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Intersexualität: „Wenn ich sage, dass ich inter* bin, wird schonmal das Gesprächsthema gewechselt“

25. Okt. 2019 Hannah Geiger
Robert Lüdtke

Robert Lüdtke weiß noch nicht so lange, dass er* inter* ist. Was sich seit seinem diesbezüglichen Coming-Out verändert hat, erzählte er* uns im Interview

Robert, du hast dich mit einem Facebook-Post Mitte Oktober als inter* geoutet. Darin schreibst du, dass du es selbst erst erst kürzlich erfahren hast. Wie ist das passiert? Ich habe seit meiner Kindheit gespürt, dass ich eine „andere“ Körperlichkeit habe. Ich wurde mit Variationen der Geschlechtsmerkmale und einem Körper geboren, der nicht den typischen Normen von Mann oder Frau entspricht. Ich hatte immer ein ungutes Körpergefühl und konnte es mir nicht erklären. Ich habe versucht es zu verdrängen, aber mein Unterbewusstsein sprach mit der Zeit immer mehr zu mir, bis ich von Zwangsoperationen an intergeschlechtlichen Kindern hörte. Ich las intensiv darüber, habe Dokus gesehen, sprach mit Freund*innen und ich merkte: hey shit, das habe ich auch erlebt und das bin ich auch! Und so begab ich mich auf eine Reise in die Vergangenheit. Ich habe viel mit meiner Familie gesprochen, an was sie sich erinnern und entdeckte dann vor circa 3 Monaten Dokumente in meinem Elternhaus, die in meinem Fall „maskulinisierende“ Operationen im Kindesalter belegen. Das heißt, ich wurde intergeschlechtlich geboren und im Kindesalter zum männlichen Geschlecht hin operiert, um einer gesellschaftlichen Idee zu entsprechen. Ich konnte es erst gar nicht fassen und fühlte mich ohnmächtig. Sobald ich die Unterlagen hatte, kamen aber auch wieder Erinnerungen hoch: Mir fiel zum Beispiel ein, wie einer der Chefärzte nach der letzten Operation sagte: „Fühlst du dich jetzt als ein Mann?“

„Ich hatte immer ein ungutes Körpergefühl und konnte es mir nicht erklären.“

Du bist als Mitarbeiter* von manCheck vor allem in schwulen, sexpositiven Zusammenhängen unterwegs. Welche Reaktionen hast du, gerade in der schwulen Szene, auf dein Coming-Out bekommen? Meine manCheck-Kollegen* sind sehr solidarisch mit mir und ich bin ihnen für das Vertrauen, die vielen Gesprächen und den Rückhalt sehr dankbar! Ich integriere meine Intergeschlechtlichkeit in meine Sexualität, meine Identität und mein aktuelles Leben: momentan fühle ich mich daher ganz persönlich als ein inter*-schwuler-queerer Mann*. Aus der schwulen Community gab es viele positive Reaktionen, die mich stärken. Dennoch bemerke ich bei einigen Leuten eine leichte Verunsicherung, sobald ich über inter* spreche, da sie noch nie eine inter* Person kennenlernten. Wenn ich sage, dass ich inter* bin, wird schonmal das Gesprächsthema gewechselt.

„Momentan fühle ich mich als ein inter*-schwuler-queerer Mann*“

Wie hat sich dein Leben seit der Erkenntnis inter* zu sein, verändert? Seitdem ich mehr über meine Inter*-Körperlichkeit weiß, fühle ich mich befreit und es tut mir gut, zu wissen, wie ich geboren wurde. Das bedeutet natürlich auch, diesen Schmerz der geschlechtsverändernden Eingriffe anzunehmen und zu verarbeiten. Aber ich freue mich auf mein weiteres Leben als inter*.

Der Bundesverband Intersexuelle Menschen e. V. fordert eine Entschädigung und Rehabilitation geschädigter Betroffener durch ärztliche Eingriffe, zum Beispiel durch einen Hilfsfonds. Wirst du ähnliche Schritte angehen und Entschädigung fordern? Ich finde die Forderungen essentiell wichtig. Es dreht sich bei den medizinischen Eingriffen um schwere Menschenrechtsverletzungen, die nahezu täglich in deutschen Krankenhäusern stattfinden. Sobald ich mehr Details über mich herausgefunden habe und weitere Dokumente finde, würde ich mich nach rechtlichen Möglichkeiten einer Entschädigung erkundigen, gegebenenfalls Schritte dafür angehen und damit ein persönliches Zeichen für die Belange von inter* setzen. Auch wenn die „Dritte Option“ sehr zu kritisieren ist, überlege ich eine Personenstandsänderung zu vollziehen. Ich benutze den Namen Robi Pink schon seit längerem, nicht nur auf Facebook. Das wäre vielleicht eine Option.

„Es gibt keinen 'richtigen' oder 'falschen' inter*.“

Welchen gängigen Mythos über inter*sein würdest du gerne endgültig abschaffen? Es kursieren viele stereotype Vorstellungen vom phänotypischen Erscheinungsbild von Intergeschlechtlichen Menschen. Aber es gibt keinen „richtigen“ oder „falschen“ inter*. Die Schwelle zu Intergeschlechtlichkeit ist überschritten, sobald ein Merkmal von vielen (chromosomal, genital, körperlich, hormonell u.a.) aus der  Zweigeschlechterordnung herausfällt. Ich persönlich habe zum Beispiel gerade ein recht männliches passing als inter* Person. Aber ich liebe es mir täglich die Fingernägel zu lackieren, mal ein Kleid anzuziehen und bewusst den Diskurs der binären Geschlechternormen zu brechen. Außerdem fordere ich ganz klar einen sofortigen Verbot der uneingewilligten geschlechtsverändernden Eingriffe an intergeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen in Deutschland und weltweit! Denn es wird damit in die körperliche Unversehrtheit massiv eingegriffen. Intergeschlechtlichkeit ist kein „medizinisches Problem“ oder eine „Fehlbildung“ so wie es in der Diagnostik ausschließlich pathologisiert wird, sondern inter* ist ein menschenwürdiger Lebensentwurf und ein Teil von geschlechtlicher Vielfalt. Die aktuelle Bundesregierung hat die Forderung nach einem Verbot der medizinischen Eingriffe in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, aber lässt mit einer gesetzlichen Umsetzung leider noch auf sich warten.

Robert Lüdtke kommt aus Potsdam, lebt seit sechs Jahren in Berlin und arbeitet als Sozialarbeiter/Vor-Ort-Arbeiter beim Präventionsprojekt manCheck.

#Coming-Out#Intersexualität#inter*