Rückblick

Aus Trümmern in die Freiheit?: Die Berliner Szene nach dem Mauerfall

9. Nov. 2019
Bild: Foto: Unbekannter Fotograf, Reproduktion von Lear 21, CC BY-SA 3.0
Foto: Unbekannter Fotograf, Reproduktion von Lear 21, CC BY-SA 3.0

Dirk Ludigs, Lena Braun und Steff Urgast erzählen, wie sie den Fall der Mauer und die Zeit danach in der queeren Berliner Community wahrgenommen haben

Ein kurzer Sommer der Anarchie

von Dirk Ludigs

Ende der Achtzigerjahre arbeitete ich als Reporter bei „Radio 100“, einem linken Alternativsender. Jeden Montag um 21 Uhr lasen wir dort Manuskripte der DDR-Opposition vor, die aus der Umweltbibliothek im Prenzlauer Berg in den Westen geschmuggelt worden waren. Heute erinnert eine Stele vor den alten Senderäumen in der Potsdamer Straße 131 an „Radio Glasnost“, wie wir die Sendung damals genannt hatten.

Durch diese Arbeit hätte ich vielleicht früher als andere ahnen können, wie sehr es mit der DDR bergab ging. Doch ich war genau so überrascht wie alle, als am 9. November die Mauer fiel – und ich war, ganz ehrlich, nicht nur glücklich darüber. Ich fürchtete, nicht zu Unrecht wie sich herausstellte, dass mein Kreuzberger Biotop, dieses zu drei Seiten von Mauer umgebene gallische Dorf, noch schneller untergehen könnte als die DDR. Ich hatte zusammen mit den DDR-Oppositionellen nicht von der deutschen Einheit geträumt, sondern von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

Der kam nicht. Dafür kam ein kurzer Sommer der Anarchie, in dem Schwule aus West und Ost (Westler in der deutlichen Überzahl) die Mainzer Straße mitbesetzten und dort das zweite Tuntenhaus gründeten. An die Feste und Auseinandersetzungen, die Kämpfe gegen die rechten Skinheads aus der Weitlingstraße und vor allem die brutale, dreitägige Räumung mit Straßenschlachten nur einen Monat nach der Wiedervereinigung erinnere ich mich noch jetzt mit bitter-süßen Gefühlen. Manchmal laufe ich an den Häusern vorbei und frage mich, ob die Bewohner*innen von heute überhaupt noch von dieser Geschichte wissen, von den feuchtfröhlichen Abenden in der „Forelle Blau“ der queeren Bar im Tuntenhaus.

Vor dem Mauerfall war ich nur ein-, zweimal in Ostberlin gewesen. DDR-Bürger*innen waren fremde Wesen für mich, die Kanaren lagen mir näher als Cottbus. Was ich wusste, kannte ich aus Wieland Specks deutsch-deutschem Schwulendrama „Westler“. In Ostberlin konnte man Sex für eine Flasche Haarspray kaufen, munkelten die älteren Westberliner in ihren parfümierten Charlottenburger Bars. Ich habe es nie ausprobiert.

Das alte schwule Ostberlin mit seinen spießigen Kneipen starb ebenso schnell, wie mein gallisches Kreuzberger Dorf. Aus den Trümmern entstand etwas Neues, angetrieben von 120 beats per minute, einem neuen Takt, einem Underground aus Techno, Sex und Drogen, in den wir uns etwa ab 1991 fast alle mit Begeisterung stürzten. Wir taten es, weil wir jung waren, weil dieses unfertige Berlin die Freiräume dafür bot, aber auch, um zu vergessen, dass viele von uns dem sicheren Tod entgegensahen. Die Zeit der Wende war für viele meiner Freunde mit HIV auch das Ende.

Aus der schwulen Partykultur der frühen Neunziger im vereinten Berlin aber ist vieles entstanden, was Berlins heutigen Weltruf als schwule Metropole begründet. Snax, die schwulen Partys im Kitkatclub und die ersten Sexclubs im Prenzlauer Berg waren das Biotop, aus dem das queere Berlin von heute sich entwickeln konnte. Ohne den Mauerfall, den ich nicht wollte, und die schwule Generation auf beiden Seiten würde es heute kein Berghain geben, aber auch keine Hot Topic und kein Cocktail d’Amore. Nur manchmal wünsche ich mir immer noch das kleine, linke, schräge gallische Dorf zurück, mit den drei Seiten Mauer drum herum und der Gewissheit, mit 300 Mark durch den Monat zu kommen.

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Dirk Ludigs © Tanja Schnitzler


Unteilbar statt Einheit


von Steff Urgast

Am 9. November 1989 saß ich vor dem Fernseher. Ich sah, wie Kinder über Zäune gehoben wurden, und erinnere mich an Autokonvois und Menschen, die auf der Mauer tanzten. Ich war sechs Jahre alt und der Fernseher stand in Belgrad, im 12. Stock eines Hochhauses für Diplomat*innen der DDR. Ich war zu jung, um die Zusammenhänge zu verstehen, aber die Wucht der Ereignisse war auch für mich spürbar. Nur wenige Monate später fuhr meine Familie im voll beladenen Lada zurück nach Ost-Berlin, in meine Geburtsstadt, die mir gänzlich verändert schien.

Statt wieder in die Altbauwohnung im Prenzlauer-Berg ging es in den Plattenbau nach Hohenschönhausen. Zwischen D-Mark und Fruchtzwergen blieb mir die Mächtigkeit des Breitscheidtplatzes haften und auch die für mich neue Architektur im nahen Wedding. Neben der Entdeckung Westberliner Bezirke entfremdeten sich mir die Orte meiner Kindheit. Mit dem Mauerfall wurden Straßennamen geändert und über die Jahre Wahrzeichen der DDR entfernt, für mich am Deutlichsten verbunden mit dem Palast der Republik.

Gesellschaftspolitisch wuchsen Freiräume: Hausbesetzungen und Projektgründungen fielen in die frühen 90er Jahre, Treffpunkte und Beratungsstellen entstanden. Heute weiß ich von einer bewegten ostdeutschen Frauen- und Lesbenszene, die sich auch institutionalisierte. Feminist*innen in Ost und West suchten den Austausch, Schwarze Frauen* vernetzten sich. Diese Seite der Umbruchszeit kenne ich nur aus Erzählungen und Dokumenten – und bin allen Akteur*innen dankbar für ihren Mut.

Sie gestalteten Räume, in denen ich mich seit über 20 Jahren bewegen und aktiv sein kann. Ob Sonntagsclub oder SchwuZ, Prenzlauer- oder Kreuzberg. Berlin hat heute viele Kieze. Gerade in den letzten 10 Jahren hat sich die Szene auch identitätspolitisch stark ausdifferenziert. Und hier schließt die Klammer zum besagten Stadtbild. Denn mit dem Kapitalismus kam der Wettbewerb. Viele Räume wurden verdrängt, wie der ehemalige Ackerkeller in Berlin-Mitte, in dem ich Anfang der Nullerjahre zum ersten Mal Drag Kings erleben durfte, oder das Tacheles als Ort queerer Kunstproduktion.

Auch wenn ich mir noch mehr queere Orte im Osten der Stadt wünsche, sehe ich die aktuellen Trennlinien der Szene nicht zuerst zwischen Ost und West, sondern in anderen identitätspolitischen Verteilungskämpfen. Prominentes Beispiel ist der Wettbewerb um ein Wohnhaus zwischen Schwulenberatung und RuT. Gelingt es, Communities der Szene gegeneinander auszuspielen, reichen sich am Ende die Rechten die Hände. Könnten 30 Jahre Mauerfall nicht Anstoß geben, darüber nachzudenken, wie Demokratie noch besser gemacht werden kann? Wäre das nicht eine gute Idee, in Zeiten, in denen Faschismus wieder wählbar ist?

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Steff Urgast


Die Geburt des „Boudoir“

von Lena Braun

Als die Mauer fiel, besaß ich einen ziemlich spektakulären Kunstraum in der Crellestraße in Schöneberg, die „Galerie Loulou Lasard“. Sie war benannt nach der Salonlöwin und Künstlerin Marie Albert-Loulou Lasard, die zwei Jahre mit dem Dichter Rainer Maria Rilke zusammenlebte und mit Künstlern wie Stefan Zweig, Paul Klee und Oskar Kokoschka, Henri Matisse, Alberto Giacometti und Robert Delaunay befreundet war. Ich saß damals gern, wenn ich nicht mit meinem kleinen queeren Ensemble probte oder eine Ausstellung aufbaute, im „Anderen Ufer“ (jetzt: Neues Ufer) in der Hauptstraße. Und ich war in keinster Weise darauf vorbereitet, was geschah: Plötzlich rollte eine Lawine mit Menschen heran und diese Lawine machte mir Angst.

Irgendwann lies der Schock nach. Bei mir und auch bei den anderen. Und ein Treck bewegte sich gen Osten. Ich gehörte zu den Vorreiter*innen. Ich wollte in Ostberlin ein Cabaret eröffnen. Es sollte die „Blonde Giraffe" heißen. Die Wohnungsbaugesellschaft in Mitte (WBM) schloss mir die Türen zu verrotteten, leerstehenden Gebäuden auf, ich konnte mir eines aussuchen: Es waren darunter der heutige Borros-Bunker, Klärchens Ballhaus und die heutigen KW-Kunstwerke. Ich entschied mich für eine vollgeschleimte Seifenfabrik am Rosenthaler Platz. Ich mochte die Fabrikfenster, ich renovierte 146 Fensterflügel, das Licht, den historischen Tresor und die einwandfrei funktionierende Telefonleitung.

Damals gab es eine Gesellschaft, die den Aufbau Ost förderte. Diese Gesellschaft machte aus meiner kleinen netten Cabaret-Idee ein Riesenprojekt, ich fand das ziemlich verwirrend, aber ich tat was man tun musste, um die versprochene Förderung zu erhalten. Wir machten auch ein tolles Portfolio, dessen Schirmherrin war Zazie de Paris. Ich glaube, das Ensemble bestand aus 32 Personen, es war ziemlich anstrengend die ganzen Unterlagen zusammen zu bekommen. Fakt ist, als alles fertig und eingereicht war, verschwanden plötzlich unsere gesamten Unterlagen!

Da stand ich also, mit einem riesigen Haus und 32 Künstler*innen die loslegen wollten. Ich habe mich selten dämlicher gefühlt, aber was ich auch tat, Hunderte von Papieren waren nicht mehr aufzufinden und es ging um 1,5 Millionen. Jahre später erfuhr ich, als ich diese skurrile Story in Insider-Kreisen zum Besten gab, dass dieses Vorgehen Gang und Gebe gewesen war, wenn an einem Projekt zu viele queere und trans Personen beteiligt waren. Aber trotz allem wurde auf diese Weise in der Brunnenstraße das „Boudouir" geboren, ein kleines feines Schatzkätzchen, umgeben von Künstlerateliers, in dem tatsächlich alles möglich war, was ein freier Geist gebären konnte.

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Performance von Lena Braun im Boudouir

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Titelgeschichte in der aktuellen Novemberausgabe der SIEGESSÄULE:
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