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Kommentar

50 Jahre Tuntenstreit: Geschichte queerer Kernkonflikte

26. Mai 2023 Dirk Ludigs
Futura Tarot aka Dirk Ludigs ca. 2016

Zu Pfingsten jährt sich eine Zäsur der deutschen LGBTIQ*-Emanzipationsgeschichte zum 50. Mal: der Westberliner Tuntenstreit. Der Journalist und LGBTIQ*-Aktivist Dirk Ludigs zeichnet nach, wie uns die Folgen der damals aufgebrochenen, elementaren Konflikte bis heute begleiten

Zugegeben: Tuntenstreit, das klingt nach Dauerzustand. Doch der historische Tuntenstreit, der sich Anfang Juni zum 50. Mal jährt, war nicht nur ein Streit unter, sondern vor allem einer über Tunten.

Was war geschehen? Die noch junge „Homosexuelle Aktion Westberlin“ (kurz: HAW, aus der sich 1977 der SchwuZ-Verein gründete, dem wir bis heute den größten queeren Club der Stadt verdanken) hatte Pfingsten 1973 zu einem internationalen Treffen in die Mauerstadt geladen. Zum Abschluss gab es eine Demo mit 700 Teilnehmenden, zu der sich, so kolportieren es die Zeitzeug*innen, französische und italienische Schwule in Frauenkleidern und mit Make-Up aufdonnerten.

Eine Reihe besonders vom Sozialismus beseelter deutscher Schwuler fand das für die bevorstehende homosexuelle Revolution, um es kurz zu sagen, kontraproduktiv. Wie sollte der schwule Mann die Arbeiterklasse von der eigenen Normalität überzeugen, wenn er dabei kreischend rumlief wie Waltraud zur Fastnacht?

Das wiederum rief die Gegenseite auf den Plan, die Tunten und Freunde des Tuntentums, die fanden, nicht nur der Kapitalismus gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte, sondern das ganze Patriarchat und die von ihm vorgegebenen Geschlechterrollen gleich mit.

Der Streit war nicht zu lösen. Die Gruppe zerbrach, die Sozialisten zogen von dannen, die „Feministen“, wie sie sich nannten, blieben HAW, weshalb das SchwuZ bis heute eine lebendige Tuntenkultur pflegt. Soweit die gängige Darstellung des Geschehens.

Die Langlebigkeit queerer Konflikte

Zwei Punkte sind an diesem Ereignis und seiner Erzählung darüber hinaus bemerkenswert. Zum einen: Die Langlebigkeit queerer Konflikte. Vom Tuntenstreit aus lässt sich ein historischer Bogen über die Auseinandersetzungen zwischen autonomer Schwulen- und schwuler Bürgerrechtsbewegung der 80er, über „Abschaffung der Ehe“ versus „Ehe für alle“ in den 90ern, weiter über die Frage, wie viel Fetisch, Nacktheit oder Sex auf CSDs sichtbar sein dürfen, bis hin zu den aktuellen Fehden über Non-Binarität schlagen.

„Im Tuntenstreit offenbart sich der Zielkonflikt queerer Emanzipation: Wollen wir das heteronormative Boot nun entern oder kentern?“

Im Tuntenstreit offenbart sich also schon früh der entscheidende Zielkonflikt queerer Emanzipation: Wollen wir das heteronormative Boot nun entern oder kentern? Wenig überraschend, dass die Mehrheit derer, die auf der Straße als Hetero passen, für entern sind, wer den Luxus nicht besitzt, dagegen den Umsturz der Verhältnisse bevorzugt.

Die Frage nach Teilhabe

Es gibt aber noch eine zweite, in den Homo-Wikis und Zeitzeugen-Dokus seltener erzählte Geschichte: An diesem Pfingsttreffen der HAW 1973 nahmen nämlich auch rund sechzig Frauen teil, bei der Demo stellten sie einen eigenen Block. Und obwohl die selbsternannten „Feministen“ in der HAW die Oberhand behielten, verließen die Frauen im Laufe des folgenden Jahres den Feministen-Laden und gründeten 1975 ein eigenes Lesben-Aktions-Zentrum (LAZ). 1974 organisierten die Frauen ihr erstes eigenes Pfingsttreffen, das als Lesben-Frühlingstreffen bis heute mehr oder weniger existiert.

In Deutschland marschierten Lesben und Schwule fortan, anders als in anderen westlichen Ländern, über Jahrzehnte getrennt. Dem Feminismus unter cis-weiß-deutschen Schwulen hat das, wie wir alle wissen, nicht gutgetan, dem Aufbrechen cis-weiß-männlicher Machtstrukturen innerhalb der deutschen LSBTIQ-Bewegung noch viel weniger.

Es ist dies der zweite, bis heute entscheidende Konflikt queerer Emanzipation: die Frage nach Teilhabe. Wer darf wie mitmischen, wer hat innerhalb queerer Bewegungen das Sagen? Dieser Bogen lässt sich von Audre Lorde und dem Unbehagen queerer Afro-deutscher in den 80ern über die Marginalisierung migrantischer queerer Gruppen in den 90ern, über die „Beißreflexe“-Debatte bis hin zu den TERFs von heute schlagen.

So ist dieses Pfingsttreffen mit seinem Tuntenstreit vor 50 Jahren eben nicht nur eine Geschichte zum Erinnern – es ist vielmehr die Geschichte unserer Kern-Konflikte bis heute und darum also doch Dauerzustand.

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