Interview

Wolfgang Theis: „Die alten weißen Männer müssen den Hut nehmen“

30. Okt. 2019
Bild: Schwules Museum/AlicaBonauer
Ist dem Schwulen Museum seit 35 Jahren treu: Mitbegründer und Kurator Wolfgang Theis © Schwules Museum/Alica Bonauer

Wolfgang Theis ist Mitbegründer des Schwulen Museums. Nun eröffnet die letzte von ihm kuratierte Schau. Mit uns sprach er über seine Arbeit, die Wichtigkeit des Erinnerns und den Mut zur Veränderung

Richard Oswalds Stummfilm „Anders als die Andern“ war 1919 ein cineastischer Meilenstein, kommerzieller Erfolg und Skandal zugleich. Zum ersten Mal wurde männliche Homosexualität in einem Film thematisiert. Und mehr noch: die tragische Geschichte einer Erpressung endet mit einem flammenden Appell, den Paragrafen 175 abzuschaffen. Lange Zeit war der Film nahezu vergessen. Dies änderte sich 1984 mit „Eldorado“, der legendären Ausstellung im Berlin Museum zur homosexuellen Geschichte der Stadt, die auch die Initialzündung für die Gründung des Schwulen Museums war.

In der umfangreichen Schau beleuchtet Wolfgang Theis nun die Hintergründe des weltweit ersten schwulen Films – und beendet damit zugleich seine langjährige Arbeit als Kurator für das von ihm mitbegründete Schwule Museum.

Wolfgang, was ist das Besondere an Oswalds Film, dass du ihn nach „Eldorado“ erneut zum Ausstellungsthema machst? Damals war der Film lediglich ein paar Filmspezialisten bekannt. Mein Katalogaufsatz war der erste längere Text zu diesem Film überhaupt. Inzwischen hat der Historiker Jim Steakley, dem die Ausstellung auch gewidmet ist, den Film intensiv erforscht – insbesondere dessen Zensurgeschichte. „Anders als die Andern“ war für die damalige Zeit sehr erfolgreich. Er kam mit vergleichsweiser großer Kopienzahl in die Kinos und ist monatelang gelaufen.

Wieso konnte der Film dennoch in Vergessenheit geraten? Für die heterosexuelle Filmwissenschaft war „Anders als die Andern“ einer von vielen in der damaligen Welle der sogenannten Aufklärungsfilme ...

... die sich unter anderem Themen wie Prostitution, Abtreibung oder Drogen widmeten. Dass hier zum ersten Mal Homosexualität abendfüllend als Thema, und dann auch noch mit Agitprop-Szenen die Befreiung der Homosexuellen und die Abschaffung des Paragrafen 175 verhandelt wurde – diese Bedeutung wurde schlich verkannt. In der „Eldorado“-Ausstellung hatten wir den Film bereits prominent platziert, aber wir hatten noch nicht den Überblick, wo passende Exponate zu finden sind. In dieser neuen Ausstellung ist das nun ganz anders: Wir haben beispielsweise Leihgaben vom Deutschen Filmmuseum München und der Deutschen Kinemathek.

Zu sehen sind neben vielen Fotos und Dokumenten beispielsweise Handschuhe von Marlene Dietrich, die in enger Beziehung zum Film stehen, und eine erotische Lithographie-Serie, die Charlotte Behrend Corinth – die Ehefrau des Malers Lovis Corinth – von ihrer Liebhaberin Anita Berber angefertigt hat. Es zahlt sich nun aus, dass ich über 30 Jahre für das Fotoarchiv der Deutsche Kinemathek gearbeitet habe und wir als Museum über die Jahrzehnte Erfahrungen sammeln und Kontakte aufbauen konnten.

Wie viele Ausstellungen hat du seit der Gründung des Schwulen Museums auf die Beine gestellt? Ich habe das nie nachgezählt. Es dürften weit über 70, vielleicht auch 80 sein.

Wolfang Theis 1979, wenige Jahre vor der Gründung des Schwulen Museums © Schwules Museum

Darunter waren große Projekte wie „Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung“ und die Marlene-Dietrich-Hommage anlässlich ihres 100. Geburtstages. Welche Ausstellungen waren für dich persönlich besonders wichtig? Ich habe sehr viele biografische Ausstellungen gemacht, insbesondere zu Schauspielern und Regisseuren. Jene zu Michael Foucault war insofern eine Herausforderung, weil ich ausprobieren wollte, wie man Philosophie ausstellen kann. Es wurde ein Erfolg und führte dann auch zur Ausstellung über Ludwig Wittgenstein. Diese beiden, aber ebenso die Ausstellung zur Familie Mann, haben auch ein durchaus bürgerliches, heterosexuelles Berlinpublikum ins Museum gebracht. Ansonsten lebt das Schwule Museum ja zu einem großen Teil von Touristen, wie eigentlich alle Berliner Museum.

Du hast zwei Umzüge des Museums mitgemacht: 1988 von den Räumen in der Friedrichstraße an den Mehringdamm und 2013 in die Lützowstraße. Das Museum hat sich dabei stetig weiterentwickelt und vergrößert. Was waren die entscheidenden Veränderungen? Wir haben das Museum damals aus dem Boden gestampft, und in der ersten Zeit immer auch etwas Hochstapelei betrieben. Faktisch gab es ja nichts: kein Archiv, kaum Forschung und keine eigene Sammlung.

Heute beherbergt das Museum eine der größten Sammlungen zu Homosexualität und LGBT*-Bewegungen weltweit. Und dank der Professionalisierung und Institutionalisierung gibt es auch nicht mehr diese Form der Selbstausbeutung, die wir über 30 Jahre lang betrieben haben. Auch hat sich das Selbstverständnis verändert. Für uns Gründungsväter war dies ein schwules Museum, das ab und an lesbische Ausstellungen machte. Inzwischen hat sich das Museum in dieser Hinsicht geöffnet. Schwule Geschichte ist ja heute nicht mehr wirklich en vogue, heute ist alles queer. Wir haben damals die Generation vor uns allerdings auch nicht beachtet und wollten nicht wissen, was sie umgetrieben hat. Das ist das Vorrecht der Jugend – und deshalb müssen die alten weißen Männer auch den Hut nehmen. Aber vielleicht kann ein kleiner Geschichtsschub wie diese Ausstellung, gerade für jüngere Leute, auch ganz informativ sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Axel Schock

Reinhold Schünzel und Conrad Veidt in „Anders als die Andern“, 1919, Fotoarchiv Deutsche Kinemathek

„Anders als die Andern“: Vernissage am 31.10., 19:00.

Die Ausstellung ist noch bis 24. Februar 2020 zu sehen.