Gastkommentar

Coronafieber: Wie das Virus unsere Freiheit einschränkt

18. März 2020 Florian G. Mildenberger
Bild: Imago Images: Sabine Gudath

Quasi von einem Tag zum anderen war nichts mehr wie es war. Der Shutdown im Kontext der Coronakrise sorgt für gesellschaftlichen und kulturellen Stillstand. Deutschland und Europa machen die Grenzen dicht. Die Meinungen zu den Schutzmaßnahmen der Regierung gehen auseinander: Während viele sie als absolut notwendig betrachten, allen voran um die Menschen, die besonderen Risikogruppen angehören, zu schützen, stellen sich andere die Frage, welche Auswirkungen diese Einschränkung der Bürgerrechte eigentlich zukünftig auf die freie Lebenskultur haben könnten. So auch Florian G. Mildenberger, der für SIEGESSÄULE kommentiert

Es ist ruhig in Berlin. Keine Disco, keine Bar, keine Sauna hat geöffnet. Die Cafes sind verwaist, alles hockt zuhause aus Panik vor einem unsichtbaren Feind. Einem Virus. Wieder mal. Nicht Aids sondern Covid-19. Doch dieses Mal ist alles anders. Keine selbst berufenen Gesundheitsführer, die die ordentlichen Deutschen vor einer „Schwulenseuche“ beschützen müssen. Nein, dieses Mal erklärt ein schwuler Gesundheitsminister der Bevölkerung, was sie zu tun hat. Das ist irgendwie ein Treppenwitz der Geschichte, dass das Wort von Jens Spahn mehr wiegt als der göttliche Auftrag an Priester und Prediger, Kranken immer und überall beizustehen. Auch die Gotteshäuser jeder Art sind geschlossen.

Und doch, die Geschwindigkeit und Vorgehensweise der Behörden in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, ist verstörend. Spanien und Österreich verhängen den Ausnahmezustand. Nachbarländer schließen ihre Grenzen, der Flugverkehr wird eingestellt, die geschlossene Staatsgrenze zum Kulturgut erhoben. Hierzulande vollzieht sich eine Einschränkung von Bewegungs- und Versammlungsfreiheit, wie es allenfalls die Notstandsgesetze erlauben würden. Doch die wurden nicht bemüht, der Bundestag entließ sich selbst. Demonstrationen gegen die Selbstausschaltung des Parlaments sind nicht möglich, weil das dem Schutz der Bevölkerung vor Ansteckung zuwiderlaufen würde. Die sexuelle Freiheit, ein zentrales Element der westlichen Welt, immer aufs Neue beschworen, wenn sich selbst berufene Retter des Abendlandes vom Rest des Erdballs abgrenzen wollten, gilt plötzlich nichts mehr.

Am Anfang sind es nur ein paar geschlossene Clubs, doch geht es um mehr: eine Infrastruktur, ein Lebensgefühl, einen Ort der Freiheit. Nach einiger Zeit wird dieser permanente Ausnahmezustand sich nicht mehr rechtfertigen lassen. Vor allem dann nicht, wenn Behörden jeden Tag eine neue Wahrheit, einen neuen Wissensstand, eine neue Verhaltensmaßnahme verkünden. Es wird darüber zu diskutieren sein, wieso das Gesundheitssystem so fragil (geworden) ist. Es werden unangenehme Fragen kommen, wer eigentlich dafür verantwortlich war und ist, dass Intensivstationen zugesperrt wurden, weil plötzlich Gesundheit und Krankheit Marktfaktoren und keine allgemeinen Güter mehr waren. In Italien stellt man sich in den Notaufnahmen ganz offen die Frage, welcher der Patienten wert ist, behandelt zu werden, oder wen man lieber sterben lässt. So weit ist es hier noch nicht.

Es wäre besser, die hausgemachten Probleme jetzt zu benennen, solange die Diskurshoheit noch nicht an die Radikalen verloren gegangen ist. Im Internet, in Foren, bei Youtube oder anderen Orten. Noch fehlt es nur an Klopapier. Daher dies zum Abschluss: Werte Leser*innen, wer als alleinstehender Mensch an der Supermarktkasse steht und 20 Pakete Klopapier kaufen will, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er vielleicht nicht besser in einer urologischen Sprechstunde aufgehoben wäre als im Supermarkt.

#Coronavirus#queer#Gesundheitssystem#Ausnahmezustand#Politik