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Femmephobie in queeren Räumen

10. Dez. 2019 fs

Wer „feminin“ auftritt, stößt in queeren Räumen nicht immer auf Akzeptanz. Jana Haskamp und Lisa Haring haben hierfür einen Begriff: „Femme-Feindlichkeit“

Die Bezeichnung „Femme“ (von französisch „Frau“) wurde bekannt als Gegenstück zur eher „maskulin“ auftretenden „Butch“ im Kontext lesbischen Begehrens. Heute bezeichnen sich nicht nur einige Lesben, sondern Personen aus den verschiedensten queeren Spektren als „Femme“. Im Zentrum dabei: Formen nicht heteronormativer Femininität.

„Femmes“ stoßen in queeren Communitys jedoch nicht immer auf Akzeptanz. Eine Diskussion am 5. Dezember im Neuköllner k-fetisch widmete sich deshalb dem Thema „Femme*feindlichkeit in queeren Räumen“. Als Referentinnen sprachen Jana Haskamp und Lisa Haring. SIEGESSÄULE bat die beiden zum Interview

Jana und Lisa: ihr beschäftigt euch mit „Femmephobie“. Was ist das?

Jana: Eine Form der Abwertung von queerer Weiblichkeit.

Ihr sagt, ihr erlebt das auch in queeren Räumen in Berlin. Könnt ihr mir Beispiele geben?

Lisa: Ich erlebe in queeren Räumen oft, dass ich unsichtbar bin, weil ich mich schminke oder mich auf eine bestimmte Art kleide. Ich werde nicht wahrgenommen – und wenn, dann werde ich als nicht zugehörig betrachtet. Es ist immer ein kleines Fragezeichen über meinem Kopf: was macht diese Person auf unserer Party, auf unserem Treffen…?

Jana:
Das Gefühl kenne ich auch. Dass Leute sich nicht meinen Namen merken, mich nicht wiedererkennen, mich nicht ernst nehmen, mir nicht zuhören. Ich werde gedeutet als angepasst, brav, unpolitisch oder als eine Person, die Feminismus nicht verstanden habe. Als ich nach Berlin kam und angefangen habe, in queere Räume zu gehen, habe ich auch oft erlebt, dass ich als heterosexuell gelesen wurde. Nicht nur von anderen Queers: auf lesbischen Parties hat zum Beispiel immer der einzige hetero cis Mann, der an dem Abend anwesend war, versucht, mit mir zu flirten. Den Satz „ich hätte nie gedacht, dass du lesbisch bist“, habe ich sehr oft gehört.

„Es stand der Verdacht im Raum, ich könnte ja jederzeit zu den Heteros rüber wechseln, wenn ich will. Nein, kann ich natürlich nicht!“

Lisa: Ja! Einmal hatte ich ein Date mit einer Lesbe, auf die ich echt stand. Sie sagte danach zu mir: „ach, ich dachte, du meinst das gar nicht ernst, du wolltest nur mal eine lesbische Erfahrung machen“. Mir ist das in intimen Beziehungen oft passiert: da stand der Verdacht im Raum, ich könnte ja jederzeit zu den Heteros „rüber wechseln“, wenn ich will. Nein, kann ich natürlich nicht! Außerdem habe ich auch in lesbischen Beziehungen erlebt, dass ich in eine klassische Klein-Mädchen-Rolle gedrängt werde und mir nichts zugetraut wird. Einmal wollte ich mir von einer Person, mit der ich zusammen war, eine Bohrmaschine ausleihen. Dieser Prozess, mit dem sie mir die Maschine erklärt hat… ich hätte an die Decke gehen können! Danach kamen noch etliche Whatsapp-Nachrichten: geht’s dir gut, geht’s dem Bohrer gut, hält das Loch? (lacht)

Jana: Je mehr ich dann über Femmephobie gelesen habe, konnte ich das Unwohlsein und auch die Wut, die ich in queeren Räumen oft gespürt habe, besser für mich einordnen.

Was bedeutet Femme-Sein für euch?

Jana: Es ist ein queerer Begriff, der auch von Menschen aus der queeren Community genutzt wird. Da kann es aber sowohl um eine sexuelle Orientierung, als auch um die Gender-Performance oder geschlechtliche Identität gehen.

Lisa: Auch gender-nonkonforme Personen können zum Beispiel Femme sein. Wichtig ist: es geht nicht darum, welchen Körper ich habe…

Jana: …sondern darum, dass ich mir bestimmte Praktiken aneigne, zum Beispiel Aussehen oder Verhalten, die gesellschaftlich als feminin konnotiert werden.

„Feminin konnotiert“ heißt … ?

Lisa: Ich würde da sehr platt die Sachen drunter fassen, mit denen ich aufgewachsen bin und die gesellschaftlich als feminin aufgefasst werden - wie Nagellack, Röcke, Strumpfhosen, sich schminken… aber auch: viel lächeln, sich gern um andere kümmern, weich sein, emotional sein, über Gefühle sprechen.

Jana: Oder eine Art, wie ich Verbindung zu Menschen aufbaue, wie ich meine Beziehungen pflege. Ich würde auch sagen, mich als Femme zu bezeichnen, fühlt sich besser an, als mich als Frau zu bezeichnen.

Warum?

Jana: Weil ich finde, dass „Frau-Sein“ sehr an Heterosexualität und an die Zwei-Geschlechter-Norm geknüpft ist. Es gibt Anforderungen, die in hetero Kontexten an mich gestellt werden, wie ich als „Frau“ zu sein habe, die ich gar nicht erfüllen kann – zum Beispiel weil ich eben einfach nicht hetero bin! Und dann habe ich als Femme das Gefühl: in queeren Räumen scheitere ich ebenso. Scheitern auf beiden Seiten.

Lisa: Von manchen Feminist*innen habe ich auch schon die Behauptung gehört, Femmes würden sich dem Patriarchat unterordnen. Weil sie ja die Rollenerwartungen, die an „Frauen“ gestellt werden, erfüllen würden.

Findet ihr, dass das stimmt?

Lisa: Nein. Femme zu sein ist, genauso wie Butch zu sein, eine Form der Aneignung von Geschlechterrollen und Geschlechterperformances. Man könnte es auch Drag nennen.

Jana: Die Gesellschaft sagt mir, ich habe so und so zu sein, weil ich als „Frau“ gelesen werde. Femme-Sein heißt für mich dann: ich eigne mir Dinge an, die von „Frauen“ erwartet werden, aber nur die, mit denen ich mich wohlfühle. Ich bin, wie ich bin, weil ich es so will – und nicht, weil mich irgendwer dazu zwingt. Das ist sowohl queer als auch widerständig.

Was, glaubt ihr, ist der Grund für Femme-Feindlichkeit?

Jana: Im gesellschaftlichen Mainstream wird Maskulinität eher ins Zentrum gestellt und gefeiert. Femininität wird dagegen eher schlechter bewertet. Dieses Prinzip macht, denke ich, vor queeren Räumen nicht Halt.

Lisa: Femmes wird manchmal auch vorgeworfen, dass sie vom so genannten Straight Passing profitieren würden ... also dass uns die Tatsache, dass wir vielleicht erstmal eher als hetero gelesen werden, Vorteile verschaffen würde.

„Femmes können Lippenstift tragen und gleichzeitig einen Bart oder behaarte Beine haben…“

Was antwortet ihr darauf?

Jana: Feminität an sich ist ja keine privilegierte Position – erst in Kombination mit anderen Machtverhältnissen wie weiß-Sein. Insofern bin ich nicht privilegiert, nur weil ich als „hetero Frau“ gelesen werde. Außerdem ist es Unsinn, wenn davon ausgegangen wird, dass Femmes immer genderkonform seien. Es gibt trans Femmes, genderfluide Femmes, Femmes of Color und so weiter. Femmes können Lippenstift tragen und gleichzeitig einen Bart oder behaarte Beine haben…

Lisa: Wenn ich vor dem Spiegel stehe und mir die Wimpern tusche, ertappe ich mich oft bei dem Gedanken: das ist wie ein Spiel. Mein Auftreten wird bestimmte Erwartungen wecken, wie und wer ich bin – ich aber werde diese Erwartungen ganz sicher nicht erfüllen. Das zu wissen, fühlt sich auf eine Art sehr gut und frei an.

Interview: fs

Jana Haskamp

...hat Gender Studies und europäische Ethnologie studiert und dann im Master Angewandte Sexualwissenschaft gemacht. Seit mehreren Jahren ist sie in der politischen Bildungsarbeit aktiv, unter anderem im Verein AB Queer.

Lisa Haring

...hat in Österreich einen Bachelor in sozialer Arbeit gemacht, ist dann für den Master nach Berlin gekommen. Arbeitet jetzt mit queeren Familien und macht nebenher Workshops zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und Regenbogenfamilien.