Performance

Alte Mythen auf dem Prüfstand: Das Festival „Queer Darlings“

2. März 2022 Carsten Bauhaus
Bild: Annelies Verhelst
Cherish Menzo in „Jezebel“

Bis zum 13. März läuft die dritte Ausgabe des Festivals „Queer Darlings“ in den Sophiensælen. Mit dabei: die Choreografin und Tänzerin Cherish Menzo, die sich in ihrer Performance mit der Darstellung von Schwarzen Frauen in Hip-Hop-Videos auseinandersetzt

Es geht um Eva (die mit Adam) und Pandora (die mit der Büchse), zwei recht unterschiedliche Frauenfiguren aus dem Alten Testament und der griechischen Mythologie. Dennoch teilen sie ein gemeinsames Schicksal: „Beide Figuren eint, dass sie als Verkörperung der Bedrohung durch weibliches Wissen und weibliche Wissbegier herhalten mussten“, erzählt die Theaterwissenschaftlerin Joy Kristin Kalu, die zusammen mit dem Dramaturgen Mateusz Szymanówka das Festival „Queer Darlings“ in den Sophiensælen kuratiert. In der Performance „Doom“ untersucht dabei die Choreografin Teresa Vittucci gemeinsam mit dem Komponisten und Performer Colin Self das parallele Schicksal, die Rezeption und die Wirkung der beiden Frauen aus einer queer-feministischen Perspektive. „Die Künstler*innen begeben sich in einer humorvollen Performance an die positive Umdeutung der Figuren und feiern dabei weibliche Neugier“, so Joy Kristin Kalu. „Doom“ ist eine von fünf Performances, die zu „Queer Darlings“ eingeladen wurden.

Bild: Byron Gago
„Doom“

Im Schwerpunktthema setzt man sich diesmal mit Archetypen auseinander: mit klassischen Figuren, aber auch mit prägenden modernen Figuren aus der Popkultur. „Es geht um Arbeiten queerer Künstler*innen, die sich normativen Setzungen entgegenstellen“, so Kalu. „Von ‚Darlings’ sprechen wir, weil uns der Themenschwerpunkt ermöglicht, internationale Künstler*innen, mit denen wir bereits gearbeitet haben und die uns begeistern, mit neuen Arbeiten wieder ans Haus zu holen.“

Bild: David Cenzer
„Uchronia“

Dekonstruktion des Hip-Hop-Schätzchens

Eingeladen wurde unter anderem der niederländische Choreograf Vincent Riebeek. In „Uchronia“ stellt er die provozierende Frage: Was wäre, wenn Gott eine trans Frau wäre?

Zwei weitere Beiträge widmen sich dagegen etwas jüngeren Phänomenen aus der Hip-Hop-Kultur: Als „Video Vixens“ wurden Models bezeichnet, die in Hip-Hop-Videoclips der späten 90er-Jahre in oft hypersexualisierten Bildern auftauchten. Selbst wenn sie als stark galten und sich ihrer Sexualität ermächtigten, waren sie damals Gegenstand heftiger Kritik. In „Jezebel“ sucht die Choreografin und Tänzerin Cherish Menzo nach Wegen, das umstrittene Stereotyp des Schwarzen Hip-Hop-Schätzchens zu dekonstruieren und so ihr Image zurückzuerobern. „Cherish Menzo befreit diese hypersexualisierte und oft unterwürfige Randfigur nun aus ihrer Nebenrolle und zentriert sie in einer powervollen Choreografie“, so Joy Kristin Kal.

Bild: Bas De Brouwer
„Jezebel“

Repräsentationen von Männlichkeit

In der Performance „Blackmilk: Trompoppies“ dagegen verschmilzt der Künstler Tiran die Handgestik sogenannter Trompoppies-Trommler aus Südafrika mit der melodramatischen Attitüde von Diven und den Moves, die mit Schwarzen männlichen Rap-Stars assoziiert werden. „Tiran untersucht die Brüche und Kontinuitäten zwischen südafrikanischen und afro-amerikanischen popkulturellen Repräsentationen von Männlichkeit“, so Kuratorin Kalu.

Eröffnet aber wird das Festival von der Choreograf*in Frédéric Gies, die im Stück „Warriors: Chiron in Aries“ gemeinsam mit dem DJ und Berghain-Resident Fiedel sowie mit drei weiteren Tänzer*innen eine empowernde Performance bietet. In ihren rebellischen Tänzen kanalisieren sie überirdische Kräfte und beschwören die Figur eines heiligen Kriegers – von Chiron, dem Zentauren, bis hin zu andere kriegerischen Gottheiten. „Das Festival zeigt, wie die Künstler*innen mit Figuren umgehen, sie überspitzen, verwandeln und ermächtigen“, so die Kuratorin. „Und wie sie dabei zu neuen, queeren Darstellungen und Gemeinschaftsformen gelangen.“

Bild: Thyago Sainte
„Blackmilk: Trompoppies“

SIEGESSÄULE präsentiert:

Queer Darlings 3,
01.–13.03.,
Sophiensæle

Frédéric Gies – Warriors: Chiron in Aries, Recital #1, 02.03., 20:00

Tiran – Blackmilk: Tompoppies, 03.+04., 20:00, 05., 18:00, 06.03., 19:00

Cherish Menzo/Frascati Producties – Jezebel, 05., 20:00, 06.03., 17:00

Teresa Vittucci – Doom, 08.+09.03., 20:00

Vincent Riebeek – Uchronia, 12.+13.03., 20:00

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Spendenaktion Queere Nothilfe Ukraine

Zahlreiche Organisationen der deutschen LGBTIQ*-Community haben sich zum Bündnis Queere Nothilfe Ukraine zusammengeschlossen. Es werden Spenden gesammelt, die für die notwendige Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen in der Ukraine verwendet werden.

Link zur Spendenseite: https://altruja.de/nothilfe-ukraine/spende

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