Bis die Schweißperlen glitzern: Was machen queere Fitnessstudios anders?
Neues Jahr, neues Ich – durchtrainiert wie aus dem Katalog, verspricht die alte Masche der Fitnessbranche. Aber immer mehr queere Studios zeigen, dass Fitness ganz anders aussehen kann: Sie sind empowernde Trainingsorte, soziale Räume und politische Alternativen zur klassischen Muckibude
Alles steht bereit: Schwarze Kurz- und Langhanteln, bunte Kugelhanteln, Matten, Ringe, eine Zugmaschine. Auf dem Programm im 80 Quadratmeter großen Queer Power Gym in Kreuzberg: Mobilität, dann Floor Press (Druckübung für Brust/Trizeps) und Row (Rudern), zum Abschluss ein Zirkel aus Squat (Kniebeugen), Shoulder Press (Schulterdrücken) und Face Pulls (Schulter-Rücken-Zugübung). Maßgeschneidert für Gruppen von maximal sechs Trainierenden („Trainees“), von Neulingen bis Fortgeschrittenen.
„Für viele queere Menschen ist ihre Fitnessreise mit Schulsport und sehr schlechten Erfahrungen verbunden“, erklärt Evelyn, Inhaber*in und Coach im Queer Power Gym. „Ich wollte einen Ort schaffen, an dem wir in Ruhe ohne dieses ganze Hintergrundrauschen trainieren können, ohne Performance, ohne Erklärungsnot, ohne binäre Fitnessziele.“ Evelyn möchte besonders auch schüchterne und neurodivergente Leute ins reizarme Queer Power Gym einladen.
„Für viele queere Menschen ist ihre Fitnessreise mit Schulsport und sehr schlechten Erfahrungen verbunden.“
„Reizarm“ steht hingegen im Gym der Club Athleten in Neukölln eher nicht auf dem Trainingsplan: Dort trifft Fitness auf queere Clubkultur. In Klassen wie „Ass Ass Ass“, „Club Boxing“, „High Heels“ oder „Drag Energy“ wird in Begleitung von DJs, Beats und Lightshow geboxt, getwerkt, geworkt: ein juicy Boot(y)camp, bis die Schweißperlen glitzern.
Lauren Krueger, eine der beiden CEOs von Club Athleten, beschreibt die Entstehung des Fitnessclubs so: „Club Athleten sollten nie ein typisches Gym werden. Wir wollten einen Space kreieren, in dem wir auch sein wollen, einen Ort von der Community für die Community.“ Dieser Mix aus Clubkultur und Fitness ist seit 2020, als in der Pandemie die Clubs geschlossen hatten, so erfolgreich, dass die Athleten noch zwei weitere Locations in Friedrichshain und einen Showroom in Mitte betreiben.
Auch Simon Burkhardt pumpt nicht in einem klassischen Fitnessstudio, sondern bei den Black Sheep Athletics, einem CrossFit-Studio in Kreuzberg. CrossFit, der Fitnesstrend aus den 2000ern, der Gewichtheben, Sprinten und Turnen kombiniert, gilt vielerorts als Inbegriff testosterongeladener Leistungslogik. Aber bei den Black Sheep verpufft dieses Bild, sobald man die Progressive-Pride-Flagge und die diverse Community zwischen den Geräten sieht. „Herkömmliche Gyms stinken bis zum Himmel nach toxischer Männlichkeit”, sagt Simon und ergänzt: „Das ist verdammt isolierend für eine Fairy wie mich.”
„Herkömmliche Gyms stinken bis zum Himmel nach toxischer Männlichkeit.”
Aber bei Black Sheep Athletics war Simons Gym-Erfahrung anders: „Alle hatten Geduld mit mir. Alle waren queer und freundlich. Alle wussten, unser Weg zur Fitness ist individuell und kleinschrittig. Ich fühlte mich von Anfang an dort super supported.“ Dabei hatten Evelyn, Lauren und Simon eigentlich was ganz anderes als Fitness mit ihrem Leben vor.
„Krafttraining hat mich in meiner Gender-Identität bestärkt“
Evelyn war erst Grundschullehrkraft und fand eher zufällig zur Fitness – auf der Couch vorm Fernseher. Im TV lief das Hammerwerfen der Frauen bei den Olympischen Spielen. „Da habe ich zum ersten Mal verstanden, sportliche Frauen müssen nicht schlank sein.“ Auf Anraten einer Freundin griff Evelyn zuerst zu zwei Wasserflaschen und später zu Kurzhanteln: „Ich habe super schnell Ergebnisse gesehen und war sofort total hooked!“
Lauren wollte eigentlich als Politikerin die Welt verändern, aber das Studium trieb ihr die Idee schnell aus. In der Arbeit mit Sportler*innen wurde ihr klar, welchen empowernden Effekt Fitness auf andere haben kann. „Ich habe lange mit gestörtem Essverhalten gekämpft. Queersein und Coaching haben mir Gemeinschaft und Perspektiven gegeben, die mich aus den Systemen befreit haben, die mir geschadet haben“, sagt die heutige Betriebswirtin, Trainerin und Ernährungsberaterin.
„Es geht nicht nur um den eigenen Körper, sondern auch um mentale Fitness und Community”, sagt Simon, der eigentlich Germanistik und Politik studiert hat, inzwischen aber als Businessberater für sein Lieblingsgym und andere queere und FLINTA*-Unternehmen tätig ist.
Alle drei Studios eint der Gedanke, Fitness nicht als Selbstoptimierung zu begreifen, sondern als Beziehung zum eigenen Körper und Form von Empowerment.
Queer Power Gym und Black Sheep Athletics arbeiten mit festen Mitgliedschaften, die Club Athleten sind auch für spontane Sportler*innen des Urban Sports Club geöffnet. So unterschiedlich die Konzepte auch sind, alle drei Studios eint der Gedanke, Fitness nicht als Selbstoptimierung zu begreifen, sondern als Beziehung zum eigenen Körper und Form von Empowerment: „Als queere Person hat mich das Krafttraining in meiner Gender-Identität bestätigt“, erzählt Evelyn.
Viele trans* und nicht binäre Menschen sind von Geschlechtsdysphorie geplagt – Leidensdruck, der entsteht, wenn der eigene Körper nicht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt. Deshalb bietet das Queer Power Gym ein Gegengewicht: gender-affirming Training, das Menschen in ihrer Geschlechtsidentität bestärkt und für das Awareness essenziell ist. Denn: „Gerade für transfeminine Personen können Gyms eine Gefahr bedeuten“, verdeutlicht Evelyn bezogen auf transmisogyne Anfeindungen und Ausschlüsse.
Wie real diese Gefahr ist, zeigte sich Anfang 2025: Kurz nach der Wiederwahl Donald Trumps verkündete CrossFit aus den USA, dass trans Athlet*innen bei den CrossFit-Games, der hauseigenen Olympiade, nicht mehr entsprechend ihrer Geschlechtsidentität antreten dürfen. Faktisch wurde ihnen nahegelegt, eine Teilnahme ganz zu unterlassen. „Das war ein Schlag in die Magengrube“, erinnert sich Simon. Die Reaktion der Black Sheep Athletics folgte prompt: öffentliche Distanzierung vom Dachverband und die Ausrufung eigener Games.
„Sicherheit entsteht für uns nicht durch Ausschluss, sondern durch klare Werte, Haltung und Verantwortung.“
Lauren betont, wie zentral Safer Spaces sind, besonders für lesbische und queere Frauen. „Wir spüren ganz besonders stark, wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden und suchen Orte, an denen wir durchatmen können.” Konkret heißt das: Studios, die Consent ernst nehmen, divers aufgestellt sind und mit Diätkultur und Schönheitsidealen nichts am Hut haben wollen. Kurz: „Orte, an denen wir uns nicht kleiner machen müssen.”
Dabei können sichtbare LGBTIQ*-Coaches und -Führungspersonen helfen: „Sie signalisieren Sicherheit, noch bevor ein Wort fällt.” Das präge die Kultur und wirke nach außen. „Sicherheit entsteht für uns nicht durch Ausschluss, sondern durch klare Werte, Haltung und Verantwortung“, so Lauren. Um das zu erreichen, durchlaufen alle Coaches bei Club Athleten Awareness-Schulungen.
Bodypositivity statt Bodyshaming
Warum haben eigentlich so viele schwule Männer eine fast obsessive Hassliebe zum Fitnessstudio? Simons Theorie: „Queeren Männern wurde früh gespiegelt, dass sie falsch sind. Ich glaube, wir wollen uns im Endeffekt nur beweisen, dass wir genauso männlich oder sogar besser als die sind, die uns damals untergebuttert haben.” Das erkläre die Überkompensation: Durch Muskelberge mache man sich unangreifbar. „Dazu kommen dann noch das gegenseitige Begehren und Community-Building durch Sex und da haben wir diese Fixiertheit auf männliche Körper.”
„Wir wollen uns im Endeffekt nur beweisen, dass wir genauso männlich oder sogar besser als die sind, die uns damals untergebuttert haben.“
Um die 2010er-Jahre sei eine neue Welle der Bodypositivität, der radikalen Selbstakzeptanz aller Körpertypen, für viele eine Erleichterung gewesen. „Mir wurde klar, ich muss gar kein Abercrombie-Model sein. Stärke heißt auch, zu sich zu stehen … und ganz ehrlich, ein Daddy-Body kann auch richtig sexy sein”, lacht Simon.
Bodyshaming ist auch Lauren ein Anliegen: „Wir gehen sehr bewusst mit Sprache um. Unsere Coaches sind darin geschult, keine Körper zu kommentieren.” Mehrere Umkleidemöglichkeiten und Hygieneprodukte in jedem Bad trügen auch zu einem guten Körpergefühl bei. Es gehe nicht darum, wie Trainierende aussehen, sondern wie sie sich fühlen: „Self-Connection“ statt „Self-Correction“.
Evelyn hofft, dass mehr Menschen auf Neujahrsvorsätze und normative Fitnessversprechen pfeifen und stattdessen die Alternativen zum Mainstream-Gym entdecken, wo Übungen von Grund auf vermittelt werden und Unterstützung geboten ist. „Und für mein Gym wünsche ich mir, dass die Community weiterwächst und noch mehr Menschen merken: Sport kann ja doch etwas für mich sein!“
Queer Power Gym
queerpowergymberlin.de
Club Athleten
clubathleten.de
Black Sheep Athletics
black-sheep-berlin.de
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