Blutrausch im Iran
Seit Ende Dezember finden im Iran Massendemonstrationen gegen das Mullah-Regime statt – die Reaktionen der machthabenden islamischen Religionsfanatiker werden täglich brutaler. Dennoch wächst die Hoffnung auf einen Regimewechsel. Steht das Land an einem Kipppunkt zu einer demokratischen Gesellschaft, in der auch wieder LGBTIQ* einen öffentlichen Platz haben könnten? Eine persönliche Einschätzung des Exiliraners und Romanciers Sina Kiyani
Bei der Recherche für meinen ersten Roman „Paradiesstraße“ stieß ich auf Aufnahmen aus den Anfängen der islamischen Revolution im Iran: Ein Lkw-Fahrer und ein Teppichknüpfer sind zu sehen, man wirft ihnen vor, Unzucht miteinander getrieben zu haben. Der Lkw-Fahrer, ein hagerer Typ mit kurzem Bart, in seinen Dreißigern, bringt kein Wort heraus. Der Teppichknüpfer, kaum 20, eingeschüchtert, mit glasigen Augen, versteht die Fragen nicht und bittet ständig, sie zu wiederholen. Seine Sätze sind kurz und mit Angst unterlegt. Jedes Wort, das er sagt, sticht mir ins Fleisch. Es ist meine Sprache. Ich kenne ihre Wendungen, ihre Nuancen. Meine Stimme zittert genauso, wenn ich mich fürchte.
Brutalität gehört zur DNA des Regimes
Auch ich spreche Wörter falsch aus, wenn ich verzweifelt bin. Am Ende der Aufnahme erfährt man, dass die beiden Stunden später erhängt wurden. Ich habe die Echtheit des Videos nie überprüft. Es ist auch nicht wichtig. Waren es nicht diese zwei, dann zwei andere. Und wiederum zwei anderen Männern, ebenfalls erhängt, weil sie homosexuell waren, der eine 18, der andere 16, habe ich meinen Roman gewidmet.
„Frauen und Männer werden wegen ihrer sexuellen Orientierung geschlagen, gedemütigt, ausgepeitscht, kastriert, zur Flucht gezwungen, gefoltert und ermordet.“
Seit dem Aufstieg der Fundamentalisten – im Februar 2026 sind es genau 47 Jahre – hat sich nichts verändert. Frauen und Männer werden wegen ihrer sexuellen Orientierung geschlagen, gedemütigt, ausgepeitscht, kastriert, zur Flucht gezwungen, gefoltert und ermordet. Brutalität gehört zur DNA dieses Regimes. Aber selbst für die Maßstäbe der Islamischen Republik sind die Gewaltexzesse beim jüngsten Aufstand beispiellos, 3.000 oder gar 18.000 Getötete, und das innerhalb von nur drei Nächten. Den Menschen wurde vielfach aus nächster Nähe in den Kopf, den Hals oder in den Rücken geschossen.
Diesmal begann die Revolte unter den Basarhändlern. Als sie gegen die Abwertung der Landeswährung protestierten, schlossen sich rasch andere Gruppen an. Die Wut ergriff das gesamte Land, und da es keinen Anführer gab, konnte sich der frühere Kronprinz Reza Pahlavi profilieren. Von seinem amerikanischen Exil aus rief er zum Widerstand auf und die Menschen folgten ihm. Er ist nicht unumstritten und vielleicht zu farblos, um die Massen hinter sich zu einen. Doch einiges spricht für ihn. Er bekennt sich zur sexuellen Vielfalt, ein Beispiel: Nach dem Mord an einem jungen Homosexuellen durch die eigene Familie in Ahwaz im Südwesten des Landes verurteilte er das Verbrechen in sozialen Medien.
Seine Stellung als Galionsfigur hat in vielen – auch in mir – alte Bilder wachgerufen, als sein Vater, der letzte Schah von Persien, herrschte. Auch sein System war gekennzeichnet von Repression gegen politisch Andersdenkende. Doch gewisse gesellschaftliche Normen wurden respektiert, unter anderem das Recht auf Privatsphäre. So durften zwei Männer, ein arrivierter Künstler und der Sohn eines Generals, ihre symbolische Hochzeit feiern. Eine Popsängerin, deren Liebe zu Frauen nicht offen ausgesprochen, aber weitgehend akzeptiert wurde, gehörte zu den beliebtesten im Land. Und in der Fernsehserie „Italia, Italia“ spielte ein schwuler Charakter eine klischeebeladene, aber immerhin große Nebenrolle.
„Mit einer möglichen Rückkehr Pahlavis verbinden viele in der queeren Community sowohl im Iran als auch in der Diaspora Hoffnung.“
Mit einer möglichen Rückkehr Pahlavis verbinden viele in der queeren Community sowohl im Iran als auch in der Diaspora die Hoffnung, dort anzuknüpfen, wo die Kette einst gerissen ist. Noch hält das Regime die Zügel fest in der Hand. Die Risse im Machtapparat sind nicht massiv genug, um das Gebäude zum Einsturz zu bringen. Noch hat der amerikanische Präsident Trump seine versprochene „Hilfe“ nicht wahrgemacht, mit allen Risiken, die eine Intervention von außen birgt. Bis zur ersten CSD-Parade in Teheran ist es also noch ein langer, mitunter blutiger Weg – doch Abkürzungen sind nicht ausgeschlossen.
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