Queen of Drags

Bambi Mercury: „Wir können ein Bewusstsein schaffen, dass wir da sind“

21. Nov. 2019
Performance von Bambi Mercury bei „Queen of Drags“ © Pro7

Bambi Mercury ist eine der Kandidatinnen bei der TV-Show „Queen of Drags“. Wir sprachen mit ihr über die Sendung, ihre Queen-Performance und die Kritik an Heidi Klum

Letzte Woche startete am Donnerstag „Queen of Drags“ auf Pro7. Zehn Dragqueens treten gegeneinander an, um 100.000 Euro, eine eigene Makeup-Linie und ein Covershoot für die deutsche Cosmopolitan zu gewinnen. In der Jury: Conchita Wurst, Bill Kaulitz und Heidi Klum, deren Mitwirkung bereits im Vorfeld für Proteste aus der Community sorgte (SIEGESSÄULE berichtete). Mit dabei sind die drei Berlinerinnen Katy Bähm, Candy Crash und Bambi Mercury. Bereits nach der Ausstrahlung der ersten Sendung konnte man anhand der positiven Reaktionen in den sozialen Medien sehen, dass Bambi mit ihrer Performance zum Queen-Klassiker „Who wants to live forever“ einen Nerv traf. Wir baten sie zum Interview

Bambi, wie kam es dazu, dass du bei „Queen of Drags“ mitgemacht hast? Man hat uns über Social Media kontaktiert und zum Casting eingeladen. Ich bin dann in Drag hin, habe eine Nummer performt und ein paar Fragen beantwortet. Zum Schluß sollte ich mich abschminken, damit man sehen kann, wie ich als Boy rüber komme. Als ich dann die Zusage bekam, habe ich das Angebot erst mal abgelehnt.

Wieso denn? Weil ich zu allem erst mal Nein sage. Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt gut genug bin und etwas kann. Doch dann habe ich mit Candy Crash, die eine gute Freundin ist, telefoniert. Sie hat mir Mut zugesprochen und ich habe mir gedacht, ich mach es jetzt einfach, denn ich wollte in der Sendung auch queerrelevante Themen ansprechen.

Wie hat dir die erste Sendung gefallen? Ich fand sie super. Tatsächlich muss ich sagen, dass ich die ersten beiden Drehtage viel intensiver in Erinnerung habe.

Inwiefern? Am ersten Tag sind gleich so viele extreme Persönlichkeiten aufeinander geprallt. Es war wirklich wie ein Balztanz. Und das Gebitche untereinander war eigentlich noch krasser als man es in der Sendung sieht. Im Grunde brauchten die Kameraleute nur draufhalten. (lacht)

In einer Szene der ersten Folge unterhält sich Heidi mit zwei der Queens über die im Vorfeld geäußerte Kritik, dass sie als nicht queere Person das Zugpferd der Sendung ist. Was denkst du darüber? Es ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann ich die Kritik verstehen. Wir, die Teilnehmer*innen, waren uns am Anfang auch nicht sicher, worauf wir uns genau einlassen. Doch man muss auch sagen, dass bei „Germany‘s Next Top Model“ trans Frauen und andere queere Menschen nicht vorgeführt werden, wie man das aus anderen TV-Casting-Shows sonst gewohnt ist. Außerdem hat Heidi in der erwähnten Szene darüber gesprochen, wie sie aufgrund ihres Alters diskriminiert wird. Man darf auch nicht vergessen, dass Heidis Kids biracial sind und sie sicher auch in diesem Bereich Diskriminierungserfahrungen gemacht hat. Letztendlich ist die Sendung eine Plattform für uns, und auch die erste TV-Show, die ich kenne, in der queere Kultur so extrem im Mittelpunkt steht.

Aber haben wir wirklich dafür gekämpft, dass die queere Kultur am Donnerstagabend auf Pro7 präsentiert wird? Sicher nicht. Aber die schwule Version des „Bachelor“ wird ja zum Beispiel nur auf einem Streaming-Service angeboten und nicht auf RTL gezeigt. „Queen of Drags“ hingegen läuft zur besten Sendezeit auf Pro7. Und natürlich wissen wir, dass wir Deutschland nicht komplett umpolen können. Aber wir können zum Nachdenken anregen. Oma Gisela aus Bad Homburg versteht jetzt, warum dieser Mann sich so verkleidet. Man sieht den Menschen hinter der Kunstfigur. Wir können einfach ein Bewusstsein schaffen, dass wir da sind.

Vor deinem Auftritt hast du gesagt, du möchtest in deinen Drag auch das „Politische mit rein nehmen“. Wie machst du das? In der ersten Sendung habe ich mich für den Song „Who wants to live forever“ von Queen entschieden. Und das nicht nur, weil er von Freddie Mercury ist. Der Song beschäftigt sich mit dem Thema Sterben und Tod. Freddie hat ihn geschrieben, weil er wusste, dass er an Aids erkrankt ist und daran sterben muss. Auch heute noch werden queere Menschen von der Gesellschaft diskriminiert, und viele nehmen sich dann wegen dieses Leidensdrucks das Leben. Außerdem sind vor allem trans Frauen of Color überproportional häufig Opfer von Morddelikten. Deshalb habe ich die Regenbogen- und die trans* Flagge in meine Performance miteinbezogen. Somit konnte ich viele wichtige Themen miteinander verbinden und diese dem Publikum näher bringen.

Würdest du dich aufgrund solcher Performances als politisch bezeichnen? Ich bin keine Person, die viel auf Demonstrationen geht. Das überfordert mich aufgrund der Menschenmassen oft. Doch ich würde mich zumindest als Teilzeit-Polittunte bezeichnen.

Warum als Tunte? Klar ist das, was ich mache, Drag. Doch mir ist der Begriff der Tunte sehr wichtig. Denn letztendlich hat Deutschland ja auch einen ganz besonderen Background. Viele orientieren sich mit ihrem Drag heutzutage an Amerika und den „polished Queens“ und machen sich über die Tunten lustig, nur weil sie kein perfektes Make-up tragen. Doch schließlich sind die Tunten damals auf die Straße gegangen und haben ihre Klappe aufgemacht, um zum Beispiel gegen den Paragraf 175 zu kämpfen! Man sollte Respekt gegenüber den Leuten zeigen, die uns den Weg geebnet haben.

Eine letzte Frage: Wer wird „Queen of Drags“ gewinnen?
Wir haben alle gewonnen. Ehre und Ruhm. (lacht laut) Wir, die Teilnehmer*innen, haben untereinander ausgemacht, dass wir diese Frage immer auf diese Weise beantworten. Klar wissen wir, wer gewinnt und wer wann raus fliegt. Doch die Sendung soll ja für alle spannend bleiben.

Interview: Kaey