Drag im Indierock: Schrottgrenze

„Wir bringen Queerness an Orte, wo das keine bekannte Größe ist"

22. Okt. 2019
Dragqueen Saskia Lavaux von Schrottgrenze © Marcus Witte

Saskia Lavaux von der Band Schrottgrenze spricht über queerfeministische Positionen, Lieder über gleichgeschlechtliche Liebe, aber auch ihre Ängste als Dragqueen in heteronormativen Räumen

Die Indierockband Schrottgrenze kehrte 2017 nach zehn Jahren Pause zurück und setzte, befeuert durch das Coming-out des Bandleaders Alex Tsitsigias, mit dem Album „Glitzer auf Beton“ ein queerfeministisches Statement. Die neue Platte, „Alles zerpflücken“, geht nun noch einen Schritt weiter Richtung Queerpolitik, und auf den Bandfotos erscheint Alex erstmals als die großartige Dragqueen Saskia Lavaux

Das Schrottgrenze-Album „Glitzer auf Beton“ wurde 2017 als deine schwule Coming-out-Platte betrachtet. Auf den Pressefotos warst du zum ersten Mal geschminkt. Jetzt sind die Fotos zur neuen Platte da und du bist als dein Drag-Alter-Ego Saskia Lavaux zu sehen. Ist Saskia die neue „Frontfrau“ von Schrottgrenze? Auf jeden Fall! Ich habe ja schon vor der Reunion von Schrottgrenze angefangen, Dragpartys zu schmeißen, Dragperformances zu machen. Und war solo eigentlich jahrelang nur noch im Fummel auf Bühnen unterwegs. Als die Band dann wieder anfing, haben wir natürlich überlegt, wie das wäre, wenn ich bei einer Reunion-Tour auch einfach in Drag auf der Bühne stehen würde. Das fühlte sich im Kontext der Band damals noch nicht richtig an. Ich habe dann angefangen, mit Make-up zu experimentieren und verschiedene Zwischenformen zu gestalten. Irgendwann hat die Band dann gesagt: Du gehst ohnehin die ganze Zeit über Geschlechtergrenzen, dann mach das jetzt einfach so, wie du Lust hast. Und dann hab ich angefangen, in Full-Drag mit der Band zu performen.

Die Platte ist noch mal ein weiterer Schritt in Richtung einer queerfeministischen Band. Wofür steht Schrottgrenze 2019? Auf jeden Fall für eine queerfeministische Haltung, die auch Straight Allies mit einbezieht. Wichtig ist für uns, mit unseren Konzerten Räume zu schaffen, in denen Leute sich solidarisch zeigen. Sowohl in queerpolitischer Hinsicht als auch in antirassistischer, feministischer oder antikapitalistischer.

In eurem Song „Räume“, der sich mit queeren Schutzräumen befasst und mit dem Aufbrechen festgefahrener Strukturen, gibt es die Textzeile: „Meine Scheißangst ist real“. Wovor hast du denn Scheißangst? Man muss das in einem weiteren Kontext betrachten: Wir spielen mit Schrottgrenze sehr häufig in Räumen, die überhaupt nicht queer besetzt sind. Wir bringen also Queerness an Orte, wo das keine bekannte Größe ist. Das heißt, du musst Leuten immer wieder vermitteln, was da eigentlich gerade auf der Bühne passiert. Und das sorgt mitunter für sehr viel Irritation. Natürlich ergeben sich dann auch Situationen, die irgendwie brenzlig sind. In denen Übergriffe passieren können oder einfach Aggression auftaucht, weil Leute denken, dass ich sie durch mein Auftreten auf der Bühne provozieren will. Ich möchte den Leuten vermitteln, dass hinter meiner Dragperformance ein Mensch steckt. Und natürlich habe ich auch Schiss bei dem, was ich da tue. Aber ich mache es trotzdem, weil ich glaube, dass es richtig ist. In diesem Songtext wollte ich auch mal Verzweiflung und Angst durchblitzen lassen. Dragqueens werden oft als unantastbare Figuren wahrgenommen, was sie aber nicht sind – gerade ich als Queen im Indierock und im Punk bin das nicht. Wenn einer ‘ne Flasche wirft, weil ich ihm zu schwul bin oder so, dann mache ich das auf eigene Gefahr.

„Alles zerpflücken“ ist ein superschönes queeres Liebeslied, bei dem du relativ explizit wirst: „Wenn ich dir sag, dass ich gerne blase“. Die Zeile klingt so, als wäre sie eine bewusste Entscheidung gewesen. Das war eine total bewusste Entscheidung. Es gibt kaum Lieder über gleichgeschlechtliche Liebe, weil das immer noch als schmuddelig und unangenehm empfunden wird. Aber wenn ich als die Person, die ich bin, auf der Bühne sage: „Ich blase gerne“, dann ist das einfach ein Schlag ins Kontor für heteronormative Menschen. Und das ist für mich ein wichtiges Statement, weil: Es ist schön, zu blasen. Es ist schön, auch schwulen Sex zu haben. Warum das nicht klar benennen und darüber singen? Warum immer nur Heterobilder? Ich möchte Repräsentationen kreieren, die das aufbrechen. Das ist für mich Punk.

Vor allem kommt das vollkommen anders rüber, als wenn du singen würdest: Ich lass mir gerne einen blasen. Genau, ich möchte als Mensch und gerade auch aus männlicher Perspektive meine passive Seite ausstellen können, ohne dass Leute irgendwie die Wände hochgehen.

Der Song „Sog“ behandelt das Thema Drogen. In queeren Communitys scheint die Affinität zu Drogen relativ ausgeprägt. Vor allem in schwulen Zusammenhängen sind die Eckdaten: Speed, G, Crystal. Das geht so weit, dass es Partys gibt, auf denen die Leute reihenweise umkippen. Es gibt jede Menge Chemsex und so weiter. Würdest du sagen, dass diese Drogen unsere Szenen kaputt machen? Ich glaube, dass Drogen nicht unbedingt konzentriert sind auf die schwule Szene. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen in Partykontexten, dass Drogen eine stärkere Rolle spielen als es vielleicht vor ein paar Jahrzehnten der Fall war. Ich und mein Freundeskreis haben da unsere Erfahrungen gemacht. Es ist auf jeden Fall etwas, das man selbstkritisch betrachten muss.

Ich finde, das ist ein faszinierendes Thema, weil es zwei Seiten hat. Einerseits hat es dieses super Anziehende, Glamouröse, Prickelnde und andererseits macht es Individuen kaputt. Es ist ein schmaler Grat. Um da ein Bewusstsein zu schaffen, braucht man Safer-Use-Strategien. Man braucht eine Offenheit, man braucht eine akzeptierende Haltung. Von allen Seiten. Und das schließt vor allem auch eine gewisse Akzeptanz durch den Staat mit ein. Es geht darum, Leuten Wissen zu vermitteln und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass bestimmte Zustände zum Teil irreversibel sind. Und deshalb gibt es einen Song wie „Sog“, der beide Seiten in drei Minuten ein bisschen anreißt. Mir war das wichtig, dass das Thema stattfindet, weil es in unserer Lebenswelt einfach sehr präsent ist.

„Kritische Männlichkeit“ ist ein Begriff, den du sehr gerne verwendest. Was ist das für dich? Wie lebst du das? „Kritische Männlichkeit“ umfasst Konzepte oder Gedanken, die Geschlechterrollen überhaupt erstmal kritisch reflektieren. Es geht darum, dass toxische Männlichkeit als ungesunde Praxis des männlichen Daseins erkannt wird. Die Konzepte kommen ja aus der feministischen Theorie und beinhalten somit auch das Anerkennen von feministischen Standpunkten. Und das schließt für mich queerpolitische Standpunkte mit ein, weil auch ich als gendercrossender Mensch immer wieder vom Ausschluss des Patriarchats betroffen bin. Ich finde das einen ganz zentralen Ansatz, um seine eigene patriarchale Männlichkeitsrolle zu hinterfragen. So was sollte eigentlich Common Sense sein.

Es geht ganz praktisch darum, Rücksicht zu nehmen, Räume freizugeben und zu schauen, was man eigentlich mit seinen Äußerungen und seinem Verhalten anrichtet. Und um das Unterstützen von alternativen Männlichkeitsbildern. Genau da sehe ich uns Dragqueens. Diese alternativen Männlichkeitsbilder finde ich in der Theorie der „kritischen Männlichkeit“ auch wieder. Da werden wir als Queens dann auch mal mitgedacht. Natürlich geht es dabei auch um feministische Standpunkte, die eine entsprechende Machtkritik beinhalten.

Es werden verdammt viele Anforderungen an Geschlechter gestellt in dieser Gesellschaft, auch an Männer. Sich von dem frei zu machen, eine Emanzipation zu durchleben, ist ein langwieriger und heftiger Prozess. Ein Prozess außerdem, zu dem gar nicht alle Leute einen Zugang haben. Und deswegen finde ich die Konzepte und Bildungsangebote, die es zu dem Thema gibt, extrem wichtig und gut. Davon sollte es noch viel mehr geben.

Interview: Jan Noll

Schrottgrenze: Alles zerpflücken (Tapete/Indigo),
ab dem 18.10. erhältlich

Schrottgrenze live, 05.12., Badehaus