Reportage

Bildet Banden: Regenbogenfamilien und queere Eltern

25. Okt. 2019 Isabel Ehrlich
© Illustration: Severus Heyn ART

Zwischen Dreierbeziehungen, Regenbogenfamilie und trans* Elternschaft: So vielseitig die queere Community ist, so divers sind auch ihre Familienmodelle. SIEGESSÄULE sprach mit LGBTI*-Eltern über ihre Erfahrungen

„Ich bin spät dran – wie das eben so ist, mit zwei Kindern und zwei Boyfriends. Dann war auch noch die Milch alle ... man ist eben immer busy.“ Christian ist auf dem Weg zum nächsten Kundentermin. Busy sein, das ist er gewohnt, stand er doch neben seinem Hauptjob fast 15 Jahre lang als Chrizz T hinter dem DJ-Pult im SchwuZ. Clubnächte sind mittlerweile die Ausnahme – jetzt hat er eine Familie. Dazu gehören Norman und Non, mit denen er in polyamourösen Beziehungen lebt; die Söhne Jaron, 4, und Lewis, 2; und die beiden Mütter der Kinder, Sina und Cora, die verpartnert sind.

Zusammen leben sie alle auf zwei nebeneinander liegenden Grundstücken am Stadtrand Berlins, die Männer in dem einen, die Frauen in dem anderen Haus. „Für die Kinder ist das alles eins: ihr Zuhause“, sagt Christian. Und für den Nachwuchs ist ebenso klar: Sie haben zwei Mütter und zwei Väter. Mehrelternkonzept, Co-Parenting, Regenbogenfamilie: Begriffe wie diese scheinen präsenter denn je. Doch wofür stehen sie eigentlich?

Den Begriff „Regenbogenfamilie“ ausdehnen

Der Duden definiert als „Regenbogenfamilie“ eine „Familie mit gleichgeschlechtlichem Elternpaar“. Um Modelle wie das, in dem Christian lebt, adäquat zu beschreiben, ist dies viel zu eingeschränkt gedacht. In Berliner Institutionen, die sich für Regenbogenfamilien einsetzen, wie zum Beispiel „LesLeFam – Lesben Leben Familie“, oder auch im Regenbogenfamilienzentrum des LSVD Berlin ist man da schon weiter. Das Zentrum benutzt den Begriff „Regenbogenfamilie“ immer dann, „wenn sich ein Elternteil als LSBTI* definiert, unabhängig von der familiären Konstellation“, erklärt dessen Leiterin Stephanie Wolfram.

Und mögliche Konstellationen gibt es viele. Entsprechend fehlen verlässliche Zahlen, die statistische Erhebungen wie der Mikrozensus – die größte jährliche Haushaltszählung in Deutschland – klar erfassen könnten. Nicht zuletzt, weil die Befragungen lange Zeit gar nicht auf diverse Familienformen ausgelegt waren. „Bis 2015 konnte zum Beispiel immer nur eine Frau (und nicht zum Beispiel zwei Frauen) für die Statistik angeben, Mutter eines Kindes zu sein“, sagt Wolfram. Sie hält aber auch wenig von „Zwangsstatistiken“: „Viel wichtiger ist es doch, anzu- erkennen, dass Familie vielfältig ist.“

„Auch menschlich passte es sofort, das war wie ein Sechser im Lotto.“

Tatsächlich erzählen persönliche Geschichten immer noch am besten, was gelebte Diversität wirklich bedeutet. Beginnend damit, dass vor einem Familienalltag oft ein langer Prozess steht. So auch bei Cora, Sina, Christian und Norman. Bevor sich beide Paare kennenlernen, wird das Thema Kinderwunsch innerhalb der jeweiligen Beziehung verhandelt. Für Cora und Sina ist klar: Sie wünschen sich einen Vater für ihr Kind. Co-Parenting ist schließlich das Modell, das beiden Paaren am sinnvollsten erschien. Auf „Family Ship“, einer Co-Parenting- Plattform, knüpfen sie Kontakt. „Auch menschlich passte es sofort, das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Cora.

Pläne können auch in letzter Minute geändert werden

Nach nur sechs Monaten Kennenlernzeit beschließen die vier, eine Familie zu gründen. Der Plan ist klar – eigentlich: Beim ersten Kind soll Christian der leibliche Vater sein, Sina die leibliche Mutter, Cora will das Kind per Stiefkindverfahren adoptieren. Wann genau die Entscheidung fällt, diesen Plan zu verändern, kann Cora gar nicht mehr genau sagen. Für Christian ist der Tag von Jarons Geburt der Wendepunkt. Das Baby zum ersten Mal auf dem Arm, sind die Emotionen so stark, dass Norman und er sich nicht mehr vorstellen können, rechtlich eine andere Rolle einzunehmen als Cora.

Um einen Streit zu vermeiden, verzichtet Cora auf die Adoption und Christian, auf dem Papier, auf die Vaterschaft. Offiziell ist Sina jetzt alleinerziehend. „Diese Entscheidung rechne ich den Müttern hoch an“, betont Christian. Denen ist sie aber alles andere als leichtgefallen. „Dieser Kompromiss basiert auf ganz viel Vertrauen, denn die Väter müssen sich auf uns verlassen können und wir uns auf sie“, sagt Cora. Bei Lewis, dem zweiten Sohn, verfahren sie rechtlich genauso. Nur ist diesmal Norman der leibliche Vater und Cora die leibliche Mutter.

Solche Rechtsfragen spielen im Alltag oft gar keine Rolle, können aber im Vorfeld schwer ausgeklammert werden. Auch weil im Zweifel – etwa, wenn es zu einem Zerwürfnis zwischen den beteiligten Erwachsenen kommen sollte – die rechtlich eingetragenen Eltern am längeren Hebel sitzen, sagt Stephanie Wolfram. Sie rät dazu, Absprachen so verbindlich wie möglich zu treffen. Die Gesetzeslage für Familien abseits der Heteronorm und dem klassischen „Kleinfamilien-Modell“ ist noch immer stark unzureichend.

Lesben werden weiterhin benachteiligt

Seit 2005 können gleichgeschlechtliche Lebenspartner*innen leibliche Kinder adoptieren, per sogenannter Stiefkindadoption. Allerdings nur dann, wenn keine andere Person rechtlich als Vater oder Mutter eingetragen ist; denn das deutsche Recht erkennt nur zwei Elternteile an. Erst seit 2017, mit dem Inkrafttreten der „Ehe für alle“, ist es außerdem möglich, dass ein gleichgeschlechtliches Ehepaar gemeinsam ein nicht leibliches Kind adoptiert. Gelten nun also gleiche Rechte für alle? Nicht wirklich.

So gibt es zum Beispiel ein Problem mit dem sogenannten Abstammungsrecht: Während bei heterosexuellen Ehepaaren automatisch der Ehemann der Mutter rechtlicher Vater des Kindes wird, müssen lesbische Frauen weiterhin das Kind der Partnerin adoptieren. Das ist aufwendig, mitunter muss man sich private, unangenehme Fragen gefallen lassen, und der Prozess kann sich lange hinziehen (SIEGESSÄULE berichtet). Ein Umstand, der laut Wolfram von vielen Frauen als diskriminierend empfunden wird.

Zwar gibt es immer wieder Vorstöße, das Recht an anderen Stellen zu liberalisieren – laut einem aktuellen Gesetzesentwurf soll etwa die Stiefkindadoption in Zukunft auch für unverheiratete (beziehungsweise nicht in einer eingetragenen Partnerschaft lebende) Paare möglich sein –, offene rechtliche Baustellen gibt es aber noch zur Genüge: neben dem Abstammungsrecht etwa beim eingeschränkten Zugang zu Reproduktionsmedizin für queere Menschen, bei der Anerkennung von trans* Elternschaft und bei einigem mehr.

Co-Parenting: wenn Freund*innen Eltern werden

Dass ein gemeinsamer Kinderwunsch auch ganz unabhängig von Paarbeziehungen entstehen kann, zeigen Tina und Pato. Das Label „beste Freund*innen“ greift bei ihnen zwar eigentlich zu kurz, kommt ihrer Beziehung jedoch am nächsten. Ihre Freundschaft beginnt 2006 bei einem Schüleraustausch, schnell treffen sie Entscheidungen gemeinsam. Etwa zum Studieren zusammen nach Berlin zu ziehen. „Der Kinderplan ist uralt, zum ersten Mal kam der Gedanke vor etwa zehn Jahren auf“, sagt Pato. Aus der Idee wird bald eine Entscheidung, die sich auch nicht mehr ändert, als Pato vor acht Jahren eine Beziehung mit Jörg beginnt.

2019 kommt Roman auf die Welt. Jetzt steht Jörg in der Neuköllner Küche von Tina und Pato und wiegt das verschlafene Baby in seinen Armen. Dass diese Konstellation ohne größere Konflikte verlief, ist auch den kompatiblen Bedürfnissen geschuldet. Tina und Pato wohnten schon zusammen, Jörg wollte seine eigene Wohnung behalten. Gleichzeitig konnte er sich Kinder gut vorstellen. „Ich hatte nur noch keinen Plan.“ Mit Pato und Tina hat er einen. Schon vor Romans Geburt steht fest, dass auch Jörg eine Elternrolle übernehmen wird – aber wie oft er die drei besucht oder auch mal alleine mit Roman ist, wird nicht selten spontan entschieden.

„Am Anfang gab es einen festen Papa-Tag, dann kam ein weiterer Papa-Tag dazu.“

Auch manche Ausdrucksform braucht Zeit: „Pato und ich sind Papa und Mama. Bei Jörg sind wir noch auf der Suche – wir versuchen gerade Paps zu etablieren“, erzählt Tina. Jörg sagt aber auch: „Wenn ich von anderen gefragt werde, ob Roman mein Sohn ist, bejahe ich das.“ So unverkrampft die drei wirken – ohne Gespräche, auch mal Diskussionen, geht es nicht. Das Zusammenleben ist ein Prozess und erfordert unter anderem viel Spontaneität. Diese Erfahrung macht auch die eingangs beschriebene Familie von Christian und Cora. „Am Anfang gab es einen festen Papa-Tag, dann kam ein weiterer Papa-Tag dazu“, sagt Cora. „Und manchmal wird alles von den Kindern umentschieden.“

„Wenn es bei den Mamas keinen Nachtisch gibt, probieren sie es eine Tür weiter"

Zum Prozess gehört auch, dass mittlerweile nicht mehr vier, sondern fünf Erwachsene mit den beiden Kindern zusammenleben. Norman und Christian leben seit knapp vier Jahren in einer Dreierbeziehung mit Non. Ihr zweiter Sohn Lewis kennt nur diese Konstellation. „PapaPapaNon“, das sei eins seiner ersten Wörter gewesen. Denn Non ist einfach Non, vergleichbar mit einem Onkel. Die wichtigste Regel: Die Kinder stehen an erster Stelle. Und die wissen um die Vorteile ihrer Familienkonstellation: „Wenn es bei den Mamas keinen Nachtisch gibt, probieren sie es eine Tür weiter. Das ist aktuell meine einzige Sorge: dass wir die Kinder zu sehr verwöhnen“, sagt Christian.

Sorgen ganz anderer Natur machen sich Verfechter*innen heteronormativer Vater-Mutter-Kind-Konzepte, die öffentlich das Kindeswohl in queeren Familien infrage stellen. Ungeachtet der Ergebnisse einer ersten repräsentativen Studie aus dem Jahr 2009. Zwar bildet auch hier der Titel „Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften“ nicht alle Formen von Queer Parenting ab, doch das Ergebnis der Studie ist klar: Nicht die Familienkonstellation, sondern eine liebevolle, stabile Beziehung zu den Eltern ist für eine gesunde Entwicklung entscheidend.

Knapp die Hälfte der damals befragten Kinder und Jugendlichen berichtete allerdings, Benachteiligungen von außen zu erleben. Eine aktuelle Studie aus den USA besagt zwar, dass die Diskriminierung von Kindern gleichgeschlechtlicher Eltern abgenommen habe. Selbst wenn man diese Ergebnisse auf Berlin übertragen könnte, bleiben aber viele Eltern verunsichert. Das erlebt Stephanie Wolfram in ihren Familienberatungen immer wieder. Entsprechend groß sei die Nachfrage nach einem Selbstbehauptungskurs für Kinder, der seit Kurzem im Regenbogenfamilienzentrum angeboten wird.

Wie reagieren auf Diskriminierung?

Roman, das Baby der jungen Eltern aus Neukölln, ist dafür noch zu klein. „Für mich ist aber relativ klar, dass er mal Diskriminierungserfahrungen machen wird“, sagt Tina. „Ihn dafür zu stärken wird auf jeden Fall ein Thema sein“. Aktuell sind es eher die Eltern, die manchmal mit unsensiblen Fragen umgehen müssen. Anstrengend wird es für Tina, wenn sie immer wieder gefragt wird, wie das denn sei, „allein“, als „Single-Mutter“ neben einem anderen Paar, und was denn wäre, wenn auch sie eine neue Beziehung beginnen würde. „Natürlich denken wir über solche Fragen nach, aber Veränderungen gibt es doch in jeder anderen Familie auch.“ Und Pato sagt: „Manchmal wollen praktisch fremde Personen im Detail wissen, wie wir Roman denn gezeugt haben.“ Auch die Frage, wer denn nun der Vater sei, ist fast schon ein Klassiker.

„Manchmal wollen praktisch fremde Personen im Detail wissen, wie wir Roman denn gezeugt haben.“

Christian und Cora haben bisher keine offene Diskriminierung erlebt, weder in der Kita noch in der Nachbarschaft. Ihr älterer Sohn sei aber auch sehr selbstbewusst. „Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob alle Nachbarn unser Zusammenleben durchschauen“, sagt Christian. Auch Lukas und Jasper erleben größtenteils positive Reaktionen. Die beiden sind verpartnert und haben zwei Pflegekinder, der ältere Sohn Leon* (Name von der Redaktion geändert) ist sieben.

„Dass Kinder Fragen stellen, ist ja ganz normal. Aber irgendwie hörte die Verwunderung in der Kita, dass Leon zwei Väter hat, nicht auf.“

Allerdings berichten sie auch von unangenehmen Momenten. „Dass Kinder Fragen stellen, ist ja ganz normal. Aber irgendwie hörte die Verwunderung in der Kita, dass Leon zwei Väter hat, nicht auf. Da haben sich die Eltern offenbar nicht in der Verantwortung gesehen, den Sachverhalt einmal deutlich zu erklären“, sagt Jasper. Lukas strengt mittlerweile die ewige Frage an, ob ihnen die Kinder wieder weggenommen werden können – und findet es extrem unsensibel, dass sie sogar im Beisein der Kinder gestellt wird.

Insgesamt hat sich Jasper Leons Bewusstwerdungsprozess, dass er in einem anderen Elternmodell lebt als viele Kita-Kinder, aber problematischer vorgestellt. Anders? Da fallen Leon direkt ganz viele Dinge ein, die „auch anders“ sind. Zudem lernt er durch das private Umfeld seiner Väter von klein auf diverse Familien kennen. „Entscheidend sind weniger Aufklärungsgespräche, sondern unsere gelebte Realität“, sagt Jasper. Klar ist auch, dass Leon anziehen darf, was er will. Im Moment findet er die tollsten Sachen in der Mädchenabteilung. „Das finden manche Kinder komisch, andere cool“, sagt Lukas.

Pflegekinder als Alternative zur Adoption

Das Pflegekindverfahren unterscheidet sich in einigen Punkten von dem einer Adoption, wie etwa auf den Seiten von „Pflegekind Berlin“ nachgelesen werden kann. Zunächst einmal wird hier nicht adoptiert, die leiblichen Eltern bleiben auch rechtlich die Eltern der Kinder. Regelmäßiger Kontakt zur Herkunftsfamilie ist in der Regel obligatorisch, ebenso zu Jugendamtsmitarbeiter*innen.

Die Kinder können von verschieden- oder gleichgeschlechtlichen Paaren und auch von Singles aufgenommen werden. Und das oft schon nach sechs bis neun Monaten. Es gibt das Modell der Kurzzeit- und der Langzeitpflege bis zum 18. Lebensjahr – und auch bei Letzterem ist es theoretisch möglich, dass ein Kind in die Herkunftsfamilie zurückkehrt, weil sich die Situation dort entscheidend verbessert hat. Allerdings passiert das laut der Fachstelle nur in drei Prozent der Fälle. Trotzdem scheint daher wohl die von Lukas geschilderte Frage nach dem „Wegnehmen“ der Kinder herzurühren.

Insgesamt sind die bürokratischen Hürden niedriger als bei einer Adoption – und es gibt schlicht mehr Kinder, die eine Pflegefamilie suchen. Auffällig ist, dass die LGBTI*-Community geradezu angeworben wird. So auch in einer aktuellen Kampagne des Berliner Familiensenats, deren Plakate mehrere gleichgeschlechtliche Paare mit Kind zeigen.

Trans* Elternschaft

Nach monatelangen Recherchen entscheiden sich Jasper und Lukas vor rund sechs Jahren dafür, Pflegeeltern zu werden. Bevor das Thema aufkam, stand das Paar noch vor einer ganz anderen Entscheidung. Lukas ist trans*, die Beziehung mit Jasper begann 1999 in der Schule, lange vor seiner Transition. Über Kinder sprachen die beiden fünf oder sechs Jahre später das erste Mal. „Damals ging es noch um die Frage, ob ich eigene Kinder bekomme“, sagt Lukas.

„In der Community war das damals noch gar kein Thema. Ein trans* Mann, der in einem Forum den Wunsch nach leiblichen Kinder äußerte, wurde geradezu niedergeredet.“

Die Idee wurde verworfen, auch, weil Jasper sich für Kinder noch nicht bereit fühlte. 2006 beginnt Lukas’ Transition. „Wir haben entschieden, dass damit auch das Thema leibliche Kinder abgehakt ist, aus unterschiedlichen Gründen“, sagt Lukas. „In der Community war das damals noch gar kein Thema. Ein trans* Mann, der in einem Forum den Wunsch nach leiblichen Kinder äußerte, wurde geradezu niedergeredet. Was sicher auch mit der damaligen Gesetzgebung zu tun hatte.“

Noch bis zum Jahr 2011 war eine Änderung des Geschlechtseintrags an eine Zwangssterilisation geknüpft. Als die Entscheidung für ein Pflegekind gefallen ist, müssen Jasper und Lukas wie alle „Bewerber*innen“ einen Fragebogen ausfüllen. „Wir haben lange überlegt, ob wir Trans* in meiner Biografie erwähnen – haben uns aber dagegen entschieden. Ich habe die Transition ja nicht gemacht, damit ich sie permanent thematisieren muss“, sagt Lukas.

Wenige Monate später wird der anderthalbjährige Leon ihr Pflegesohn. Heute ist er sieben und während des Interviews mit SIEGESSÄULE in der Schule. Mit dabei, mal auf Jaspers, mal auf Lukas’ Schoß, ist dafür der acht Monate alte Nico*, das zweite, an diesem Tag sehr gut gelaunte Pflegekind. „Nico ist generell ziemlich entspannt. Aber praktisch jedes Pflegekind hat viel erlebt und ist in irgendeiner Form beeinträchtigt, das muss man sich vorab bewusst machen“, sagt Jasper.

Zahl der Beratungsangebote für queere Eltern wächst

Lukas und Jasper haben sich nur selten beraten lassen, auch weil es lange wenige Optionen gab. Heute wächst mit der Zahl der LGBTI*-Eltern das Angebot. Jörg und Pato haben etwa die „Rainbow Daddies“ besucht, einen Stammtisch für queere Väter. Tina hatte eine queere Geburtshelferin, was eher ein Zufall war. Andere Geburtshelfer*innen positionieren sich ganz bewusst als Teil der queeren Community – wie zum BeispielJes Walsh, die in Berlin tätig ist.

„Viele queere Menschen wollen mit mir arbeiten, weil wir Erfahrungen teilen. Das macht manche Themen weniger erklärungsbedürftig“, sagt sie. Insgesamt findet sie das Beratungsangebot für eine Stadt wie Berlin aber noch viel zu klein. Sie selbst organisiert regelmäßige „Queer Family Building Meet-ups“. Der Fokus wird je nach Bedarf der Gruppe gesetzt. Fragen zu Samenspenden, dem richtigen Zeitpunkt, möglichen Konstellationen sind gängig. Aber auch: Kann das queere Leben mit Kind fortgesetzt werden oder befördern die gesellschaftlichen Strukturen einen Wandel zu Normativität?

Oder ist gerade die eigene Erfahrung als LGBTI* ein Vorteil, um eben diesen Normen nicht unbedingt entsprechen zu müssen? Die eigenen Erfahrungen, die eigene Offenheit auf die Kinder übertragen: das scheint bei Lukas und Jasper gut zu funktionieren. Und zwar so gut, dass Leon seine Väter manchmal sogar überrascht. Lukas erinnert sich an eine Folge der Sendung „Löwenzahn“, in der es um die Entstehung des Lebens ging. Jasper merkte an, dass es aber auch Männer mit Gebärmutter gibt. Leon winkte ab: „Ja ja, das weiß ich doch alles.“