Kommentar Politik

Zum Fremdschämen: AKKs Auftritt beim LSU-Empfang

13. Sept. 2019

Floskeln und konservatives Gewäsch: Der Auftritt von Annegret Kramp-Karrenbauer beim gestrigen Empfang der Lesben und Schwulen in der Union war ebenso vorhersehbar wie banal.

Als gegen 18 Uhr im Konrad-Adenauer-Haus der Empfang der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) startet, fallen zuerst die vielen leeren Sitzreihen auf, die sich nur spärlich zu füllen beginnen – meist mit Männern! Das L in LSU ist jedenfalls nur mit scharfen Adleraugen zu entdecken.

Das sich in Grenzen haltende Interesse an einem Empfang der LSU verwunderte, wie vieles an diesem Abend, kaum. Bei den Grünen ist da eben deutlich mehr los. Allerdings hatte sich diesmal immerhin CDU-Chefin Annegret Kamp-Karrenbauer angekündigt, die mit ihren LGBTI*-feindlichen Äußerungen in den letzten Jahren immer wieder für Empörung gesorgt hatte. So versuchte sie mit einem geschmacklosen Toilettenwitz auf Kosten von inter* Personen bei einer Büttenrede Stimmung zu machen, oder behauptete, dass die Ehe für alle das „Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts“ erodieren würde. Die daraufhin von der Presse und von der Politik geäußerte Kritik dürfte wohl maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass die Beliebtheitswerte von AKK in den Keller sanken.

Insofern war zumindest die mediale Resonanz in diesem Jahr etwas ausgeprägter. Im Vorfeld wurde sogar darüber spekuliert, ob sich AKK für ihre Äußerungen entschuldigen würde. Dass sie – im Gespräch mit Moderator Reinhold Beckmann und Hamburgs ehemaligen schwulen Bürgermeister Ole von Beust – genau dies dann nicht tat, hätte eigentlich niemand überraschen dürfen. Stattdessen lautete die erwartbare Divise: Keine Fehler zugestehen, aber konsensorientiert auf die Schwulen und die paar Lesben in der Union zugehen. Ganz im Sinne ihrer großen Vorgängerin Angela Merkel, die während ihrer ewigwährenden Amtszeit zu einer Spezialistin in Sachen ausweichende Antworten wurde.

Die Art und Weise, mit der AKK sich an diesem Abend rausredete, war immerhin bemerkenswert: ihr Toilettenwitz über das dritte Geschlecht war natürlich von der Presse böswillig „aus dem Zusammenhang gerissen“ worden – eine gern verwendete Ausrede. Sie habe damit auch keine Minderheiten angreifen wollen, sondern ihre Büttenrede sei als eine Art emanzipatorischer Angriff auf eine wehleidige Machokultur gemeint gewesen. Ähm, ja!

Was Machokultur und die Einführung von Toiletten für queere und inter* Personen miteinander zu tun haben sollen, wurde von einem schlecht vorbereiteten Reinhold Beckmann jedenfalls nicht kritisch hinterfragt. Eine gestandene LGBTI*-Journalist*in, die im Thema steckt, wäre für dieses Gespräch sicherlich die bessere Wahl gewesen. Aber wer will schon freiwillig bei einer Veranstaltung der CDU auf der Bühne stehen? Fremdschäm-Höhepunkt der Moderation war Beckmanns Frage zu AKKs Erfahrungen im Nachtleben. Daraufhin konnte sie von ihrem „Mädelsabend“ im Saarland erzählen, an dem sie sich in irgendeinem alternativen Studentenviertel herumgetrieben habe.

Angesprochen auf ihre Aussagen zur Ehe für alle, verlor sie sich wieder mühelos in vagen Bemerkungen. „Die Ehe für alle sei ein Fakt.“ Und alles, was jetzt noch rechtlich daran hänge, werde umgesetzt werden. Auch hier gab es keine Entschuldigung, kein konkretes Signal an die Community, dafür viele versöhnliche und einlullend klingende Worte. Gegen Ende sagte AKK noch, sie werde als neue Verteidigungsministerin den eingeschlagenen Weg der Wertschätzung von LGBTI* in der Bundeswehr nicht wieder rückgängig machen. So weit, so banal! Eine „homophobe Gruselshow mit Reinhold Beckmann“ wie Nollendorfblogger Johannes Kram spektakulär seinen Kommentar zum gestrigen Abend betitelte, sieht dennoch anders aus.

Was hingegen gruselte, waren einige entlarvende Aussagen des ehemaligen Hamburger Bügermeisters. Da wurde das Klischee gedroschen, dass Schwulsein und Konservatismus sich nicht ausschließen, weil die Wohnungen von schwulen Männern immer so „schön geputzt“ aussehen würden. Und es wurde sich über die schrillen Leute auf dem CSD echauffiert, die anstatt der „Normalen" die Berichterstattung über das Event dominieren würden. Der darauf einsetzende tobende Applaus verriert viel über die tief verankerte Skepsis der LSU gegenüber allem, was „anders“ ist. Insofern galt auch hier: alles wie gewohnt.

Andreas Scholz