Kino

Berlinale 2022: Festival der Rebellinen

22. Feb. 2022 Annabelle Georgen
Bild: Wilson Webb
Elizabeth Banks und Sigourney Weaver (r.) in „Call Jane" von Phyllis Nagy

Bei der diesjährigen Berlinale standen Frauen im Rampenlicht. Nicht nur bei der Preisverleihung, auch auf der Leinwand gab es diesmal besonders viele starke, mutige und inspirierende weibliche Figuren zu sehen. SIEGESSÄULE-Redakteurin Annabelle Georgen blickt zurück auf die Highlights des Programms

Die 72. Internationale Filmfestspiele Berlin waren eine Ausgabe der besonderen Art: „ein Festival der starken Frauen“, wie es in den letzten Tagen überall zu lesen und zu hören war. Noch nie in der Geschichte der Berlinale haben so viele Frauen Bären gewonnen. So ging unter anderem der Silberne Bär für die beste Regie an die französische Filmemacherin Claire Denis („Avec amour et acharnement“) und der Goldene Bär für den besten Langfilm wurde an das Drama „Alcarràs“ der spanischen Regisseurin Carla Simón vergeben.

Dieses Jahr gab es auch besonders viele Spielfilme, die den Bechdel-Test ohne Probleme bestehen würden und in denen Frauen die Hauptrollen spielen. Die Protagonist*innen bekämpfen patriarchale Strukturen, suchen einen Ausweg aus der Gewalt, versuchen ihr Schicksal neu zu schreiben und wollen die Kontrolle über den eigenen Körper zurückerobern. Wermutstropfen dabei jedoch: die meisten Darstellerinnen dieser Emanzipationsgeschichten sind cis, weiß und hetero.

Von der Hausfrau zur feministischen Aktivistin

In „Call Jane“ (Wettbewerb) erzählt die lesbische US-Filmregisseurin Phyllis Nagy, die auch das Drehbuch zur Verfilmung von „Carol“ geschrieben hat, von der Wandlung einer unauffälligen bürgerlichen Hausfrau (Elizabeth Banks) der 60er-Jahre zu einer feministischen Aktivistin innerhalb eines illegalen Frauennetzwerks, das Frauen sichere und preisgünstige Abtreibungen anbietet. Sigourney Weaver ist als charismatische lesbische Anführerin zu sehen.

„Good Luck to You, Leo Grande“ (Berlinale Special Gala) von Sophie Hyde ist ein urkomisches Kammerspiel mit Emma Thompson als sexuell frustrierte Lehrerin im Ruhestand, die sich einen jungen hübschen Sexarbeiter ins Hotelzimmer bestellt. Fast die gesamte Handlung findet dort statt. Im Laufe von tiefen und prickelnden, sehr intimen Gesprächen – Sex selbst ist fast Nebensache im Film – lässt die 55-jährige Nancy Stoke peu à peu Jahrzehnte von schlechtem Hetero-Sex und patriarchal-religiös geprägter Sozialisierung hinter sich und lernt dabei, dass sie Herrin ihrer eigenen Befriedigung sein kann.

Düster ist hingegen „Baqyt/Happiness“ (Panorama Audience Award) von Askar Uzabayev. Der Film erzählt von einer kasachischen Kosmetikverkäuferin (umwerfend gespielt von Laura Myrzakhmetova), die sich mit aller Kraft von einem alkoholsüchtigen und gewalttätigen Ehemann zu befreien versucht – in einer sehr patriarchal strukturierten Gesellschaft. Alle Versuche der Heldin, aus diesem System auszubrechen, werden brutal bestraft. Dennoch gibt sie nicht auf.

Male Gaze

In ein ganz anderes Register fällt der lesbische Coming-of-Age-Film „Tytöt Tytöt Tytöt/Girl Picture“ (Generation 14plus) der finnischen Regisseurin Alli Haapasalo. Sie erzählt eine Geschichte um junge Frauen, die ihre Sexualität und ihre sexuelle Orientierung frei entdecken und erleben. Das Besondere daran ist, dass, anders als in vielen anderen Filmen, damit zusammenhängende Gefahren oder Warnungen nicht thematisiert werden. Eine bewusste feministische Entscheidung der Regisseurin, die einen Film machen wollte, der junge Zuschauerinnen empowert, statt sie auf eine gefährliche Außenwelt vorzubereiten.

Lehrreich ist auch die Doku „Brainwashed : Sex-Camera-Power“ (Panorama) von Nina Menkes. In einer Mischung aus Vortrag, Expert*innen-Interviews und vielen Einzelanalysen von Szenen aus berühmten Filmen nimmt Menkes den sogenannten Male Gaze (die Darstellung einer filmischen Welt aus rein männlicher Perspektive) unter die Lupe. Anhand der Analyse von Bildeinstellungen oder Kamerabewegungen bringt sie die patriarchalen Erzählstrukturen im Kino ans Licht. Eine tolle Unterrichtstunde in Sachen Filmgeschichte.

Teddy Award

Der poetische Streifen „Três tigres tristes“ vom brazilianischen Regisseur Gustavo Vinagre, der drei queere Figuren porträtiert, die durch die leeren Straßen Sao Paulos während einer Pandemie ziehen, gewann den Teddy als besten Spielfilm. Als beste Doku wurde der Film „Alis“ ausgezeichnet, der über eine sehr originelle Erzählstruktur verfügt: Es geht um Mädchen, die auf den Straßen der kolumbianischen Stadt Bogotá gelebt haben. Doch anstatt deren Leben direkt zu porträtieren, fragen die Regisseur*innen Clare Weiskopf und Nicolás van Hemelryck die jungen Frauen, die Geschichte einer fiktiven Freundin zu erzählen, in der sie dann ihre Wünsche und Hoffnungen hinein projizieren. Mit dem Teddy Jury Award wurde „Nelly & Nadine“ ausgezeichnet. Die sehr berührende Doku von Magnus Gertten erzählt von einer lesbischen Liebe, die im Konzentrationslager Ravensbrück begann. Nach der Befreiung fanden sich die beiden Frauen wieder und zogen gemeinsam nach Caracas, um dort ein neues Leben zu starten.

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