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Titelstory

Bye Bye Boomer: Generationenkonflikt in der LGBTIQ*-Community

24. Nov. 2023 Sascha Suden, Michelle Pantke
Bild: Ralf König

Boomer erklären anderen gern die Welt. Dabei haben sie diese doch zerstört, meinen manche Vertreter*innen der Gen Z. Sie seien schuld an der Klimakrise oder der Abhängigkeit von Gas oder Öl. Doch wie sieht dieser Generationenkonflikt in der LGBTIQ*-Community aus? Sascha Suden ist der Frage nachgegangen

Junge Männer in Kleidern. Mit Halsketten und Nagellack. Ricardo Simonetti küsst Conchita Wurst. Bambi Mercury umarmt SchwuZ-DJ Robin Solf. Bei der Premiere im Oktober im Friedrichstadtpalast präsentierten sich Millennials gemeinsam mit der Generation Z selbstbewusst und stolz: genderfluid, nicht binär, schwul, lesbisch, bi+, trans*. Die eigene Identität zählte, der Spaß am eigenen Ich. Da gingen die Vertreter*innen und Ikonen der Boomer-Generation fast unter. Klaus Wowereit, Ralph Morgenstern oder Thomas Herrmanns waren da, fielen aber bei der Premierenparty nicht weiter auf. Es gab keine großen Begegnungen der Generationen an diesem Abend. Vielleicht nicht überraschend, haben doch einige Millennials und Gen Zs Probleme mit der Boomer-Generation.

Die Band Schrottgrenze singt in ihrem Song „Boomer-Tränen“: „Wut steigt in die Luft wie CO2 / Es ziehen die SUVs vorbei / Auf ihren Heckscheiben steht weiter so / Füße immer fest am Gas / Sie kennen keine Limits / keine Tempolimits / und immer nur das eine alte Lied / auf ihrem Weg in die Rentnerrepublik. / Sie definieren Familie und Geschlecht / wollen Deutungsmacht in Sachen Sex.“

Rücksichtslos, Ich-bezogen, allwissend, so scheint die Band Schrottgrenze die Baby-Boomer-Generation zu sehen. Weil sie „beratungsresistent“ ist, auf „Armut und auf Klima“ scheißt, „fließen Baby-Boomer-Tränen, Millionen Baby-Boomer-Tränen“. Tränen, weil die Boomer sich bedauern und ihre Kinder anderes leben. Anders leben wollen. Für Schrottgrenze scheint dies eine traurige, wütende Generation zu sein, die nicht begreifen will, dass sie schuld an den Krisen der Welt ist.

Die Boomer-Generation umfasst diejenigen, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden. Allerdings werden gemeinhin die in den 60er-Jahren Geborenen gemeint, die heute zwischen 54 und 63 Jahre sind. Millennials, auch Generation Y genannt, sind alle, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurden. Gen Zs sind die heute 13- bis 27-Jährigen.

„Jede progressive Politik ausgesessen“

„Schau mal, nach 16 Jahren CDU-Regierung beziehungsweise GroKo – in beiden Fällen mit eiserner Boomer-Besetzung, in der wirklich jede progressive Politik in unerträglicher Überlänge ausgesessen und abgeschmettert wurde – haben wir uns nicht als Einzige gefragt, warum die politischen Spitzenrepräsentant*innen dieser Generation so dermaßen rückwärtsgewandt und ignorant sind“, begründet Saskia Lavaux, Sängerin von Schrottgrenze, den Boomer-Song.

Sie haben damit einen Nerv getroffen. Die Auseinandersetzungen und Streitigkeiten zwischen den Generationen haben mittlerweile jeden Lebensbereich erreicht. Ob Fridays for Future oder die Letzte Generation, die für das Klima kämpfen. In der FAZ, das sogenannte „Kampforgan der Boomer“, wird sich hingegen lustig gemacht über die „hypersensible Generation Schneeflocke, die nichts mehr aushält“ in der Arbeitswelt. Auch in der queeren Community schwelt der Konflikt, in der alte, schwule cis Männer die jugendlichen Genderfluiden nicht mehr verstehen. Generationenkonflikte hat es natürlich schon immer gegeben, aber die sogenannten Babyboomer und die Generation Z scheinen ganz besonders im Clinch miteinander zu liegen.

Queer, nicht binär, genderfluid scheinen für Teile der Boomer unverständlich zu sein. Und nicht nur das, sie haben Angst, ihre eigene hart erkämpfte Sichtbarkeit zu verlieren. In der sehenswerten „Queertopia“-Dokumentation von Grimme-Preisträger Marco Giacopuzzi beschreibt Lothar Dönitz das Dilemma der Älteren: „Die Sichtbarkeit funktioniert doch heute nicht mehr mit queer. Wo wird eine Lesbe sichtbar, wenn sie queer ist? Eine queere Community wird es nicht geben“, ist er sich sicher und fährt fort: „Vor 50 Jahren haben die Lesben gegen die Schwulen gekämpft.“ Für den schwulen cis Mann scheint eine gemeinsame queere Community ausgeschlossen zu sein. Dieser Konflikt zeigte sich u. a., als die Schwulenberatung Berlin dem Verein RuT das Grundstück für einen lesbischen Ort wegklagte.

Dort wurde letzten Monat ein weiterer „Lebensort Vielfalt“ eröffnet. Wunden sind geblieben. Diese klare Einteilung in „schwul“ oder „lesbisch“ ist vermutlich auch der Grund, warum viele queere Boomer nicht mit der jungen Generation klarkommen. Genderfluid oder non-binary ist für viele der älteren Generation nicht nachvollziehbar, obwohl es natürlich in verschiedenen Generationen Menschen gab, die jenseits des Zweigeschlechtersystems lebten. Laut dem Institut Ipsos identifizieren sich mittlerweile vier Prozent der Generation Z weltweit als transgender, nicht binär, gender-nonconforming, genderfluid oder divers, also als queer.

„Laut dem Institut Ipsos identifizieren sich mittlerweile vier Prozent der Generation Z weltweit als transgender, nicht binär, gender-nonconforming, genderfluid oder divers.“

Unter den Befragten, die vor 1997 geboren wurden, sind es nur ein Prozent. Das binäre System ist weiterhin präsent und führt immer noch zu Kämpfen, auch innerhalb der queeren Community. So befürchtet die Gründerin des ersten Frauenhauses Deutschlands und aktives Mitglied der damaligen Lesbenbewegung, Cristina Perincioli, dass die „endlos vielen Aufsplitterungen doch viel kaputt machen, wenn man die Leute immer in Schachteln packt“. Die 74-Jährige glaubt nicht an das 1989 von der Schwarzen Juristin Kimberlé Crenshaw entwickelte Konzept Intersektionalität, das gerade in aktivistischen Gen-Z-Kreisen viel Bedeutung beigemessen wird. „Es sind eben nicht mehr die Frauen wichtig, sondern die Klassenfrage, die Rassismusfrage und auf einmal hat man die Frauen vergessen. Es wird so beliebig“, beklagt Perincioli.

„Wir zeigen es der ganzen Welt“

Es gibt aber auch andere Stimmen. Gerhardt Haag, Schauspieler und ehemaliger Theaterleiter, fragt sich: „Was hat meine Generation neben allem Erreichten versäumt?“ Eine schlüssige Antwort hat er nicht. Für den 74-Jährigen war „,schwul‘ nie eine feste Identitätskategorie, sondern immer ein Kampfbegriff“. Genauso wie jede Zuneigung zu seinem Freund in der Öffentlichkeit immer ein Statement war. „Hand in Hand oder umarmt durch die Straßen gehen, war immer eine Demo: Wir zeigen es der ganzen Welt.“

Anders Ralf König: Der Comiczeichner beugte sich in den 80ern seinem damaligen Freund und ging gezwungenermaßen händchenhaltend durch die Dortmunder Innenstadt: „Das war kein Spaß. Dumme Bemerkungen und Hassblicke“ waren die Folge. König glaubt nicht, dass die Boomer etwas verpasst haben: „Was sollen sie versäumt haben? Jede Generation hat für das gekämpft, was gerade relevant war.“ Das waren in den 60er- und 70er-Jahren der Kampf um Anerkennung von Schwulen, Lesben und Bisexuellen, gegen den Paragraphen 175 und für die Emanzipation der Frau.

„Die queere Boomer-Generation hat Unglaubliches geleistet und bis heute grundlegende Communitystrukturen gegründet und konsolidiert.“

Das erkennt auch Saskia Lavaux an. „Die queere Boomer-Generation hat Unglaubliches geleistet – Repressionen getrotzt, Aids und Stigmatisierung ausgehalten und bis heute grundlegende Communitystrukturen gegründet und konsolidiert.“ Ein großes Lob folgt: „Von der Abschaffung des Paragraphen 175 bis zur „Ehe für alle“, das ist angesichts der gewaltigen Ignoranz der heterozentrisitschen Dominanzgesellschaft unglaublich viel.“ Denn während sich Boomer in ihrer Jugend verstecken mussten und oft nur im Geheimen ihre Homosexualität leben konnten – schließlich wurde der Paragraph 175 erst 1994 abgeschafft – zeigen sich die Millennials und Gen Zs heute selbstbewusst: Ob nicht binär, trans*, pansexuell – sie sind sichtbar, feiern queere Netflix-Charaktere oder das Coming-out von Prominenten. Jede Nuance queerer Identitäten kann sichtbar gemacht werden und sich mit einer eigenen Fahne präsentieren. Neben der traditionellen Regenbogenflagge setzt sich immer mehr die „Progress Flag“ durch, die um die Farben der Trans*- und Inter*-Fahnen sowie um einen schwarzen und braunen Streifen erweitert wurde, der für BIPoC-Communitys steht.

Bild: Ralf König
Aus Ralf Königs berühmter „Konrad und Paul“-Serie

Für Comiczeichner Ralf König, der 60 Jahre alt ist, unverständlich: „Ich verstehe nicht, warum es 73 verschiedene Pride-Flags geben muss. Dieses individuelle Abgrenzen tut der gemeinsamen Sache nicht gut.“ Dennoch versucht er es zu verstehen: „Die heutige Generation ist womöglich sensibel für Dinge, die wir damals nicht auf dem Schirm hatten oder nicht so wichtig fanden. Das ganze Trans*-Thema war ja kaum präsent.“ Umso präsenter ist das Thema heute: Obwohl Trans*-Aktivist*innen seit den 1980er-Jahren für ihre Rechte und die Abschaffung des Transexuellengesetzes (TSG) kämpfen, scheinen ihre Belange erst in den letzten paar Jahren in der Wahrnehmung der cis- und heteronormativen Mehrheitsgesellschaft angekommen zu sein. Dort führen vor allem Boomer einen Kampf gegen trans* Personen, was u. a. die Debatten um das Selbstbestimmungsgesetz im Deutschen Bundestag verdeutlichen.

„Die Jüngeren haben das Privileg, woanders anzufangen“

Tim Szyska, der in Berlin Lederoutfits auch für die Szene näht, ist sich sicher: „Die Debatte ist anstrengend, sie ist nervig und wird manchmal mit den falschen Mitteln geführt, aber die Debatte ist wichtig.“ Vorwürfe der jungen Generation, dass die Boomer an der Macht sitzen, treffen heutzutage sicher nicht mehr zu. Noch nie waren so viele junge, queere Menschen in der Politik oder in den Parlamenten. Kevin Kühnert, Ricarda Lang, Nyke Slawik präsentieren die neue, moderne queere Generation. Sichtbare prominente queere Boomer gibt es dagegen in der Politik nicht mehr, seit Klaus Wowereit in Rente ist. Natürlich sitzen viele Boomer noch in Führungspositionen, doch sie gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand und machen Platz für die nachfolgenden Generationen.

Verständnis auf beiden Seiten wäre sicher hilfreich. So findet Ali Can, 29-Jähriger Sozialaktivist und Diversity-Trainer, der bereits mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik ausgezeichnet wurde, versöhnliche Worte: „Ich bin der älteren Generation dankbar dafür, dass sie die Voraussetzungen geschaffen hat, für den Kampfgeist und dass sie mir ihre Geschichten erzählt.“ Kritisieren will er die Boomer nicht: „Das würde keinen Sinn machen, denn daran, dass sie so viel geleistet haben, kann ich partizipieren. Die Jüngeren haben das Privileg, woanders anzufangen. Deshalb haben wir auch eine Verantwortung, das sichtbar zu machen, was davor passiert ist, und die nötige Anerkennung zu geben.“

„Gemeint sind bei unserem Boomer-Begriff nicht per se alle Babyboomer, sondern all die, die eine ignorante Haltung vertreten.“

Auch Saskia Lavaux von Schrottgrenze verteufelt nicht alle Boomer. So heißt es in der dritten Strophe: „Es geht nicht um Alter, sondern um ‘ne Haltung.“ Die Songschreiberin differenziert: „Gemeint sind bei unserem Boomer-Begriff also nicht per se alle Babyboomer, nicht alle Personen, die zu der Alterskohorte gehören, sondern all die, die eine ignorante, konservative, gewaltvolle, antifeministische, antiqueere und rassistische Haltung vertreten.“

Dazu gehört sicher nicht Detlef Mücke. Der pensionierte Berliner schwule Aktivist und Gewerkschafter, der sich vor allem für schwule Lehrer einsetzte, meint, „dass jede Generation in einer anderen Zeit lebt, andere Bedingungen als die Generation davor hat und ihren eigenen Weg finden muss“. Vielleicht ist es an der Zeit, angesichts steigender Queerfeindlichkeit den Weg gemeinsam zu gehen, mit Zuhören und gegenseitigem Lernen? Für Ralf König ist klar, was beide Generationen miteinander verbinden kann: „Den Humor nicht verlieren. Nicht alles so verbissen sehen und zur Selbstironie fähig bleiben.“ Es ist beiden Generationen zu wünschen.

***

Seid ihr ok, Boomer?

Glosse von MICHELLE PANTKE

Bild: privat

Wir, die berühmte Gen Z, sagen „Ok, Boomer” auch neckend zu jungen Menschen, deren Angewohnheiten oder Eigenschaften klassischerweise der ewig gestrigen Generation unserer Großeltern zugerechnet werden. Aber was für ein Verhalten muss man aufweisen, um als Boomer bezeichnet zu werden?

1. Boomer können nicht gut mit dem Internet umgehen.

Sie benutzen als einziges soziales Netzwerk Facebook und als Messengerdienst WhatsApp. Hier verbreiten sie in Familiengruppen Sharepics mit ulkigen Tieren und lustigen Sprüchen, gerne auch mit Bezug auf aktuelle Geschehnisse: Im besten Fall ist es die entlaufene Löwin in Berlin, im schlimmsten sind es Gewaltfantasien gegen Klima-Aktivist*innen.

2. Viele Boomer haben konservative (gerne auch rechte) Meinungen gepaart mit Neoliberalismus.

Niemand sollte es zu leicht haben im Leben. Chancengleichheit gäb’s eh: Sky is the limit (für die, die hart genug arbeiten selbstverständlich). Wem die Mieten in Großstädten zu teuer sind, solle einfach in die Provinz ziehen. Über Rassismus und Queerfeindlichkeit zu reden gilt als Symptom einer dekadenten Moderne, in der es keine „echten Probleme“ mehr gibt. Und sowieso seien die Menschen mittlerweile zu empfindlich geworden, denn „denen geht‘s viel zu gut“. Mir wurde beim Thema Rassismus einmal entgegnet, dass ich mich nur davon kleinhalten ließe, weil ich die Opferrolle für mich gepachtet hätte. Wer willensstark sei, der ließe Rassismus in allen Formen einfach an sich abprallen. Gen Z sei ohnehin verweichlicht und habe zu hohe Ansprüche: auf der Arbeit nicht rassistisch beleidigt oder angegrabscht werden wollen, zum Beispiel.

3. Boomer hingegen leben nicht für die Arbeit, sie sind die Arbeit (Vor allem für uns!).

Sie prahlen damit, dass sie selbst noch krank zur Arbeit gehen würden und lästern über die, die Krankheiten nur „vortäuschen“. Mit den Kolleg*innen face-to-face im Büro zu reden sei einfach viel persönlicher als über Zoom. Über das Gehalt spricht man dennoch nicht so gern, denn das wäre unsolidarisch dem*der Arbeitgeber*in gegenüber, der*die einen aus Nettigkeit und Herzensgüte beschäftigt. Sie brauchen den sozialen Kontakt im Büro aber auch, weil es manchmal darüber hinaus keine sozialen Kontakte gibt. Der unflexible Umgang mit neuen Dingen und die fehlende Reflexion der eigenen Privilegien und Lebensumstände sind wahrscheinlich die Merkmale, die für uns am schwersten zu ertragen sind.

4. Was ein Boomer nicht kennt, frisst er nicht.

Weiße deutsche Boomer, jung wie alt, essen eher selten über ihren Tellerrand hinaus. Nicht nur, weil „die da drüben“ immer alles so scharf machen, sondern auch weil doch nichts über ein kaltes Abendbrot geht. Essen muss der Mensch, satt machen soll es und im Magen wird eh alles vermengt. Mahlzeit! Leider wird bei Boomern nicht nur beim Verdauen so einiges Unzusammenhängendes vermengt, sondern auch in Argumentationen. Ob auf Facebook gelesen oder bei Thorsten im Fitti aufgeschnappt: Whataboutism und schräge Vergleiche sind Boomer-Weltkulturerbe, nur um am Ende doch mit einem beleidigten „ist ja auch egal“ die Diskussion zu beenden. Aber letztendlich macht einen Boomer nichts wütender als junge Menschen, die auf schönen Tellern bedacht ihr Abendessen anrichten, sich einen Naturwein einschenken, eine Kerze anzünden und ein Foto von der Szenerie posten. Das sei die pure Dekadenz. Auch wenn es vielleicht das Einzige ist, was uns nach einem Arbeitstag in einer prekären Beschäftigung mit einem fetten Minus auf dem Konto noch den Tag rettet.

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