Neukölln

Zur Schließung des Ludwig: „Um einen queeren Ort zu betreiben, muss man Fehler machen dürfen.“

6. Sept. 2019
Maurus (li.) und Ceven vom Ludwig © Shaheen Wacker

Mit dem Ludwig verliert die queere Community einen wichtigen Ort! Zum Abschied sprachen wir mit den Betreibern Maurus und Ceven über die Gründe für die Schließung

Im September schließt das Ludwig seine Pforten. Zuvor wird in dem queeren Neuköllner Szeneladen am Samstag, den 21.09., noch eine große Abschiedsparty gefeiert. Wir fragten die beiden Ludwig-Betreiber Maurus und Ceven, warum der Laden zu macht und was es bedeutet, in Berlin eine queere Bar zu führen.

Maurus und Ceven, das Ludwig schließt Ende September… Ceven: Ja. Ob es queer weitergeht, wissen wir nicht. Vielleicht kommt auch etwas ganz anderes. Wir haben aber keine Lust auf Trauer und Bitterkeit. Wir sind beide sehr dankbar für die letzten dreieinhalb Jahre, die intensiv und großartig waren. Wir haben Vernetzungen möglich gemacht bis hin zum schwulem Heiratsantrag, das macht uns glücklich!

Warum macht ihr denn zu? Marus: Wir haben eigene Fehler gemacht, keine Frage! Ich frage mich aber auch: Wie wichtig sind uns unsere Orte? Es gibt eine krasse und noch wachsende Kluft zwischen Gewerbemieten und der Einkommenssituation, insbesondere hier in Rixdorf. Getränkepreise, die uns die Miete zahlen lassen und unseren Gäst*Innen das zweite oder dritte Bier ermöglichen, sind im Grunde nicht möglich. Hier kämpfen wir alle mit den Folgen davon, dass innerstädtischer Raum vor allem Spekulationsobjekt ist. Wir werden in Sachen Gentrifizierung in einigen Jahren auf dem Niveau von Hamburg, München oder sogar London sein. Da müssen wir uns was einfallen lassen – sonst haben wir bald keine Räume mehr, die auch sozial divers bleiben.

Seht ihr ein wenig Verantwortung auch bei der Szene? M:
So würde ich das nicht sagen! Es braucht, denke ich, ein anderes Bewusstsein. Wir können froh sein über die Diversität der queeren Landschaft Berlins. Sind aber 20 oder 30 Cent Preisunterschied wirklich die entscheidende Frage? Klar: Wer kein Geld hat, hat kein Geld, ein paar Cent sind da in der Summe wichtig. Das ist aber auch auf der anderen Seite so: Ludwig hat sich bis zuletzt nicht selbst getragen. Aber die Frage, ob wir uns unsere sehr kleinteilig zersplitterte Szene wirklich leisten können, ist keine rein ökonomische.

Vom finanziellen Aspekt einmal abgesehen: Was bedeutet es, in Berlin eine queere Bar zu führen? M: Sich in eine Schlangengrube zu stürzen (lacht)! Wir hatten unseren kleinen Shitstorm, das war eine sehr besondere Erfahrung! Es gab Veranstalter*Innen, mit denen wir über die Sauberkeit der Klos diskutiert haben. Für mich selbst hat das zur Folge, in Zukunft vorsichtiger zu sein mit Wertungen. Solidarität heißt zuerst einmal Wohlwollen. C: Um einen queeren Ort zu betreiben, muss man Fehler machen dürfen.

Die Mühen haben sich für euch aber trotz allem gelohnt? C: Absolut. Ich habe im Ludwig, mit den vielen Veranstaltungen und Debatten, die hier stattgefunden haben, unheimlich viel gelernt. Etwa über trans* Personen und nicht-binäre Menschen und ihre Erfahrungen. Auch lesbische Themen hatte ich davor nicht so auf dem Schirm. M: Wir haben im Ludwig Themen und Menschen sich miteinander verbinden lassen. Viele Künstler*innen haben sich hier kennengelernt und arbeiten jetzt zusammen. Das macht uns sehr froh!

Mit welcher Botschaft an die Szene geht ihr aus diesen dreieinhalb Jahren heraus? C: Wir brauchen mehr queere Orte – nicht nur in Neukölln. Deshalb kann ich nur sagen: Macht was, traut euch!

Und wie soll der letzte Ludwig-Monat werden? M:
Wir haben noch einmal ein richtig tolles Programm, mit allem, was Ludwig ausgemacht hat! Die Abschlussparty ist am 21. September. C: Dazu laden wir alle ein, die einmal hierher gekommen sind oder mit denen wir mal zusammengearbeitet haben. Lasst uns feiern, bis die Polizei kommt!


Ludwig: All Good Things Come to an End,
21.09., 20:00, Ludwig