Interview

Bahn-Chef Richard Lutz: „Diskriminierungen haben bei uns keinen Platz"

8. Dez. 2022 Michaela Dudley
Bild: Deutsche Bahn AG / Max Lautenschläger
Dr. Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender Deutsche Bahn AG

Seit 2017 ist Richard Lutz Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn (DB). Michaela Dudley sprach mit ihm u. a. über Diversity und die neue Kleiderordnung der DB

Gleich vorab möchte ich unsere Lesenden darüber informieren, dass wir, Du und ich, uns seit ein paar Jahren beruflich kennen. 2021 waren wir zusammen bei der Einweihung des Regenbogenzuges „ICE München“ in Berlin Gesundbrunnen zusammen. Im Auftrag der DB habe ich in Videos und Podcasts über Diversity referiert. Nun aber in meiner Eigenschaft als unabhängige Journalistin muss ich mit einer gnadenlosen Gretchenfrage anfangen: Wie häufig fährst Du eigentlich Bahn?

So oft wie möglich. Im Dezember habe ich die Bahn genutzt, um zu Terminen nach Frankfurt, Stuttgart und Wörth in Rheinland-Pfalz zu kommen. Tatsächlich hat mir das Bahnfahren während Corona sehr gefehlt. Es lief eigentlich fast alles virtuell ab. Umso mehr genieße ich es, jetzt wieder unterwegs zu sein und vor allem auch den Kolleg:innen in den Zügen und an den Bahnhöfen zu begegnen. Diese zufälligen Begegnungen sind immer wieder bereichernd. Privat habe ich schon lange kein Auto mehr und bin hier in Berlin zu Fuß, mit Fahrrad oder den „Öffis“ unterwegs. In den Urlaub fahre ich bevorzugt mit der Bahn an die Ostsee.

Die DB unterzeichnete bereits 2008 die Charta der Vielfalt. Regenbogenflaggen werden an Bahnhöfen quer durch die Bundesrepublik gehisst. Webseiten und Werbeplakate zeigen multikulturelle Persönlichkeiten. Bei vielen kommt das sicher gut an. Trotzdem werden solche Weichenstellungen zu einem Politikum, und zwar nicht nur bei den üblichen Populist*innen. Zugverspätungen, defektes Material, Personalmangel, abenteuerliche WLAN-Ausfälle, das Hin und Her um das Neun-Euro-Ticket: Hat man wirklich Zeit und Ressourcen dafür, die Würdigung der Vielfalt so hoch zu priorisieren?

Die DB steht vor gewaltigen Herausforderungen. Natürlich tun wir alles dafür, unseren Kund:innen wieder eine bessere Qualität und Pünktlichkeit zu bieten. Aber diese Baustellen anzupacken, heißt nicht, dass andere wichtige Themen hintenanstehen müssen. Und eine respekt- und vertrauensvolle Unternehmenskultur ist elementar, damit unser Miteinander und damit auch unser Unternehmen gut funktioniert. Offene und verdeckte Diskriminierungen gegenüber diversen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten haben bei uns keinen Platz.

Die DB beschäftigt weltweit mehr als 320.000 Mitarbeitende, davon 214.000 in Deutschland. Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft. Damit einher geht eine große Vielfalt an Werten und Überzeugungen, ethnischen und sozialen Herkünften, sexuellen Orientierungen und Identitäten, genauso wie Persönlichkeiten und Lebensentwürfen. Diese Vielfalt anzuerkennen und zu würdigen, ist wichtig. Bei uns soll niemand das Gefühl haben, sich verstecken zu müssen. Es geht um Respekt, Toleranz und Chancengleichheit.

Ein besonderes Projekt der DB ist die Initiative Einziganders. Was dürfen unsere Lesenden unter diesem Begriff verstehen?

Einziganders steht für Vielfalt – der Geschlechter und geschlechtlichen Identitäten, der Generationen, der ethnischen und sozialen Herkünfte, der Religionen, sexuellen Orientierungen sowie der physischen wie psychischen Fähigkeiten. Neben diesen klassischen Diversity-Themen beziehen wir auch die »Diversity of Minds« ein, also die Vielfalt der Perspektiven, Werte, Kompetenzen und Berufserfahrungen. Dieses Verständnis von Vielfalt ist in unserer Konzernstrategie »Starke Schiene« verankert und wird überall mitgedacht. Jedes Vorstandsmitglied übernimmt eine Patenschaft für ein Diversity-Thema, während die Verantwortung von Diversity insgesamt bei meinem Vorstandskollegen Martin Seiler liegt, der für Personal und Recht verantwortlich ist.

„Die Vielfalt an sexuellen Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten sind keine neumodischen Erscheinungen – sie sind schon lange Teil unsere Gesellschaft und fordern lediglich verstärkt und zu Recht mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz."

Seit Anfang November gibt es eine queerfreundliche Liberalisierung der Kleiderordnung, wonach Uniformteile, ganz egal ob „männlich“ oder „weiblich“ frei miteinander kombiniert werden. Dennoch gibt es Baustellen. Vor einigen Monaten entschied das Oberlandesgericht Frankfurt: Kund*innen dürfen nicht ausschließlich als „Mann“ oder „Frau“ angesprochen werden. Die Bahn muss demnach Alternativen anbieten und darf niemand mit nicht-binärer Geschlechtszugehörigkeit dazu zwingen, beim Fahrkartenkauf zwischen der Anrede „Herr“ oder „Frau“ zu wählen. Hat die DB da etwas übersehen, irgendwie versäumt?

Bei der Deutschen Bahn haben wir LGBTIQ*-Themen in allen Facetten im Blick. Wir wollen jeden Buchstaben berücksichtigen. Die Vielfalt an sexuellen Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten wie Trans* und Bisexualität sind keine neumodischen Erscheinungen – sie sind schon lange Teil unsere Gesellschaft und fordern lediglich verstärkt und zu Recht mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz. Als Arbeitgeberin ist es uns besonders wichtig, hier Vorreiterin zu sein und Stellung zu beziehen. Wie du bereits erwähnt hast, haben wir zum Beispiel seit Anfang November keine geschlechtsspezifische Unternehmensbekleidung mehr – damit sich alle Mitarbeitenden so anziehen können, wie sie sich wohl fühlen.

Ich selbst stehe als Schirmherr für das Thema LGBTIQ* ein. Seit 2020 beschäftigen wir uns auch damit, wie wir unsere trans* Mitarbeitenden allgemein und bei einer Transition im Arbeitskontext unterstützen können. Zu Deiner Frage der gendergerechten Ansprache: Wir arbeiten schon seit längerem an einer gendergerechten Ansprache in unseren Kommunikationskanälen. Dies ist in einigen Fällen technisch einfacher als in anderen. In der Personalkommunikation ist das Beispielsweise schon länger umgesetzt. Bei den diversen Vertriebskanälen sind wir dran.

Du kommst gleichsam aus einer Eisenbahnerfamilie. Dein Vater arbeitete in Kaiserslautern im Ausbesserungswerk der damaligen Bundesbahn, wo die Schienenfahrzeuge und deren Komponenten erhalten und repariert wurden. Deine Mutter war Sekretärin bei der Bundesbahn. Nach der Promotion in BWL und Steuerlehre bist Du 1994 der DB zugestiegen. 2010 wurdest Du zum Vorstand für Finanzen und Controlling. Seit 2017 bist Du Vorstandsvorsitzender. Wie prägend war es und wie wichtig ist es für Dich, in der Ausübung Deiner Aufgaben so eine langjährige Beziehung zu demselben Unternehmen zu pflegen?

Ich glaube an langfristige Beziehungen, sowohl privat wie beruflich. Meine Frau kenne ich seit der 7. Klasse Gymnasium und der Einstieg bei der DB war quasi meine „zweite Liebesheirat“. Ich bin mit großer Leidenschaft und aus tiefer Überzeugung Eisenbahner und mir liegt die DB wirklich am Herzen. Das hat zum einen natürlich mit den Menschen zu tun, die ich in meinen vielen Jahren hier kennengelernt habe und die genauso wie ich absolut hinter dem stehen, was wir als unseren gesellschaftlichen Auftrag verstehen: Mehr Verkehr auf die klimafreundliche Schiene zu verlagern. Das ist natürlich ein enormer Antrieb. Wir verbinden Menschen, transportieren Güter und schützen dabei das Klima. Wir sind nicht irgendein Unternehmen. Deshalb gehört es für uns dazu, auch über unsere Dienstleistungen hinaus Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu zeigen.

Du bist ein mehrfach ausgezeichneter Schachspieler. Was fasziniert Dich daran? Geht es um mehr als das „Schwarzweiß-Denken“?

Schwarzweiß-Denken führt ja selten zum Ziel. Mich fasziniert einerseits die bestechende Logik dieses Spiels, andererseits braucht es immer auch Inspiration und Kreativität. Es geht darum, vorauszudenken, nächste Schritte zu antizipieren, mit der richtigen Strategie zum Ziel zu kommen. Mit Fehlern umzugehen, sie zu akzeptieren und daraus zu lernen.

Michaela Dudley (Jg. 1961), eine Berliner trans* Frau mit afroamerikanischen Wurzeln, ist Publizistin, Kabarettistin, Keynote-Rednerin über Diversity und gelernte Juristin (Juris Dr., US). Zudem ist sie Autorin des Buches „Race Relations: Essays über Rassismus."

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