morrison, obwohl sie als Chloe Wofford geboren wurde. Sie hatte sich Toni genannt, nach ihrem Mittelnamen Anthony. Wer sie näher kannte, durfte sie wiederum mit Chloe ansprechen. So gestatte ich es mir. Für Menschen wie mich und Amahle, die sich akademisch mit queer-theoretischen Analysen von Chloes schriftlichem Erbe befasst, war sie ein Vorbild!

Michaela Dudley