Tag der Clubkultur am 3. Oktober

„Bis Ende des Jahres sind alle Berliner Clubs einigermaßen safe“

30. Sept. 2020 Florian Bade
Bild: canva

Durch Corona ist die Berliner Clublandschaft in Not geraten. Am 3. Oktober findet nun der „Tag der Clubkultur“ statt: 40 Clubs und Kollektive der Hauptstadt präsentieren sich u. a. mit DJ-Sets, Performances und Talks.

Zudem werden sie auf Initiative von Kultursenator Klaus Lederer mit jeweils 10.000 Euro ausgezeichnet. Doch reicht das, um die Clubs zu retten? Und wie geht's im Winter mit den Locations und Parties weiter?

Wir sprachen mit der queeren DJ und Künstlerin Sanni Est und mit Lutz Leichsenring von der Berliner Clubcommission

Sanni und Lutz, durch die hohen Mieten in Berlin hatten es Clubs bereits vor der Pandemie schwer. Nun könnte das Clubsterben ungeahnte Ausmaße annehmen. Wieviele Locations werden nach der Corona-Krise nicht wieder öffnen können? Lutz: Bis jetzt haben wir es dank fünf Supporthilfepaketen und 1,5 Millionen Euro Spenden der Clubgänger*innen geschafft, dass bis Ende des Jahres alle Berliner Clubs einigermaßen safe sind.

„Clubs leben von ihrem Team. Wenn man sich vorstellt, dass der Großteil gekündigt werden müsste … Da würden viele Clubs lieber zumachen.“

Und die Mitarbeiter*innen? Lutz: Durch die Kurzarbeit bekommen sie zumindest 80 Prozent ihres Gehalts weiter. Und das ist ein ganz wichtiger Faktor. Clubs leben von ihrem Team, daher kommt ja der ganze Spirit. Wenn man sich vorstellt, dass der Großteil – so wie in den USA zum Beispiel – gekündigt werden müsste … Da würden viele Clubs lieber zumachen. Hart trifft es die Einzelkünstler*innen und Booker*innen, da sie durch viele Raster fallen.

Auf Initiative der Clubcommission und des Berliner Kultursenators Klaus Lederer findet am 3. Oktober der „Tag der Clubkultur“ statt. Was erhofft ihr euch davon? Sanni: Alternativen, um auch während der Pandemie feiern zu können! Und wir haben ein Gefühl von Unterstützung, Solidarität und von Vielfalt geschaffen, die wir mit diesem Tag und den Auszeichnungen würdigen wollen.

Lutz: Ich bin froh, dass wir es nochmal geschafft haben, in der Krise zu mobilisieren und zu sagen: „Wir sind noch da!” Es ist nicht nur wegen Covid-19 ein besonderes Jahr, sondern ebenso bezüglich der ganzen Debatte um Rassismus und Polizeigewalt. Wir bezeichnen uns selbst als progressive Szene – nun müssen wir das auch mal beweisen und Dinge neu denken.

„Clubs geben heutzutage mit ,Diversity, Gerechtigkeit und Awareness' an, jeder Club ist angeblich ein ,Safe Space'. Aber das stimmt einfach nicht.“

Für ihre jahrelange Arbeit in der Clublandschaft habt ihr aus über 90 Bewerbungen 40 Clubs und Kollektive ausgewählt, die jeweils 10.000 Euro vom Berliner Senat erhalten. Sanni, du bist selbst Künstlerin und warst Mitglied in der Jury. Nach welchen Kriterien habt ihr ausgewählt? Sanni: Ziel der Auszeichnung war es, dass die bedeutendsten Clubs Berlins weiter existieren und bleiben können. Wichtig waren dabei nicht nur die eingereichten Bewerbungen, sondern vor allem, was der jeweilige Club über Jahre z. B. in Sachen Transparenz, faire Entlohnung oder faire Arbeitsbedingungen geleistet hat. Das fünfköpfige Kuratorium bestand zu 80 Prozent aus Femmes of Colour, das ist bisher einzigartig in Deutschland. Weil wir selbst in der Szene involviert sind, haben wir Zugang zu Erfahrungen, die nicht nur die von „Mainstream weißen cis Heteros“ sind ... sondern ebenso die von Migrant*innen, queeren PoC, Schwarzen Personen, Frauen. Von Events in der Clubszene haben wir schon auch mal hässliche Seiten mitbekommen. Viele Clubs geben heutzutage mit „Diversity, Gerechtigkeit und Awareness“ an, jeder Club ist angeblich ein „Safe Space”. Aber das stimmt einfach nicht. Es fängt mit Rassismus und Sexismus an der Tür an und kann sich durch den ganzen Abend ziehen: oft gibt es kein Awareness-Team, keine Ansprechpartner*innen usw. Deshalb haben wir in der Auswahl einen Fokus auf Konsequenz, Transparenz und Korrektheit gesetzt. Aber auch Clubs, die vielleicht nicht so super divers sind, die aber eine bedeutende Rolle in Berlin spielen, haben wir berücksichtigt und ausgezeichnet, außerdem einige existenzbedrohte Kollektive.

10.000 Euro klingt erstmal viel angesichts der Krise, in die die Clubs geraten sind, ist das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was fordert ihr von der Politik? Lutz: Wir hatten lange gefordert, dass man die Immobilienwirtschaft mit in die Verantwortung nimmt, aber ohne wirklichen Erfolg. Bei den Soforthilfepaketen saßen wir vom ersten Tag an mit der Politik an einem Tisch, da können wir uns nicht beschweren.

Sanni: Als Künstlerin und Staatsbürgerin fühlte ich mich durch die Hilfen ganz gut aufgehoben, vor allem im Vergleich zum Rest der Welt. In einer Pandemie kann ich nicht nur denken: „Wie geht’s mir und uns hier?”, ohne mir auch die Frage zu stellen, wie es Menschen in anderen Weltregionen geht. Dass wir nochmal insgesamt eine halbe Million an Klubs und Kollektive verteilen konnten, ist sehr positiv.

„Als Clubcommission setzen wir darauf, dass wir im Herbst eine Studie mit Corona-Schnelltests durchführen können.“

Wie geht es jetzt weiter? Können wir im Winter wieder auf coronakonformen Partys tanzen? Sanni: Coronaregelungen ändern sich, also müssen wir flexibel bleiben. Aber es gab schon kreative Lösungsvorschläge: zum Beispiel Systeme, bei denen Gäste verschiedene Timeslots bekommen, oder gebuchte Stehtische, an denen man tanzen kann.

Lutz: Ja! Es gibt auch einige Clubs, die in ihren Außenbereichen Gäste bereits wieder tanzen lassen, aber eben nur mit Maske. Es hängt natürlich immer das Damoklesschwert über einer Veranstaltung, dass sie vielleicht doch nicht stattfinden kann, wenn die Maßnahmen wieder verschärft werden. Als Clubcommission setzen wir darauf, dass wir im Herbst eine Studie mit Schnelltests durchführen können. Diese Tests kosten unter 10 Euro und brauchen auch nur 15 Minuten, bis sie das Ergebnis anzeigen. Das wäre für uns natürlich ein Gamechanger! Die Frage ist, wie dieser Prozess ablaufen könnte: Wer nimmt die Tests ab? Wer bescheinigt, dass der Test negativ ist? Was passiert, wenn ein Test positiv ist? Und die Hygieneverordnungen müssten auch angepasst werden. Das ist ein längerer Weg, ich möchte hier deshalb nicht zu viele Hoffnungen wecken.

Der „Tag der Clubkultur“ wartet auch mit einem spannenden Programm auf. Welche queeren Events empfehlt ihr? Sanni: No Shade in Spandau, Queerberg im Jane Doe. Oder eben everybody’s darlings: die Cocktail d’Amore und die Buttons. Ich selbst werde in der Grießmühle auflegen.

Lutz: Ich kann immer das SchwuZ empfehlen, weil es einfach einer der schönsten Läden der Stadt ist. Aber wir haben über 40 Veranstaltungen im Programm, da findet sicher jede und jeder das Richtige.

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