Kommentar

Die Lindenstraße muss leben!

17. Okt. 2019
Außenkulisse Lindenstraße © WDR

Am 19.10. wird für die „Lindenstraße“ protestiert. Denn die ARD plant, die beliebte Sendung abzusetzen. Frank Hermann erklärt, warum gerade queere Leute sich der Demo anschließen sollten

Am 29. März 2020 soll laut Beschluss der ARD die letzte Folge Lindenstraße über die Bildschirme flimmern. Dagegen zeigt sich Widerstand: Eine aus Facebook-Fangruppen hervorgegangene Initiative demonstriert am 19. Oktober gegen die Absetzung. Ein „Trauerzug“ zu Ehren der Sendung soll vom Washingtonplatz bis zur Weltzeituhr am Alex führen – vorbei am ARD-Hauptstadtstudio, wo die Demonstrierenden in lautes „Geheul“ ausbrechen wollen, damit den Sendeverantwortlichen die Ohren dröhnen.

Aber warum ist die Absetzung der TV-Serie so ein riesiger Verlust? Die Lindenstraße ging am 8. Dezember 1985 zum ersten Mal auf Sendung. Gewöhnungsbedürftig war damals die Videooptik und die Tatsache, dass alles das Gegenteil von Hochglanz war. Da gab es die grantige Hauswartsfrau Else Kling und die Übermutter Helga Beimer, und auch sonst lauter Menschen, die einem irgendwie bekannt erschienen. Spätestens nach drei, vier Episoden hatte man sich an sie gewöhnt und schaltete wieder ein. Denn unter der vermeintlich „spießigen“ Oberfläche war Platz für manche Bosheit, Intrigen, ja sogar Verbrechen.

Bemerkenswert und charakteristisch für die Serie waren von Anfang an die aktuellen Bezüge. Für Wahlsonntage wurden beispielsweise alternative Szenen gedreht, und je nach Stimmenzählung wurden die Reaktionen der Lindensträßler*innen eingefügt. Praktisch jedes Thema, gesellschaftlich oder politisch, hatte hier Platz. Als eine der ersten Proudzenten ging Geissendörfer auf die Rattenfänger der Rechten ein – jahrelang bevor es die AfD gab.

Die Serie war auch eine der ersten, die ein homosexuelles Paar zeigte und, aufgrund eines gezeigten schwulen Kusses, für Empörung sorgte. Aber auch für Zuspruch und Akzeptanz – und nicht wenigen Youngsters bietete das Paar ein Role Model. Am Vorabend und am Sonntag! Das ist Fernsehgeschichte!

Tanja und Sonja waren dann das erste lesbische Paar in einer deutschen TV-Serie. Mittlerweile lebt Tanja, nach einigen Beziehungsflops, mit der trans Frau Sunny zusammen – eine Konstellation, die es in keiner anderen deutschen Serie gibt. Just haben die beiden eine gemeinsame Wohnung bezogen. Lindenstraße zeigt, dass verschiedene Lebensentwürfe in einem Straßenzug lebbar sind, wenn man sich zusammenrauft und sich von Vorurteilen verabschiedet... was die Bewohner*innen auch immer wieder tun. Mit Paul, dem Sohn von Lisa und Alex, hat sich die neueste schwule Konstellation herausgestellt. Coming-out einer neuen Generation.

Für Hipstertum und Lookism ist in der „Listra“ kein Platz. Muskelmariechen und Silikonbomben wie bei den Privaten finden sich nicht im fiktiven München. Hier wird die curvy Iphigenie „Iffie“ von ihrem Liebsten Roland „Mein Schmedderling“ genannt, und in Klaus Beimer ist ständig irgendeine Frau verliebt, manchmal sind es gleich mehrere auf einmal. Und das, obwohl er kein Adonis ist und sein Körperumfang dramatisch schwankt. Merke: Hier sieht man mit dem Herzen und pfeift auf Schablonen, statt sie zu zementieren wie im Privatfernsehen.

Die Lindenstraße ist eine Serie mit Sendungsbewusstsein. Die Ansammlung von „Gutmenschen“ in der überwiegenden Mehrheit sorgt dafür, dass ein gesellschaftliches, nachbarschaftliches Miteinander Lösungen findet, auch wenn strittige Punkte wie neuerdings die drohende Gentrifizierung durch den Bau eines „Luxushotels“, das den Kiez und seine Strukturen bedrohen könnte, erst einmal für Konflikte sorgen. Spannend kann werden, wie die Nachbarschaft mit der Figur Konstantin, die gerade mit ihren pädophilen Neigungen zu kämpfen hat, zurechtkommt.

Das Drama ist nur, dass viele der Menschen, die um die Missstände im Lande wissen, nicht mehr einschalten. Sinkende Quoten sorgten für die Entscheidung, dass im März 2020 Schluss sein soll. Die Verantwortlichen für die Demo schreiben allerdings in ihrer Pressemitteilung, dass sie vielmehr glauben, die politische Serie sei nicht gewollt und sie passe nicht mehr in das „glatt gebügelte Image“ der ARD.

Jedenfalls wäre es jammerschade, wenn in der blutleeren Einöde der Guten und Schlechten Zeiten, der Roten Rosen und des Sturms der Liebe die Lindenstraße verschwinden würde. Der Verlust dieses Unikums in der deutschen TV-Landschaft hinterlässt eine große Lücke. Zu gern wüssten wir noch, ob Anna einen dritten Totschlag begeht – oder ob Lisas Bratpfannenmord endlich doch noch aufgeklärt würde.

Frank Hermann

Lasst die Lindenstraße leben! – Demo in Berlin,
19.10., Start: 14:00, Washingtonplatz
ca. 14:45 ARD-Hauptstadtstudio
16:00 Abschlusskundgebung an der Weltzeituhr am Alex