Interview mit der Deutschen Aidshilfe

Aids beenden: „Wir haben den Schlüssel in der Hand, aber einige Länder drehen ihn nicht um“

30. Juni 2021 Axel Schock
Bild: canva

UNAIDS, das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids hat im Juni eine sehr ernüchternde Zwischenbilanz gezogen: Das hehre Ziel, Aids bis 2030 zu beenden, scheint unter den derzeitigen Bedingungen kaum mehr zu schaffen. Wir sprachen mit Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, über die Gründe und die aktuelle Situation in Deutschland

Woran hakt es, dass die Weltgemeinschaft bei der Bekämpfung der Epidemie nur so schwerlich vorankommt? Es hakt am Geld und am politischen Willen, und die Mischung ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Die Welt verfügt längst über sehr effektive Maßnahmen gegen HIV und Aidserkrankungen. Prävention, Tests und Behandlung funktionieren – wenn man sie in passender Weise anbietet und dafür sorgt, dass Menschen sie ohne Angst vor Ausgrenzung wahrnehmen können. Weltweit, zum Beispiel im südlichen Afrika, sind in den letzten Jahrzehnten enorme Erfolge erzielt worden, Infektions- und Todeszahlen sind stark gesunken. Zugleich geht es in aber einigen Regionen wieder rückwärts, zum Beispiel in Osteuropa, und vor allem in Russland.

Wie lässt sich das erklären? Die wirkungsvollen Maßnahmen werden nicht oder zu wenig eingesetzt. Die besonders von HIV betroffenen Gruppen, die passende Präventions- und Behandlungsangebote bräuchten, werden krass ausgegrenzt. Das heißt: Wir haben den Schlüssel in der Hand, aber einige Länder drehen ihn nicht um. Und die Weltgemeinschaft stellt noch immer nicht genügend Ressourcen zur Verfügung. Hier stehen die reichen Länder in der Pflicht, noch mehr zu tun – auch weil die Corona-Pandemie die HIV-Maßnahmen zurückgeworfen hat.

Im Juni hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen in ihrer Schlussdeklaration zwar festgehalten, dass die von HIV besonders betroffen Gruppen unterstützt werden sollen. Doch die Bedeutung der sexuellen Rechte bleibt unerwähnt. Haben sich hier also Staaten wie Saudi-Arabien, Russland und China durchgesetzt? Es gibt immer ein heftiges diplomatisches Ringen um die Formulierungen in der Deklaration, weil damit ein Bekenntnis zu bestimmten Haltungen und Vorgehensweisen verbunden ist. Es ist ein Fortschritt, dass diesmal die Bedürfnisse der meisten so genannten Schlüsselgruppen stärker hervorgehoben werden: Männer, die Sex mit Männern haben, intravenös Drogen konsumierende Menschen, trans* Menschen und Sexarbeiter*innen. Diese Gruppen angemessen zu versorgen ist essenziell für den Umgang mit der Epidemie insgesamt. Bei ihnen führt eine strukturelle Benachteiligung oder sogar Verfolgung zu einem höheren Risiko sich mit HIV zu infizieren und an Aids zu erkranken. Trotz des Fortschritts taucht in der Deklaration aber immer noch der stigmatisierende Gedanke auf, diese Menschen würden HIV weiterverbreiten.

„Druck, gerade wenn er unter der Fahne der Menschenrechte vorgetragen wird, führt leider oft zu allergischen Reaktionen“

Wie verpflichtend sind solche Erklärungen überhaupt? Es ist eine Willensbekundung, auf die leider recht wenig Verlass ist. Gerade die Staaten, in denen es am dringendsten notwendig wäre, werden sich nicht an alles halten, was drinsteht.

Die HIV-Prävention zum Beispiel für schwule Männer ist in Staaten wie Russland oder Saudi-Arabien faktisch nur schwer umsetzbar. Akzeptanz und Unterstützung der Schlüsselgruppen ist eine unverzichtbare Grundlage für Prävention. Es gilt, Menschen zu geben, was sie zum Schutz ihrer Gesundheit brauchen, ohne ihre Lebensweise moralisch zu beurteilen. Auch in Russland gibt es zwar Organisationen, die zum Beispiel in queeren Clubs Prävention machen oder saubere Spritzen an Drogenkonsument*innen verteilen. Sie werden in aller Regel nicht staatlich unterstützt, sondern teils sogar in ihrer Arbeit behindert. Außerdem führt Stigmatisierung – zum Beispiel von Menschen mit HIV, schwulen Männern oder trans* Personen – dazu, dass viele sich nicht beraten, testen oder behandeln lassen oder zum Beispiel auch nicht nach der PrEP fragen. Wer sucht schon Unterstützung, wo Diskriminierung und Verurteilung drohen?

Was kann die Weltgemeinschaft also tun? Druck auf solche Staaten ausübten? Druck, gerade wenn er unter der Fahne der Menschenrechte vorgetragen wird, führt leider oft zu allergischen Reaktionen. Dennoch muss die Kritik natürlich vorgetragen und stark gemacht werden. Wichtig ist aber auch zu verdeutlichen, dass diese ablehnende Haltung zu steigenden Infektionen führt – und zwar in der ganzen Bevölkerung. Russland etwa hat in den letzten Jahren – gegen den internationalen Trend – dramatisch steigende Infektionszahlen zu verzeichnen gehabt. Genauso wichtig ist aber die Unterstützung von vorbildlichen Maßnahmen und Organisationen in den entsprechenden Regionen, etwa durch Kooperation, um gute Beispiele zu schaffen.

„Deutschland kann aus den eigenen Erfolgen noch mehr lernen“

Für 2020 hatte UNAIDS, das UN-Programm zu HIV/Aids, sich die sogenannten 90-90-90-Ziele gesetzt: 90% aller Menschen mit HIV sollten von ihrer HIV-Diagnose wissen, davon 90% eine antiretrovirale Therapie erhalten und dies bei 90% zu einer Viruslast unter der Nachweisgrenze führen. Global wurde dieses Ziel deutlich verfehlt. Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da? Werden wir es schaffen, bis 2030 Aids zu beenden? Ganz einfach: Es ist möglich, daher muss alles dafür getan werden. Wir haben dank guter Prävention und Versorgung bereits viel erreicht. Trotzdem hat Deutschland die erste 90 verfehlt: Nur 88 Prozent der Menschen mit HIV haben eine Diagnose. Knapp 11.000 leben unwissentlich mit HIV, rund 1.000 erkranken daher jedes Jahr an Aids oder einem schweren Immundefekt, obwohl es vermeidbar wäre. Dieses Problem droht sich gerade zu verschlimmern, weil die Corona-Pandemie HIV-Testangebote eingeschränkt hat. Die Zahl der Neudiagnosen ist im letzten Jahr zurückgegangen, was wie eine gute Nachricht klingt, wahrscheinlich aber bedeutet, dass weniger getestet wurde und darum mehr Menschen ohne Diagnose geblieben sind.

Was ist zu tun? Deutschland kann aus den eigenen Erfolgen noch mehr lernen. Die Zahl der schwulen Männer in Metropolen, die nichts von ihrer HIV-Infektion wissen, ist zum Beispiel in den letzten Jahren gesunken. Dies liegt unter anderem an speziellen Test-, PrEP- und Beratungsangeboten, zum Beispiel im vorbildlichen Checkpoint Berlin, der gezielt eine große Vielfalt queerer Menschen anspricht und unterstützt. Das ist der Weg! Außerdem haben wir auch in Deutschland noch Lücken in Prävention und Versorgung, die dringend geschlossen werden müssen: Es ist fatal, dass es in Gefängnissen beispielsweise immer noch keine Spritzenvergabe für Drogenkonsument*innen gibt oder dass Menschen ohne Papiere oder Krankenversicherung keinen ausreichenden Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Auch muss die PrEP noch leichter erreichbar sein, insbesondere in dünn besiedelten Regionen, wo es kaum HIV-Schwerpunktpraxen gibt. Wer HIV-Infektionen reduzieren und Aids beenden will, muss solche Lücken schließen und konsequent gegen Stigmatisierung vorgehen.

Bild: Holger Wicht

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