Ausstellung

Berlins queerer hedonistischer Underground

31. Juli 2020 jano
Bild: Victor Hensel-Coe
Fotograf Victor Hensel-Coe arbeitet u. a. für SIEGESSÄULE

„Berlin is Wonderland" heißt die erste Ausstellung des Fotografen Victor Hensel-Coe, der durch seine Fotografien der queeren Londoner Szene bekannt wurde. Die Ausstellung ist vom 3. bis zum 06.08. im Kunsthaus KuLe in Mitte zu sehen und gibt einen Einblick in Berlins queeren Underground. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Kunstkuratorin Sara Lily Perez. Wir stellten Victor vorab ein paar Fragen

Victor, du bist in Berlin ein bekannter Nightlife-Fotograf. Du arbeitest für Partyreihen wie das „GMF“ oder die „Revolver“-Party und auch für SIEGESSÄULE. Wie ist gerade dein Leben in Berlin, in einer Zeit in der alle Clubs wegen Corona geschlossen haben? Großartig! Dank der finanziellen Hilfe der deutschen Regierung bzw. der Investitionsbank für Freelancer fühle ich mich seit März wie im bezahlten Urlaub. Ich verdiene natürlich nicht so viel Kohle wie vorher, aber ein bißchen was kommt immer noch rein. Es ist also alles ok bei mir. Ein großer Teil meiner Soforthilfe ging jetzt für diese Ausstellung drauf, ich bin also auf verschiedenen Ebenen sehr dankbar für dieses Geld. Im Shutdown hatte ich viel Zeit, um an meiner Karriere zu schrauben.

Du hast fotografisch unterschiedlichste Sachen gemacht, von Editorials bis hin zu Fashion. Die Partyfotografie war aber immer ein großer Teil deines künstlerischen Outputs. Viele Fotograf*innen haben keinen Bock auf solche Jobs im Club, aber bei dir scheint das deutlich anders zu sein. Was fasziniert dich daran auf Partys zu fotografieren? Dazu habe ich zwei Antworten: Zum einen sehe ich etwas in der Clubfotografie, das viele andere Fotograf*innen nicht zu sehen oder zu verstehen scheinen – und das ist die Möglichkeit, meinen künstlerischen Stempel auf ein einzigartiges kulturelles Event setzen zu können. Berlin hat die besten Nachtclubs der Welt und Fotograf*innen, die sich zu fein sind, auf Partys zu fotografieren, verpassen einfach die Möglichkeit, an etwas teilzuhaben, das viel größer als sie selbst ist – auf so viele Art und Weisen.

Das bringt mich zu Punkt zwei: Manchmal habe ich das Gefühl, dass es quasi mein Job ist, mit den coolsten Leuten der Welt abzuhängen und zu feiern. Ich sage immer gerne: Durch die Clubfotografie habe ich schon in den ersten sechs Monaten Berlin mehr Freunde gefunden, als andere Menschen in zwei Jahren! Und ich wurde auch noch dafür bezahlt! Ich könnte also wohl kaum glücklicher sein und mich mehr geehrt fühlen.

Bild: Victor Hensel-Coe

Ein weiterer Fokus deiner Arbeit ist Fotografie, die sich mit sexuellen Themen und Fetischen auseinandersetzt. Dabei bist du oft nicht nur Fotograf, sondern auch dein eigenes Model. Du gibst dadurch einen tiefen Einblick in deine persönlichen sexuellen Vorlieben und Fantasien. Warum ist es so wichtig für dich, mit deinen Rezipient*innen über deine eigene Sexualität zu kommunizieren? Ich finde es schwierig, diese Frage zu beantworten. Meine Sexualität ist so natürlich und selbstverständlich für mich, dass du genauso gut eine Spinne fragen könntest, warum sie jeden Morgen ihr Netz baut.

Wenn ich versuche, es runter zu brechen, fallen mir erstmal die Wörter Sichtbarkeit und Privilegien ein. In der Kink-Community gibt es einen großen Teil von Menschen, die gerne ihre Sexualität in vielen Bereichen ihres Lebens ausdrücken würden, es aber nicht können – wenn sie es täten, würden sie z. B. Ihre Jobs verlieren oder noch schlimmeres. Wenn ich mein Sexleben auf Twitter oder Instagram teile, nutze ich den Vorteil einer privilegierten Position, die leider nicht jeder Mensch hat. Ich lande oft in übelst geilen und hemmungslosen sexuellen Szenarien und als der Bottom (in den meisten Fällen) komme ich dabei häufig nicht in den vollen visuellen Genuss von dem, was da gerade mit mir passiert. Also für mich und für meine Internet-Follower will ich einfach, dass der ganze Scheiß dokumentiert wird! Die sexuellen Fotos, die ich in meiner Ausstellung zeigen werde, sind allerdings Selbstporträts.

Das Foto, in dem eine Leder-Version von mir eine Rubber-Version von mir dominiert, war eine Auftragsarbeit für das Leash Magazine. Es ging um ein Feature zum Thema Identität. Die Botschaft des Fotos ist, dass mein bewusstes Selbst quasi ein Sklave meines unbewussten Selbst ist. Letzteres tut alles, was nötig ist, um mich sexuell zu sabotieren und mich in die krassesten Situationen zu bringen, die man sich vorstellen kann … Und ich weiß, dass dieses Selbst existiert, denn mein Schwanz wird gerade hart, während ich darüber spreche, und das sollte eigentlich kaum möglich sein, das ich im Grunde vollkommen gestresst bin mit den Vorbereitungen für die Ausstellung.

Bild: Victor Hensel-Coe

An vielen queeren Orten ist es verboten, zu fotografieren. Manche Leute finden das richtig, weil sie damit den Schutzraum für queere Menschen und ihre Körper gewahrt sehen, andere finden das Fotoverbot doof, weil damit Sichtbarkeit und ein Stück queere Geschichtsschreibung durch fotografische Dokumentation flöten gehen. Wie siehst du das? Ich finde, die „No-Foto-Politik“ ist eine Tragödie für die Dokumentation von Kultur. Wenn ältere Menschen über kulturellen Wandel und Blütezeiten sprechen, hört man oft Sätze wie: „Das kann man schwer erklären, man muss einfach dabei gewesen sein!“ Und genau für sowas hat man Kameras erfunden, meine Lieben! Durch diese Technologie können wir zurück schauen auf Zeiten, die Individuen, Subkulturen und die gesamte Gesellschaft geformt haben und wir können darüber reden, wie die Dinge damals ausgesehen haben. Wie sollen wir uns durch den Schleier aus Ecstasy und Ketamin daran erinnern, wie es in unseren Clubs gewesen ist, wenn wir keine Fotokameras zulassen? Ich kenne viele Leute, die zwölf Stunden im Berghain waren und sich nur an fünf Minuten davon erinnern können. Mein Eindruck ist ohnehin, dass es garnicht sooo viele Leute gibt, die sich nicht fotografieren lassen wollen – es wird also Zeit, dass wir mal über dieses Thema reden. Keine Selfies auf der Tanzfläche – ok! Aber ein professioneller Clubfotograf, der zu allen nett ist und sich nicht wie ein Arschloch benimmt? Ja Bitte, unbedingt!

Bild: Victor Hensel-Coe

Berlin Is Wonderland“ ist deine erste Soloausstellung. Wie hast du die Fotos ausgewählt und können Besucher*innen erwarten? Meine Kuratorin und ich bekamen den Ort für die Ausstellung erst vor drei Wochen zugesagt. Ich habe dann eine erste Auswahl aus unterschiedlichsten Bereichen meines Lebens ausgewählt – das waren dann 250 Bilder! Ich dachte nur: Wie soll daraus ein bestimmtes Thema für die Schau werden? Die Tage vergingen und mir fiel wieder ein, warum der Name meines Insta-Accounts @wonderland.tiff ist. Immer, wenn mich jemand danach und nach Berlin fragen würde, wollte ich antworten: „Berlin is a wonderland!“ der Groschen fiel und ich hatte den Namen für die Ausstellung.

All die Bilder in der Ausstellung – verrückte Aufnahmen meiner Freund*innen, Selbstporträts in Rubber, Techno Fashion, Vogueing Balls, fickende Osterhasen in einem Sexclub – bringen eine Facette von Berlin zum Ausdruck. Ich ging also durch meine Auswahl und habe die Fotos ausgewählt, die für mich einen einzigartigen und wundersamen Ausdruck dessen repräsentieren, was in dieser Stadt passiert. Ich möchte, dass die Leute in meine Ausstellung kommen und sagen: „Diese Fotos sind Berlin! Ich verstehe jetzt, warum er gesagt hat, dass Berlin ein Wunderland sei. Diese Fotos sind der Beweis.“

Ich bin privilegiert, dass ich das Leben führen darf, das ich führe, und es ist meine Pflicht, andere daran teilhaben zu lassen, die es nicht selber erleben können. Aus diesem Grund werde ich auch irgendwann ein Fotobuch publizieren mit dem selben Namen und noch mehr Bildern.

Bild: Victor Hensel-Coe
Bild: Victor Hensel-Coe
Bild: Victor Hensel-Coe
Bild: Victor Hensel-Coe

Berlin is Wonderland – Fotoausstellung von Victor Hensel-Coe
Montag, 3. August 2020, 15:00 Uhr
bis Donnerstag, 6. August 2020, 22:00 Uhr
Kule, Auguststraße 10, 10117 Berlin
Facebook-Veranstaltung


victorhenselcoe.com
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