Interview mit den Geschwistern Pfister

Christoph Marti als Merkel – mit „Haltung“ und „Fettwürsten“

1. Juni 2026 Kevin Clarke
Bild: Franziska Strauss
Christoph Marti (re.) als Angela Merkel mit Tobias Bonn (li.) als Joachim Sauer

Christoph Marti aka Ursli Pfister hat schon viele Frauenrollen gespielt – meist flamboyante Showbizfiguren wie Clivia an der Komischen Oper oder Peggy March in der Bar jeder Vernunft. Nun schlüpft er erneut in die Rolle von Angela Merkel, während sein Ehemann Tobias Bonn Joachim Sauer spielt – in „Miss Merkel – Mord in der Uckermark“

Ihr kehrt im Juni auf die Bühne der Komödie im Ernst-Reuter-Saal in Reinickendorf zurück. Christoph Marti: Ich habe bislang eher glamouröse Frauenfiguren gespielt. Bei vielen dieser Rollen konnte ich bis zum Schluss kaum glauben, dass ausgerechnet ich sie spielen soll. Aber genau das ist mein Kick. Man muss dazu sagen, dass ich seit 40 Jahren nicht mehr für eine Rolle vorgesprochen habe – die Partien kommen eher auf mich zu.

In diesem Fall gab es zuerst den Bestseller von David Safier, dann die Verfilmung mit Katharina Thalbach – und erst danach das Theaterstück. Die Autoren Florian Battermann und Jan Bodinus haben es der Komödie angeboten, in der Hoffnung, dass Kathi die Rolle spielt. Aber sie wollte das Stück nicht auch noch auf der Bühne machen. Wir hatten gerade zusammen in „Mord im Orientexpress“ gespielt – über 100 Vorstellungen in vier Jahren. Da hat Kathi zu Martin Woelffer von der Komödie gesagt, Tobi und ich sollten das übernehmen. Und er hat das sofort umgesetzt.

„Es ist spannend, sich Merkel einmal als Heldin vorzustellen – ohne den ganzen Gegenwind, den sie im echten Leben abbekommen hat“

Was reizt dich daran, Angela Merkel zu spielen? Marti: Es ist vielleicht kein großartiges Stück, aber es ist spannend, sich Merkel einmal als Heldin vorzustellen – ohne den ganzen Gegenwind, den sie im echten Leben abbekommen hat. Mich interessierte sofort der Körper: die Haltung, die Outfits. Ich wollte wissen, was das mit mir macht. Das ist der Spaß daran – und der ist genauso groß, wie wenn ich als Clivia die Showtreppe herunterkomme. Es geht um Verwandlung. Und wegen dieser Verwandlungen bin ich überhaupt zum Theater gegangen.

Im Fall Merkel konnte ich mir anfangs nicht richtig vorstellen, ob das funktioniert. Als wir das Plakatshooting hatten, sagte die Kostümbildnerin zu mir: „Wir müssen diesen Körper ernst nehmen.“ Da dachte ich sofort: Das klingt super. Sie hat mir nicht einfach einen Fat Suit geschneidert, sondern auf Basis von Fotos Bauchringe angefertigt, die wie „Fettwürste“ fallen. Und die hat sie einzeln mit Stahlkugeln gefüllt. Das war ein Geschenk, weil es mir geholfen hat, in die Rolle hineinzufinden.

Werden die Geschwister Pfister jetzt politisch? Marti: Ich würde nicht sagen, dass Figuren aus der Politik mein neues Kernthema sind. Aber es gibt tatsächlich schon eine Anfrage, ob ich nicht Hannelore Kohl spielen will. Das wird keine Komödie, sondern eine Oper!

Natürlich gibt es da auch einen Camp-Aspekt, weil wir uns früher immer über Hannelore Kohl lustig gemacht haben – über ihren Look und darüber, dass sie die Frau an der Seite von Helmut Kohl war. Aber diese Frau hat sich am Ende das Leben genommen. Das hat mir damals die Sprache verschlagen. Denn es war offensichtlich lange und gründlich überlegt. Und ihre Geschichte ist absolut erzählenswert. Kaum jemand weiß zum Beispiel, dass sie eigentlich Berlinerin war.

Bild: Franziska Strauss
Christoph Marti (li.) und Tobias Bonn als Ehepaar Merkel-Sauer

Zurück zu Merkel: Aus LGBTIQ*-Sicht ist sie nicht unumstritten – Stichwort „Bauchgefühl“ und Eheöffnung. Wie ist es für dich, eine solche Figur zu spielen? Marti: Das funktioniert für mich nur, wenn ich die Figur nicht bewerte. Ich hätte Merkel sicher nicht gewählt, wenn ich als Schweizer in Deutschland wählen dürfte, denn die CDU ist nicht meine Partei. Aber dieser Mensch, den man bei Merkel gespürt hat – dieses Profil, dieser Instinkt –, danach sehne ich mich heute fast ein bisschen. Ja, sie hat damals gesagt, ihr Bauchgefühl sei gegen die Eheöffnung. Aber sie hat später ihre Meinung geändert. Und Menschen, die ihre Meinung nachvollziehbar ändern können, stehen bei mir sehr hoch im Kurs. Tobias Bonn: Ich glaube nicht, dass sie persönlich etwas gegen Homosexuelle hatte; das war eher politisches Kalkül. Darüber habe ich mich damals auch sehr geärgert und hätte sie ebenfalls nie gewählt. Diese Themen kommen in „Miss Merkel“ leider etwas zu kurz. Das Stück ist eher harmlos-lustig, eine gut gebaute Kriminalkomödie. Deshalb haben wir Musik von Thomas Pigor eingebaut, weil die einen bissig-scharfen Kommentar liefert. Das tut dem Ganzen gut.

„Für mich gehört das alles zur Vielfalt – auch wenn es manchmal etwas mehr Mühe kostet, dieses Publikum aus der Reserve zu locken“

Ist Merkel zu einer Aufführung gekommen? Bonn: Nein. Peter Raue hat sie einmal darauf angesprochen, und da hat sie gesagt, das schaue sie sich nicht an.

Im Ernst-Reuter-Saal sitzt ein ganz anderes Publikum als in euren Stammhäusern, dem Tipi oder der Bar jeder Vernunft. Bonn: Ja, aber es hat sich inzwischen schon ein bisschen gemischt. Und das finde ich super. Es ist total rührend zu sehen, wie diese eher älteren Westberliner*innen ihre Himbeerbowle trinken. Marti: Ich lerne das gern kennen und schaue da überhaupt nicht mit Dünkel drauf. Für mich gehört das alles zur Vielfalt – auch wenn es manchmal etwas mehr Mühe kostet, dieses Publikum aus der Reserve zu locken.

Bekommt ihr Feedback? Bonn: Man merkt ja schon während der Aufführung, wie die Leute reagieren. Einige haben sich allerdings gestört gefühlt von den politischen Spitzen in den Songs. Interessanterweise wurde aber der Travestiemoment nie diskutiert. Niemand hat gefragt, warum Merkel von einem Mann gespielt wird. Das ist toll. Marti: Ich spiele die Rolle auch nicht als Drag-Performance, sondern als Schauspielerin. Aber das typische Komödienpublikum fand die kritischen Lieder teilweise unpassend – etwa das Lied über die AfD-Frau oder das über die Boomer-Generation. Ich fand diese politischen Spitzen allerdings gut, weil dadurch ein bisschen Wirklichkeit ins Stück kommt.

Leistet ihr mit „Miss Merkel“ Wahlkampfhilfe für die CDU bei der Abgeordnetenhauswahl im September? Marti: Dieses Stück, in dem Merkel als Heldin erscheint, wäre heute wahrscheinlich eher ein Grund, die CDU nicht zu wählen – wenn man sich anschaut, wie die Partei inzwischen aufgestellt ist.

Miss Merkel – Mord in der Uckermark
Regie: Martin Woelffer. Mit: Christoph Marti, Tobias Bonn, Winnie Böwe, Max Gertsch u. a.
04.-7.06., 09.-13.06., 16.-20.06, 19:30; 14.06., 18:00
Komödie im Ernst-Reuter-Saal

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