Kommentar

CSD 2021: Berlins Schwulenparade

5. Apr. 2021 Stephanie Kuhnen
Bild: Stephanie Kuhnen
Autorin und Journalistin Stephanie Kuhnen, u. a. Herausgeberin von „Lesben raus!: Für mehr lesbische Sichtbarkeit"

Seit einigen Tagen hat der Berliner CSD e. V. einen neuen Vorstand, der nur aus cis Männern besteht. Doch wo liegen die Gründe für die fehlende Diversität und das Desinteresse der vielfältigen queeren Communities in Berlin am Verein? Schließlich geht es um eines der größten Pride-Events in Europa. Stephanie Kuhnen kommentiert

Um es gleich vorweg zu schicken: die Aufgabe, mitten in der Corona-Pandemie und nach bereits einer ausgefallenen regulären CSD-Saison den Berliner CSD trotz Planungsunsicherheit und Kontaktbeschränkungen am Leben zu erhalten, ist keine leichte. Große Teile unserer ohnehin schon prekären queeren Communitys hat es bitter erwischt. Wie kaum eine andere sind wir auf unsere Infrastruktur, die Kneipen, Treffpunkte, Bühnen, Gastronomie und Clubs angewiesen. Und von ihnen leben sehr viele Menschen, die seit über einem Jahr um ihre Existenz fürchten müssen, ihre Altersrücklagen aufgebraucht haben oder bereits Insolvenz anmelden mussten.

Viele Künstler*innen stehen vor dem Nichts, weil nicht einmal sicher ist, ob es nach den verschiedenen Lockdown-Phasen noch Auftrittsorte geben wird. Viele Projektorte sind verwaist oder in einsamen Büronotbetrieb, Beratungen, Gruppen- und Freizeitangebote müssen ausfallen oder finden als anstrengende Zoom-Meetings statt. Das darf kein „neues Normal“ werden. Unsere queeren Communitys leben und überleben durch die direkte Begegnung: Pixel kann man nicht umarmen. Ein Ziel des CSDs ist immer auch gewesen, all diese Vielfalt einmal im Jahr zusammenzuführen. Eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, die Anstrengung, Hingabe aber auch Demut verlangt. Dafür verdient der CSD e.V. einen Vorschuss an Respekt und Anerkennung, und es ist dem neuen Vorstand und der gesamten Community viel Glück zu wünschen. Besonders im mittlerweile zweiten Corona-Jahr.

So, und nun reden wir über die diversen rosa Elefanten im Raum.

Wie kann es sein, dass ein Vorstand des größten queeren Festivals mit politischem Anspruch und der Aufgabe, für queere/LSBTTIQ*- Sichtbarkeiten einzustehen, aus fünf Männern, alle ohne Trans*hintergrund, besteht? Wohlgemerkt: Das ist kein Regenbogen-Antiquitätensammelverein mit zehn Mitgliedern im Oderbruch, da kann eine Lesben- bzw. Trans*/Inter*- quote von Null im Vorstand schon einmal zustande kommen. Wir sprechen hier vom CSD einer der größten Städte Europas. Das ist kein bedauerlicher Zufall. Das ist das Ergebnis einer strukturellen Schieflage im Fundament. Und für die Leerstellen muss einzig und allein der Verein die Verantwortung übernehmen und Maßnahmen ergreifen. Dies ist offensichtlich nicht geschehen, sonst gäbe es dieses Ergebnis nicht.

„Eine Vielfalt wirklich wertschätzende Vereinskultur scheint es nicht zu geben."

Doch dazu braucht es eben auch ernstgemeinte und proaktive Selbstreflexion anstatt aggressiven Abwehrreflexen. In Ansätzen wird ein bisschen Selbstkritik zwar gelegentlich verlautbart, aber so allmählich mangelt es den Textbausteinen des Aufeinanderzugehens, Dialogführens, Solidarischseins, Sichbemühens, Nachholbedarfs usw. usf. an Glaubhaftigkeit. Seit mindestens zwei Jahren erlebt die Öffentlichkeit vor allem ein chaotisches Personalkarussell, Kämpfe um den „richtigen“ CSD, Terminchaos und ein schon abstoßendes Gezänk, das alles andere als einladend wirkt. Nach einem fulminanten, lebendigen und vielleicht noch nicht perfekten, aber sich deutlich in Richtung mehr Diversität und in Richtung Zukunft bewegenden CSD 2019 und einem 2020-Team, dem es hoch anzurechnen ist, dass sie angesichts der Pandemie nicht einfach aufgegeben haben, scheint jetzt nicht nur die Luft völlig raus, sondern man ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt: Krise? Welche Krise? Ach ja, Krise, das sind immer die Anderen.

Kritik an der offenbaren Homogenität des Vorstandes wird in den Sozialen Medien vor allem von dem jetzigen Vorstand nahe stehenden Personen mit bizarren Argumenten abgeschmettert, die genau das bestätigen, was eigentlich abgestritten wird: eine Vielfalt wirklich wertschätzende Vereinskultur scheint es nicht zu geben. Unter zigtausenden LSBTTIQ*-Menschen in Berlin scheint eine Mitarbeit oder gar Mitgliedschaft in diesem Verein nicht sonderlich attraktiv zu sein. Stattdessen wird immer wieder – fast schon bockig – darauf hingewiesen, es hätten sich ja Lesben, trans* und inter* Menschen, BPOCs etc. jederzeit aufstellen lassen können, einfach so, die waren aber nicht da.

Sich kritisch äußern darf nur, wer im inneren Zirkel mitwirkt. Das wäre vielleicht bei einem Partykommittee so, das eine private Vereinssause auf dem Tempelhofer Feld veranstaltet. Nicht aber bei einem Verein, der sich gegründet hat, um den Interessen der unterschiedlichen queeren Communitys in Berlin auf institutionalisierter Ebene zuzuarbeiten und sie zu unterstützen. Ein zentraler Zweck des Vereins ist es eben auch einen möglichst sicheren öffentlichen Raum für unterschiedliche queere Sichtbarkeiten herzustellen. Dass ein solcher Verein diese Vielfalt auch spiegeln muss, ist ein legitimer Anspruch und keine nervige Zumutung. Wenn die Repräsentanz so gar keine Rolle spielt, dann wäre die Besetzung eines CSD-Vorstandes, der Ressourcen verteilt, bestimmt, wer auf die Bühnen darf und Redezeit bekommt, wer die so gepriesene Vielfalt in der Öffentlichkeit vertritt, der buchstäblich Sichtbarkeit verteilt und damit auch kontrolliert, sowieso völlig hinfällig. Warum sich dann nicht einfach von einer Gruppe Heterosexueller vertreten lassen? Das ist die größte Gruppe im Land, darunter gibt es bestimmt auch viele „kompetente“ Menschen. Von einer Repräsentanz wird grundsätzlich auch auf den Inhalt und die Themen geschlossen. Und der Eindruck ist hier eindeutig: der CSD Berlin ist eine „Schwulenparade“.

„Das ganze Diversitäts-Gedöns ist sowieso nur ,Identitätspolitik', oder?"

Es wird spannend zu sehen, wie das angetretene Team dort wieder hinausfinden will: „Wir sind zwar ausschließlich homosexuelle Männer ohne Transitionsbiografien, aber das ist noch lange keine Schwulenparade, da kommen auch andere zur Veranstaltung“? Die Medien, die diese Bezeichnung eh hartnäckig benutzen, brauchen sich zumindest jetzt keine Vorhaltungen mehr machen lassen. Das ganze Diversitäts-Gedöns ist sowieso nur „Identitätspolitik“, oder? Berlin hat endlich eine Schwulenparade! Da hilft es auch nicht, wenn alle Vorstände in ihrer Pressemitteilung ihre Pronomen „er/ihn“ hinter den Namen setzen, man rennt schon gegen den dicksten Elefanten, bevor man über diese bemühte Kleinigkeit gestolpert ist.

Als vor zwei Jahren mehrere BPOC-Aktivist*innen wie die lesbische Schwarze Aktivistin Peggy Piesche in ihrem Interview in der taz sagten, die BPOC-Communitys würden schon lange nicht mehr zum Berliner CSD gehen, hätte sofort auf diese Bankrott-Erklärung reagiert werden müssen. Das ist keine Frage von ein bisschen #BLM-Deko, Philly-Flaggen und mantrenhaftem Aufsagen, dass Marsha P. Johnson „uns allen die Befreiung“ beschert hat. Hier wurde eine fundamentale und konstruktive Kritik einfach ignoriert.

„Ein Verein, der hauptsächlich aus schwulen Mitgliedern besteht, wird immer wieder vornehmlich schwule Vorstände und Sichtbarkeit produzieren."

Und was ist überhaupt mit den Lesben*? Warum sind all die Lesben, die schon in den Jahren zuvor die Vorstandsarbeit erfolgreich gemacht haben, nicht geblieben? Hat ihre Anwesenheit dazu geführt, dass mehr Lesben* dem Verein beigetreten sind? Warum nicht? Auch hier hat es bereits eine sehr lösungsorientierte Kritik der ehemaligen Vorständin und seit Jahrzehnten erfahrenen Partyveranstalterin Angela Schmerfeld gegeben; die mangelnde Beteiligung im strukturellen Aufbau des Vereins an sich verortet. Ein Verein, der hauptsächlich aus schwulen Mitgliedern besteht und der sich nicht von Grund auf für Diversität interessiert, wird immer wieder vornehmlich schwule Vorstände und Sichtbarkeit produzieren und muss so oftmals zurückgreifen auf Personen außerhalb der Vereinsstruktur, die dann eine singuläre Repräsentanzfunktion übernehmen soll. Die Problematik kann, wenn sie scheitert, und das tut sie meistens, weil sie nicht nachhaltig ist, nicht einfach individualisiert und die Schuld dann lässig verschoben werden. Wohl wird dies aber ständig getan und genau das ist, was die diversen queeren Communitys, das Vertrauen in eine Institution wie den Berliner CSD Verein verlieren lässt. Repräsentation muss aus den Strukturen heraus gewachsen und mit ihnen verbunden sein, nicht einfach nur schnell dazu geholt. Alles andere ist das Ausnutzen von zur Norm differenten Positionierungen.

Anstatt also sich einfach beleidigt zu verschanzen und Kritik rigoros und selbstherrlich abzuwehren, ist jetzt der Zeitpunkt anzuerkennen, dass einer der größten CSDs Europas ein ziemlich klägliches und schon peinlich monotones Gruppenbild in einer vielfältigen Millionenstadt abgibt. Das ist das Gegenteil von Zukunftsgewandheit und Verbundenheit. Jede moderne soziale Bewegung hat das verstanden, jeder noch so kleine CSD Verein in diesem Land hat das verstanden, jedes moderne Wirtschaftsunternehmen hat das verstanden. Lieber CSD Berlin, kommt bitte aus eurer Kleingartenanlage zurück, die queeren Communitys brauchen euch so sehr wie ihr sie braucht!

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