Warum so schlecht gelaunt? Jan Feddersen über den aktuellen Stand der Bewegung
Fragt man WissenschaftlerInnen, die sich als sogenannte BewegungsforscherInnen damit auskennen, welche soziale Bewegung in jüngster Zeit die stärksten Erfolge erzielen konnte, nennen sie alle – uns! Die politische, soziale, kulturelle Bewegung von Schwulen und Lesben, zu denen neuerdings auch Trans- und Intermenschen zählen. Im Vergleich mit 1969 – ein Jahr, das für Jüngere in etwa so weit zurückliegt wie für die damaligen StreiterInnen die Weimarer Republik – sind die Bewegungsmöglichkeiten und öffentlichen Einflusschancen für Menschen nicht klassisch heterosexueller Art immens gestiegen. Man sollte hinzufügen: Homosexuelle Männer und Frauen waren in jenen Jahren auch nicht schlecht vernetzt, aber erstens im Underground, abseits des öffentlichen Sprechens, zweitens jedoch war dieses Sprechen und Agieren nicht legitim. Für uns war es eine Ära der Beschwiegenheit. Schwules, das vor allem, war peinlich.
Jede Generation sieht sich selbst als Auftakt und Motor allen Gutens
Mit den Siebziger Jahren war es die Schwulenbewegung, die auch die Lockerungsübungen in Sachen Heterosexualität mit beförderte. Manche sagen heutzutage, dass es erst in den frühen Neunzigern möglich wurde, sich selbst als schwul oder lesbisch öffentlich zu zeigen. Okay, jede Generation sieht sich selbst als Auftakt und Motor allen Gutens. Tatsächlich kann ich nicht anders als dies dazu sagen: Auch 1977, bei meinem Coming-out und Going-public, waren die Verhältnisse nicht steinern und eisig. Man ging, zumal in den alternativen Szenen, durch offene Türen. Sagte man: „Schwul – das bin ich auch“ mag das für manche schockierend offenherzig gewesen sein, aber es kostete nicht mehr den sozialen Tod und rief auch nicht mehr den Staatsanwalt auf den Plan. Man musste sich einfach nur ausprobieren. Etwa so wie Rosa Parks in den USA, die das Gebot, als schwarze Frau nicht im öffentlichen Bus vorne sitzen zu dürfen, missachtete. Wie man weiß, hat ihre Aktion Millionen AfroamerikanerInnen gezeigt, dass es geht. Dass man es einfach tun muss: die Machtinszenierung des Weißen zu irritieren, ja, zu durchkreuzen.
Seither ist viel erreicht worden. Vor allem gesetzlich. Die landläufig Homoehe genannte Möglichkeit für Homosexuelle, einander zu verpartnern, ist gegen beinharte Widerstände der Konservativen und Traditionschristlichen erreicht worden. Dennoch ist deren Widerstand gegen die Öffnung der Ehe nach wie vor gusseisern, wie man aktuell an den Koalitionverhandlungen zwischen Union und SPD beobachten kann. Trotzdem und immerhin: Der Unterschied zu den späten Sechziger Jahren ist heute einer beinah ums Ganze.
Doch warum so schlecht gelaunt? Gewöhnlich feiert man Erfolge
Doch warum so schlecht gelaunt? Gewöhnlich feiert man Erfolge. Etwa wie in den USA. Seit Jahrzehnten gestählt, weiß die amerikanische Bewegung um die Wichtigkeit jeden Fitzelchens Erfolg. Noch die provinziellste LGBT-Gruppe lässt die Sektkorken knallen, wenn, wie 2012 in Maine am äußersten nordöstlichsten Zipfel des Landes, mal wieder ein Plebiszit zugunsten der eigenen Sache ausging. Man freut sich mit. Es spricht viel für den politischen Charakter der amerikanischen Bewegung, dass man dort weiß, die Öffnung der Ehe wird keinen Heiratszwang hervorbringen. Sondern lediglich die Möglichkeit, die gleiche rechtlichen Konstrukte, wie sie Heterosexuelle, haben in Anspruch zu nehmen.
In Deutschland verhält es sich anders. Die veröffentlichten Stimmen in den Community-Publikationen sind von ausgesprochen novembriger Schlechtgelauntheit. Alle scheinen sich einig zu sein, dass die Homoehe doch nicht alles sei, dass der Homosexuelle als solcher die Ehe gar nicht brauche, dass womöglich jetzt die schwule Infrastruktur planiert wird durch sogenannten Normalitätsdruck, dass man nicht mehr in Parks gehen dürfe, in Saunen, auf die wenigen noch existierenden Klappen oder überhaupt werde das schöne Setting des „Viel und immer Sex“ angegriffen. Überall herrscht Melancholie und ehrpusseliges Beharren auf den Kulturen der Siebziger Jahre. Selbst aus den traditionswissenschaftlichen Disziplinen, Sexualwissenschaft, der Psychologie, der Soziologie, kommt nichts, was die erheblichen Erfolge vermisst – was macht es mit Schwulen und Lesben, dass sie in vielfältiger Hinsicht keine Aussätzigen, Outlaws mehr sind? Überall wird nur gewarnt und gemahnt: Wird es jetzt einen Druck geben, heiraten zu müssen? Reines Hirngespinst. Wer Belege hierfür findet, möge sich melden.
Es gibt kein heterosexuelles Muss im Sprechen über das Heiraten
Insofern macht der Begriff Heteronormativität und dass die Ehe eine Institution der heterosexuellen Welt sei, auch keinen echten Sinn mehr. Wenn die Homoehe ins klassisch-heteronormative System eingebaut wird, gibt es auch kein heterosexuelles Muss im Sprechen über das Heiraten. Wenn jetzt einer sagt, er oder sie heirate, empfiehlt sich immer die Gegenfrage: Schön, einen Mann oder eine Frau? Klar, die meisten sind hetero, aber die, könnte man sagen, Eroberungsstrategie der heterosexuellen Kernbastion ist geglückt. Schon mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft ist die Ehe nicht mehr, was sie war.
Vielmehr muss, an den Beispielen der fundamentalen Kritiker an der Homoehe, etwas anderes moniert werden: Deren Naturalisierung des schwulen Lebens, wie sie es aus den Siebzigern bis Neunzigern kennen – oder ersehnen oder vermissen oder was auch immer. Mit Naturalisierung meine ich: Die Vorstellung, dass die schwule Welt (von lesbischen reden sie nicht, sprechenderweise) wie ein genetischer Code funktioniert, dem zu entrinnen nicht lohnt. Sie erfinden leichthändig so etwas wie eine, und das ist für mich die ödere Geschichte als jene, die man Heteronormativität nennt, Homonormativität. Sie definieren, was ein Schwuler so macht. Glaubt man ihnen und ihren Klagen ist es vor allem: Sex. Die Kritik gegen die Homoehe, die Furcht, durch diese etwas zu verlieren, ist also nicht eine, die noch fehlende Rechte beklagt, sondern die Uhren wieder zurückdrehen will. Sozusagen: Sie hätten gern die schwule Landschaft als ewigen Darkroom.
Es ist eine zutiefst deutsche Meckerei über die Besserungen des Lebens. Daraus ein Spiel für alle zu fordern käme einer Allüre einer Lebensstilpolizei gleich.
Jan Feddersen
„Homoehe nein danke!” – sagt Mads Lodhal, ebenfalls hier auf siegessaeule.de
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